Die Trauer war zu groß, die Verletzungen zu tief für Bärbel Bas. Hinter ihr liegen schwere Stunden, Tage und Wochen. Mehrfach berät sie mit Lars Klingbeil, bevor sie sich am Samstag sicher ist: Bärbel Bas tritt sofort als SPD-Vorsitzende und Arbeitsministerin zurück. In einer gemeinsamen Erklärung informierten die beiden am Montagmorgen die Öffentlichkeit, Vizekanzler Klingbeil setzte Kanzler Friedrich Merz in Kenntnis.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Bas hatte vor wenigen Tagen eine enge Angehörige verloren. „Nach dem Tod meiner Stieftochter habe ich festgestellt, dass ich Zeit brauche, um die Trauer zu verarbeiten“, erläuterte Bas. „Diese möchte ich mir ausreichend nehmen.“ Doch sie führt eine weitere Begründung an: „Darüber hinaus muss ich leider feststellen, dass die öffentlichen Angriffe auf mich, leider auch aus den Reihen des Koalitionspartners, in dieser für mich persönlich schwierigen Zeit weiter forciert wurden.“

Bas zog sich aus dem Tagesgeschäft zurück, um sich um ihre todkranke Stieftochter zu kümmern
Der Rücktritt einer Ministerin und Vorsitzenden einer Regierungspartei löst ein politisches Beben aus. Dass Bas ihren Schritt auch mit Attacken des Koalitionspartners begründet und dabei Rückendeckung von Klingbeil und anderen führenden Sozialdemokraten erhält, könnte das Klima in dem Bündnis weiter belasten.
Seit Monaten wusste Bärbel Bas von einer schweren Erkrankung ihrer Stieftochter. Vor wenigen Wochen erfuhr Bas, dass die Erkrankte nur noch sehr kurz zu leben hat. Bas zog sich daraufhin raus aus dem politischen Tagesgeschäft in Berlin, um sich um ihre todkranke Angehörige zu kümmern. Es war im Regierungsviertel zuletzt kein Geheimnis, was bei Bas los ist. Der Koalitionspartner sei über ihre persönliche Lage informiert worden, heißt es in der SPD.
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SPD kritisiert politische Angriffe auf Bas in schwerer Zeit
Schließlich ging ihr Ministerium sogar an die Öffentlichkeit. Am 23. September will Bas mit Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) einen Aktionsplan gegen Sozialleistungsmissbrauch vorstellen, doch Bas lässt sich vertreten. Aus dringenden familiären Gründen habe die Ministerin alle Termine der nächsten Tage abgesagt, erklärt ihre Pressestelle. Am 5. Oktober folgte eine weitere Mitteilung: „Wegen eines Trauerfalls im engsten Familienkreis kann die Ministerin diese Woche keine Termine wahrnehmen.“
In der SPD wird kritisiert, es habe in der Zeit wiederholt politische Angriffe aus der Union auf Bas gegeben. Klingbeil sprach dies sogar beim Koalitionsausschuss in der vergangenen Woche an, bei dem seine Co-Vorsitzende ebenfalls fehlte. Am Ende sei es kein konkreter Anlass gewesen, der die Sozialdemokratin verletzt habe, sondern die Summe der Attacken, heißt es.

