Forschungsministerin Dorothee Bär war schon für die Frauenquote, als viele in ihrer Partei so was noch für kompletten Unsinn hielten. Bis heute ärgert sich die CSU-Politikerin über den Umgang mit Frauen in Spitzenämtern – aber auch über Ungleichbehandlung im Alltag, gerade bei der medizinischen Versorgung.

Frau Bär, der Medizinnobelpreis ist dieses Jahr nach Deutschland gegangen. Was war Ihr erster Gedanke, als die Nachricht kam?

Dorothee Bär: Ich habe mich riesig gefreut. Das ist eine großartige Nachricht für Deutschland. Und ich habe mich dadurch intensiv mit Optogenetik beschäftigt.

Die Forscher – der Biophysiker Peter Hegemann, der Biologe Georg Nagel und ihr amerikanischer Kollege, der Neurobiologe Karl Deisseroth – haben ein Werkzeug zur Erforschung der Kommunikation von Nervenzellen im Gehirn entwickelt. Es kann helfen, Ängste, Aggressionen oder Demenz besser zu verstehen. Wann werden Patienten im Alltag davon profitieren?

Am Tag der Nobelpreis-Verkündung habe ich mit beiden Forschern telefoniert. Sie forschen ja nicht nur zur Optogenetik, sondern auch in anderen Bereichen. Sie haben aber gesagt, dass sie jetzt noch stärker in der Optogenetik forschen wollen. Es geht dabei nicht nur um neurologische Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder Epilepsie. Auch Vorgänge im Gehirn, die mit Emotionen wie Angst oder Aggression zusammenhängen, lassen sich so genauer untersuchen. Und es geht auch um erste Durchbrüche bei der Heilung von Sehschwächen. Es wäre eine Sensation, wenn es uns eines Tages gelingen würde, Blinde wieder sehend zu machen! 

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#27 Dorothee Bär über Kinder im Bundestag und den Feminismus-Faktor von Friedrich Merz
Meine schwerste Entscheidung
 

Sind wir schnell genug bei der Umsetzung von medizinischen Forschungsergebnissen zu konkreten Therapien?

Wir müssen noch schneller werden. Aber es ist oft eine Kostenfrage. Es gab dieses Jahr einen Durchbruch bei der Behandlung von metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs, mit dem die durchschnittliche Überlebenszeit der Patienten nahezu verdoppelt werden könnte. Die Therapie kostet allerdings im Moment noch pro Monat knapp 40.000 Dollar.

Die Zahl der Nobelpreisträgerinnen aus Deutschland kann man an einer Hand abzählen. Bis heute sind nur 30 Prozent der hauptberuflichen Professoren Frauen. Das ist bitter, oder?

Frauen sind heute so gut ausgebildet wie nie zuvor – aber in Führungspositionen immer noch stark unterrepräsentiert. Wir haben in den vergangenen Jahren viele Programme gestartet, um die Strukturen zu verbessern. Unter anderem durch das Professorinnen-Programm ist der Anteil seit 2008 von 17 auf knapp 30 Prozent im Jahr 2025 gestiegen, aber unser Ziel sind 50 Prozent. Ich möchte das in meiner aktiven politischen Zeit erleben. 

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Hat das Geschlecht der Forschenden Einfluss auf die konkrete Forschung?

Ja.

Was meinen Sie konkret?

Es ist eine Frage der Perspektive: Wenn ein Mann und eine Frau mit den gleichen Beschwerden zum Arzt gehen, kann es passieren, dass der Mann Medikamente bekommt und die Frau bloß den Rat „Entspann dich mal“. Es macht dabei überdies oft einen großen Unterschied, ob sie vor einem Arzt oder einer Ärztin sitzen. Und so ist es auch in der Forschung: Wenn Männer entscheiden, welche Forschung gemacht wird, werden andere Fragen und Themen untersucht, als wenn Frauen die Forschungsfragen gestellt haben.

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Gendergerechte Forschung ist eine alte Forderung. Wo steht Deutschland beim Gender Health Gap auf einer Skala von 0 bis 10?

Es gibt kein Land auf der Welt, das bei acht, neun oder zehn liegt. Es gibt aber Länder, die bei einzelnen Disziplinen schon sehr weit sind, die Briten zum Beispiel beim Thema Wechseljahre. Deutschland liegt in der Mitte, bei fünf oder sechs. Ich habe immer gesagt, wir sind bei gendergerechter Forschung noch Entwicklungsland, aber eigentlich sind wir weltweit noch im Neandertal.

Wo sehen Sie besonders großen Aufholbedarf?

Es gibt neun Millionen Frauen in den Wechseljahren, 80 Prozent davon haben Beschwerden, jede Dritte muss ihr Leben danach ausrichten, bis hin zur Berufsunfähigkeit. Viele ziehen sich sogar komplett zurück. Das ist kein Nischenthema. Wir fördern deswegen jetzt Forscherinnen und Forscher in diesem Bereich: Wir starten 2027 mit 21 Millionen Euro in Jena, Homburg/Saar, Witten/Herdecke, Leipzig, Freiburg und Tübingen. 

Warum kommt das jetzt erst?

