Vorläufiger Tiefpunkt im amerikanischen Wahlkampf, der selbst hartgesottene Republikaner sprachlos macht: Vivek Ramaswamy, einst Präsidentschaftsbewerber gegen ihn und heute Donald Trumps Wunschkandidat für den Gouverneurssessel in Ohio, hat mit einer beispiellosen Attacke gegen seine demokratische Rivalin Amy Acton viele Parteifreunde befremdet. Die wenden sich mit Schaudern ab und befürchten einen Denkzettel bei den Zwischenwahlen am 3. November. Einsame Ausnahme: Trump und sein Vize-Präsident JD Vance nahmen keinen Anstoß.

Acton wurde als 12-Jährige vergewaltigt

Für vier Millionen Dollar ließ der 41-jährige Multimillionär einen Wahlwerbespot produzieren und verbreiten, in dem eine Mutter ihre eigene Tochter als notorische Lügnerin diffamiert. Was die Zuschauer nicht erfahren: Die Tochter wurde als Kind sexuell missbraucht. Und die Mutter stellte sich damals auf die Seite des mutmaßlichen Täters – ihres damaligen Ehemannes.

Donna Arthur heißt die Frau, die in dem einminütigen Video vor der Kamera sitzt und über ihr eigen Fleisch und Blut herzieht. „Amy lügt über ihre Vergangenheit. Sie hat ihr ganzes Leben lang gelogen“, behauptet sie. Acton sei darum ungeeignet, Ohio zu regieren. Was wie die bittere Abrechnung einer enttäuschten Mutter wirken soll, ist die politische Instrumentalisierung einer Kindheit voller Gewalt, Vernachlässigung und Angst.

1978 wurde Actons Stiefvater Cledith Arthur angeklagt, die damals Zwölfjährige vergewaltigt zu haben. Polizeiprotokolle und Gerichtsakten belegen die Anklage. Der Mann bestritt die Tat, entzog sich dem Verfahren durch Flucht und starb später ohne Verurteilung. Amy und ihr Bruder wurden der Mutter entzogen. Seit 1978 hat Amy Acton sie nach eigenen Angaben nicht mehr gesehen.

Der Spot tauchte am Montag zunächst ohne Absender in sozialen Medien auf und schlug in Windeseile Wellen. Am Dienstag bekannte sich Ramaswamys Kampagne zur Urheberschaft. Der Kandidat persönlich sagte verzagte klingend, er würde lieber gern über die Themen sprechen, die Ohio unter den Nägeln brennen. Eine Entschuldigung bei Acton, ein offizieller Rückzug des Spots der Schande? Fehlanzeige. Vielmehr erklärte Wahlkampfmanager Jonathan Ewing, dies sei nun der Moment, der Actons Kandidatur beenden werde.

McCain-Tochter: „Niederträchtig“

Die Empörung reicht tief ins republikanische Lager. Nikki Haley, einst Gouverneurin in South Carolina und Trumps Konkurrentin bei der Präsidentschaftskandidatur 2024, und Meghan McCain, Tochter des verstorbenen konservativen Senators John McCain, verurteilten den Angriff. McCain nannte ihn „niederträchtig“. Der konservative Kommentator Scott Jennings zeigte sich entsetzt. Selbst Casey Putsch, früher Ramaswamys innerparteilicher Rivale, kündigte an, nun Acton zu wählen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Ihr Bruder Philip Stearns verteidigt sie: Amy habe als Kind besonders viel Gewalt ertragen, um ihn zu schützen. Acton selbst spricht von einer erneuten Ausbeutung ihres Traumas. Donald Trump Jr. dagegen verbreitete den Spot weiter. Sein Vater, der Präsident, konnte von Journalisten befragt kein Fehlverhalten bei Ramaswamy erkennen. Vize-Präsident JD Vance gab indirekt die Losung aus: Augen-zu-und-durch. Vor den Demokraten dürfe man sich nie kleinmachen.

Senatoren-Rennen als Kollateralschaden?

Der politische Hintergrund ist aber nicht ohne. In der jüngsten Marist-Umfrage liegt Acton mit 50 zu 43 Prozent vorn. Ohio wählt am 3. November auch einen Senator. Dort kämpft der Republikaner Jon Husted gegen den Demokraten Sherrod Brown. Ein Skandal im Gouverneursrennen könnte das gesamte republikanische Ticket beschädigen. Husted hat sich bereits klar von Ramaswamy distanziert. “Ich hätte den Spot nicht gemacht.”

News aus den USA

Noch ist offen, ob Ramaswamys Krawall-Kalkül aufgeht. Fest steht: Hier wird nicht mehr nur die Glaubwürdigkeit einer Kandidatin attackiert - sondern das Leid eines missbrauchten Kindes Jahrzehnte später zur Wahlkampfwaffe gemacht. Amerikas politische Verrohung hat eine neue Grenze überschritten.