CDU-Politiker zu Bas: „Die Ministerin ist nicht mehr tragbar“
Genannt wird etwa die Aussage des Vorsitzenden des Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion, Christian von Stetten, aus der zweiten Septemberwoche: „Die Ministerin ist nicht mehr tragbar.“ Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) forderte Bas am ersten Oktoberwochenende auf, endlich Tempo bei der Rentenreform zu machen. Von genervten nicht öffentlichen Äußerungen hoher Unionsvertreter über Bas‘ langes Fehlen ist zudem die Rede.
„Eine Politikerin, die in Zeiten des persönlichen Leids und der persönlichen Trauer politischen Angriffen ausgesetzt ist: Das ist unanständig“, mahnte Klingbeil nun. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, erklärte: „Die Attacken der CDU – trotz ihrer persönlichen schweren Situation – waren unmenschlich und rücksichtslos.“
Als Vater und Großvater kann ich nur erahnen, wie schwer dieser Verlust wiegt.
Friedrich Merz
„Es gerät leider oft aus dem Blick, dass Politiker Menschen aus Fleisch und Blut sind“
In der Union wurden die persönlichen Umstände von Bas‘ Rückzug mit Bestürzung aufgenommen. „Es gerät leider oft aus dem Blick, dass Politiker Menschen aus Fleisch und Blut sind“, sagte der Chef des CDU-Sozialflügels, Dennis Radtke, dieser Redaktion. Merz dankte Bas und erklärte: „Als Vater und Großvater kann ich nur erahnen, wie schwer dieser Verlust wiegt.“
Merz berichtete, er habe Bas ausdrücklich ermutigt, sich die erforderliche Zeit zu nehmen, seine Partei habe er in den letzten drei Wochen zur „christlichen Rücksichtnahme“ aufgefordert. Er könne aber nicht feststellen, dass die CDU dagegen verstoßen habe.
Union unzufrieden mit Arbeitsbilanz von Bas
CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann verwies kritisch auf die aus Unionssicht ungenügende Bilanz des Arbeitsministeriums, wo es neben Bas schließlich auch drei verbeamtete Staatssekretäre und 1400 Mitarbeitende gebe. Merz und die CDU stehen nach den Landtagswahlen massiv unter Druck. Der Kanzler will schnell mit dem vor der Sommerpause vereinbarten Reformpaket vorankommen. Doch an vielen Stellen hakt es.
Die Umsetzung der Rentenbeschlüsse und einer Arbeitsmarktreform, die etwa längere Befristungen und einen lockeren Kündigungsschutz für bestimmte Angestellte vorsieht, lagen bei Bas. Hinzu kommt die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. Damit wollte die SPD-Chefin nichts zu tun haben. Auch die von der Union geforderte Aufweichung der täglichen Höchstarbeitszeit ging ihr gegen den Strich. Die Abschaffung der Rente mit 63 stellte Bas ebenso infrage.
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Bas und Merz versöhnten sich beim Bier
Die Arbeitsministerin galt vielen in der Union seit Start der Legislaturperiode als Reformbremse, anfangs geriet sie mit Merz aneinander. Die Stimmung besserte sich erst, als die beiden ein Bier miteinander tranken. In der Wirtschaft herrschte ebenfalls Skepsis: Auf dem Arbeitgebertag vor einem Jahr wurde Bas von den Anwesenden ausgelacht. Zur gleichen Zeit geriet die dem linken SPD-Flügel zugerechnete Bas in der eigenen Partei in die Kritik für die Reformen, die sie anleierte.
Die 58‑Jährige litt zudem an der Lage ihrer SPD. Bas übernahm im Sommer 2025 gemeinsam mit Klingbeil den Parteivorsitz. Die Duisburgerin ist ein Kind des Ruhrgebiets, sie stammt aus einer Arbeiterfamilie und hat sich nach einem Hauptschulabschluss bis ins Amt der Bundestagspräsidentin und schließlich bis zur Arbeitsministerin hochgearbeitet. Mit Bas war in der SPD die Hoffnung verbunden, sich in Umfragen wieder nach oben zu bewegen. Dies gelang nicht.

Manuela Schwesig ist die Wunschlösung vieler Genossen
Während der SPD-Vizevorsitzende und frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Alexander Schweitzer, das Arbeitsministerium übernehmen soll, bleibt zunächst offen, wer Bas an der Parteispitze ersetzt. Klingbeil kündigte an, dass auf einem Parteitag im Dezember oder Januar der gesamte SPD-Vorstand neu gewählt werden soll. Ob er noch einmal kandidiert, beantwortete Klingbeil nicht klar.
In den Beratungen der Parteispitze wurde dem Vernehmen nach vor allem darüber gesprochen, welche Frau Bas ersetzen könnte. Die Auswahl ist klein, der Blick fällt nun auf Manuela Schwesig und die SPD-Vizechefin und saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger. Beide haben den Parteivorsitz in der Vergangenheit bereits abgelehnt. Beide baten dem Vernehmen nach um Bedenkzeit.
Schwesig ist die Wunschlösung vieler Genossen. Sie steckt allerdings mitten in Verhandlungen über eine Regierungsbildung in ihrem Heimatland. Rehlinger muss sich im April zur Wiederwahl stellen – und hat wenig Interesse, sich mit dem Parteivorsitz in Berlin zu belasten. Nun muss Klingbeil mit den beiden zu einer Lösung kommen.