Es war lange Zeit ein Tabuthema. Vor allem Männer reagieren heute oft immer noch schockiert, wenn man allein das Wort ausspricht. Ich war neulich bei einem Empfang eingeladen, wir mussten länger vor der Tür warten und ein Kollege wollte mir seine Jacke anbieten. „Danke, nein, die brauche ich nicht – Perimenopause“, habe ich lachend gesagt. Die Reaktion war betretenes Schweigen. Frauen dagegen bedanken sich oft dafür, wenn man solche Dinge klar benennt.

Patientenvertreter fordern, dass in klinischen Studien die gesamte Vielfalt der Bevölkerung abgebildet werden muss. Wen vergisst die Forschung bislang?

Frauen sind keine kleinen Männer, Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Das ist inzwischen Standard in der medizinischen Forschung. Es gibt aber nach wie vor Fälle, bei denen zu lange wichtige Faktoren nicht berücksichtigt wurden: In der Kinderkrebstherapie denkt man jetzt nicht nur ans Überleben, sondern auch an den Erhalt der Fruchtbarkeit der Patientinnen und Patienten. Oder: Forscher wollen jetzt mehr wissen über Adipositas als Hemmnis und Hürde für den Kinderwunsch. 

Start Ausstellungsschiff "MS Wissenschaft"
Dorothee Bär an Bord des Ausstellungsschiffs MS Wissenschaft.© picture alliance/dpa | Carsten Koall

In der Spitzenpolitik ist es wie in der Spitzenforschung. Es fehlt an Frauen. In dieser Woche ist SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas zurückgetreten und hat dabei unter anderem auf Angriffe in der Zeit ihrer Trauer verwiesen. Glauben Sie, dass man mit einem Mann auch so umgegangen wäre?

Bärbel Bas war im Kabinett meine Sitznachbarin. Wir wussten ganz lange nicht, warum sie sich zurückgezogen hatte. Persönlich habe ich keine Angriffe mitbekommen, im Gegenteil: Wir sind ein sehr mitfühlendes, empathisches Kabinett. Bauministerin Verena Hubertz konnte sich rund um die Geburt ihres Kindes die nötige Auszeit nehmen. Das geht heute Gott sei Dank ganz selbstverständlich. Bei mir war das anders: Bei der Geburt meines ersten Kindes vor 20 Jahren wurde mir das Gefühl vermittelt, dass mir noch nicht einmal das Wochenbett zustünde. Ich musste sofort wieder funktionieren. Aber es stimmt schon: Bis heute wird mit Frauen anders umgegangen.

Was meinen Sie genau?

Frauen müssen sich immer noch mehr beweisen als Männer. Für eine Frau ist der Weg zu einem Spitzenposten dreimal so anstrengend wie für einen Mann.

Ein Spitzenamt könnte demnächst mit einer Frau besetzt werden. Bekommt Deutschland jetzt die erste Bundespräsidentin?

Deutschland ist seit Langem bereit für eine Bundespräsidentin.

Ihr Parteifreund Markus Söder hat die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner ins Spiel gebracht. Warum sagt Friedrich Merz nicht einfach ‚Ja‘ dazu?

Ich gehe davon aus, dass die drei Parteivorsitzenden von CDU, CSU und SPD einen Zeitplan vereinbart haben. Ilse Aigner könnte es, sie ist beliebt und sie leistet als bayerische Landtagspräsidentin gute Arbeit.

Sie sind schon ein bisschen genervt, dass es sich so lange hinzieht?

Ich bin nie genervt. Ich habe eine große innere Ruhe in mir. Ich bin post-genervt.

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Wie schauen Sie als CSU-Frau auf die schlechten Umfragen der CDU? Mit Mitleid, mit Sorge?

Ich habe mir schon vor mehr als 20 Jahren vorgenommen, mich nicht mehr von Umfragen närrisch machen zu lassen.

Wenn es demnächst in Sachsen-Anhalt einen AfD-Bildungs- und Forschungsminister gibt, was befürchten Sie für die Wissenschaft im Land?

In Sachsen-Anhalt gibt es viele wichtige Forschungseinrichtungen – allen voran das Bauhaus und die Leopoldina. Wenn die komplette Förderung ausfallen sollte, weil es kein Geld mehr aus dem Landeshaushalt gibt, kann großer Schaden angerichtet werden. Die Leopoldina zum Beispiel könnte dann ihre Bibliothek mit den Originalschriften von Albert Einstein nicht retten. Der Bund und die anderen 15 Länder könnten das nicht kompensieren.

Was bedeutet eine AfD-Regierung für Forscherinnen und Forscher?

Wenn ganze Forschungsbereiche gestrichen werden sollten, müssen wir sehen, dass möglichst viel Personal an den Universitäten in anderen Bundesländern aufgefangen würde. Auch das ist nicht einfach für andere Hochschulen. Wenn die Wissenschaftsfreiheit beeinträchtigt wird, muss ein länderübergreifendes Hilfsnetzwerk greifen. Gut ist aber, dass hier die Haltung von Bund und Ländern im letzten halben Jahr sehr geschlossen war – und vor allem auch in der wissenschaftlichen Community selbst. Wir lassen die Wissenschaft nicht hängen.

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär ist am Donnerstag zu Gast bei der Jahresveranstaltung der Initiative STUDIENWIRKEN der FUNKE Mediengruppe in Berlin. Sie bringt Vertreter und Vertreterinnen aus Politik und Patientenorganisationen, Wissenschaft und klinischer Forschung, medizinischer Versorgung und forschender Industrie zusammen.