Nur wenige Stunden nach dem maßgeblich von ihm vermittelten und mit viel Pathos verkündeten Waffenstillstand zwischen Israel und Iran beschlich Donald Trump die Angst vor dem Scheitern. Vor seinem Abflug zum Nato-Gipfel in Den Haag warf der US-Präsident beiden Seiten vor, gegen die Waffenruhe zu verstoßen, die seit Dienstagmorgen gelten sollte. Er appellierte in einem Telefonat mit Premierminister Benjamin Netanjahu vor allem an Israel, die Aussicht auf eine Befriedigung des am 13. Juni gestarteten Konflikts nicht zur gefährden. Zuvor hatte Trump noch erklärt, beiden Ländern winke eine Zukunft aus „Liebe, Frieden und Wachstum“. Wirklich? Alles Wichtige auf einen Blick:

Was war die Schlüsselsituation?

Der Iran hatte am Montag die größte US-Basis im Nahen Osten – Al-Udeid in Katar – mit Raketen angegriffen. Allerdings mit Ansage. Sowohl der Emir von Katar als auch die Amerikaner wurden über den Pseudo-Racheakt für die US-Bombardierung der Atomanlagen Fordo, Natanz und Isfahan vorab informiert – um Tote und Verletzte vermeiden. Der Iran wollte zwei widersprüchliche Dinge unter einen Hut bringen: a) die symbolische Vergeltung gegen die USA nach den demütigenden Bombenangriffen, b) das eindeutige Signal senden, dass man zur Deeskalation bereit ist.

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Trump sah darin die Geste eines Hundes, der im Kampf mit einem Artgenossen die Kehle feilbietet. Er verzichtete seinerseits auf Vergeltung, bedankte sich sogar ausdrücklich bei den Mullahs für die Vorwarnung und sprach davon, dass der Iran nun „Dampf abgelassen” habe und man sich am Ende des „12-Tage-Krieges” auf die Zukunft konzentrieren könne. Am Rande: Alle Raketen wurden abgefangen, niemand wurde verletzt. 

Was geschah dann?

Trump bearbeitete laut Darstellung des Weißen Hauses persönlich Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. Der stimmte einem Waffenstillstand zu – vorausgesetzt, der Iran hält sich an die Absprache. Auf der anderen Seite brachte Katars Scheich Mohammed bin Abdulrahman Al Thani den Iran zum Einlenken. Zudem standen US-Vizepräsident JD Vance, Außenminister Marco Rubio und der US-Sondergesandte Steve Witkoff in Kontakt mit Teheran. Von Religionsführer Ajatollah Ali Khamenei war aber keine Rede.

Spielte eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung des Waffenstillstanda: Katars Scheich und Ministerpräsident Al Thani.
Spielte eine Schlüsselrolle bei der Vermittlung des Waffenstillstanda: Katars Scheich und Ministerpräsident Al Thani.© AFP | KARIM JAAFAR

Warum macht Teheran das?

Das Mullah-Regime ist so wackelig wie noch nie. Israel beherrscht den Luftraum im Iran und hat Dutzende Raketenabschussbasen zerstört. Über 600 Menschen starben bei den israelischen Angriffen, fast 5400 wurden verletzt. Die USA haben nach Belieben Atomanlagen zerbombt. Fast zwei Dutzend Top-Militärs und Atomwissenschaftler wurden gezielt getötet. Die Bevölkerung ist ökonomisch geschwächt und tendenziell massiv gegen die Mullahs eingestellt. Teherans Terrorstellvertreter Hamas und Hisbollah liegen darnieder. Kurzum: Für eine echte Vergeltung hat der Iran keine Kraft. Die scharfen Drohungen, wonach US-Bomben auf iranische Atomanlagen zu „irreparablen Konsequenzen“ führen würden, waren hohles Gerede. Man wusste: Die militärische Antwort der Amerikaner würde vernichtend sein. In dieser Existenz bedrohenden Lage hissten die Iraner die weiße Flagge; jedenfalls vorübergehend. Eine echte Kehrtwende, so Experten, sei nicht zu erwarten. Davon könne man erst sprechen, wenn Teheran seine Staatsdoktrin aufgibt, die auf die Vernichtung des Staates Israel setzt. Aussichten darauf: gering.

Warum macht Israel das?

Premierminister Benjamin Netanjahu sagt, Israel habe „alle Ziele“ seiner am 13. Juni begonnenen Militärkampagne gegen den Iran erreicht und sogar übertroffen. Die „unmittelbare“ Bedrohung durch einen nuklear bewaffneten Iran sei beseitigt worden. Ebenso die Bedrohung durch iranische ballistische Raketen. Darum habe er dem Vorschlag Trumps zugestimmt.

Wie belastbar ist der Waffenstillstand?

Laut Israel hat Iran den Pakt bereits nach wenigen Stunden gebrochen und erneut Raketen abgeschossen. Darauf kündigten Mitglieder des Kabinetts von Netanjahu massive Vergeltung an. Der rechtsradikale Finanzminister Bezalel Smotrich sagte sogar: „Teheran wird beben.” Allein, Teheran bestreitet die Vorwürfe vehement. Vor dem Abflug zum Nato-Gipfel in den Niederlanden beschlich Trump die Angst, sein eilig zusammengeschustertes Konstrukt könnte scheitern.

Trump zu Israel: „Holt Eure Piloten jetzt nach Hause“

„Israel. Werft diese Bomben nicht ab. Holt Eure Piloten jetzt nach Hause.” Andernfalls würde der von ihm vermittelte Deal schwer verletzt. Am Dienstagmittag meldete der Iran mehrere israelische Angriffe in Teheran und Umgebung. Trump hatte kurz zuvor auf seinem Portal „Truth Social” erklärt, Israels Kampfflugzeuge würden umkehren, weitere Angriffe gegen Iran unterblieben. In einem Telefonat an Bord der Präsidentenmaschine Air Force One redete Trump Netanjahu ins Gewissen. Was die Frage aufwirft: Wer überwacht in den nächsten Wochen die Einhaltung der militärischen Atempause?

Was heißt das für das iranische Atomprogramm?

Israel und die USA sagen im Kern: Es ist zerstört. Mission erfüllt. Dafür fehlen aber nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) unabhängige Beweise. Iran dementiert, dass die Schäden irreparabel seien. Außerdem fehlen nach wie vor rund 400 kg zu 60 Prozent angereichertes Uran, mit dem binnen weniger Monate Atomwaffen gebaut werden könnten. Der Iran will das offenbar. Der Produktionsprozess soll weiterlaufen, sagte der Leiter der iranischen Atomenergiebehörde, Mohammad Eslami, im Staatsfernsehen. Dagegen beteuert US-Vizepräsident JD Vance, dass der Iran nicht mehr in der Lage sein wird, Nuklearwaffen zu produzieren. Die dazu nötige Infrastruktur sei zerstört worden. Fazit: Ein klares Bild über das Atomprogramm des Iran gibt es zur Stunde nicht.

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#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Wirkt sich der Waffenstillstand wirtschaftlich aus?

Rundum positiv. Die Märkte in Asien, wo die Länder Energie-Importe aus der Golf-Region benötigt werden, um ihre Wirtschaft anzukurbeln, legten deutlich. Der Ölpreis ist wieder auf das Niveau von vor Beginn der Kämpfe vor fast zwei Wochen zurückgefallen.

Ist die rasante Entwicklung für Trump ein Erfolg?

Wenn sie hält – ja. Innenpolitisch wäre das Maga-Lager beruhigt. Dort fürchtet man ein langfristiges militärisches Engagement im Nahen Osten. Wenn sich bewahrheitet, dass die USA, ohne in einen langen Krieg hineingezogen zu werden, binnen nicht mal 14 Tagen dazu beigetragen haben, den Iran militärisch massiv zu schwächen und sein Atomprogramm zu zerstören, könnte Trump in Siegerpose vor seine Wähler treten.

Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron begrüßen den Waffenstillstand, sind aber skeptisch über die Dauerhaftigkeit.
Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron begrüßen den Waffenstillstand, sind aber skeptisch über die Dauerhaftigkeit.© AFP | Ludovic Marin

Wie reagieren Nachbarn und der Rest der Welt?

Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien - überall herrscht vorsichtige Erleichterung über die mögliche Beendigung des Krieges. In Europa äußerte sich Bundeskanzler Friedrich Merz positiv. Wenn der Waffenstillstand gelingt, werde das „den Nahen Osten und die Welt sicherer machen”, sagte er. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lobte Trump ebenfalls, erklärte aber am Mittag: „Die letzten Minuten haben gezeigt, dass die Lage weiterhin sehr fragil ist.“