Gestern noch Sorge vor einem Flächenbrand im Nahen Osten mit dem Potenzial zum Dritten Weltkrieg – heute Waffenstillstand zwischen Israel und Iran? Dazwischen Donald Trump, der das Kostüm des Kriegsherrn, der erst mit über einem Dutzend Mega-Bomben die Atomanlagen Teherans eindecken lässt und vom Sturz der klerikalen Mullahs schwadroniert, mit dem des Friedensstifters so schnell wechselt, dass einem schwindelig wird. 

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Man muss die Achterbahnfahrt, die am Montag aus dem Nahen Osten heraus die Welt in Atem hielt, nicht auf Anhieb verstehen – aber das an eine überdrehte Netflix-Serie erinnernde Geschehen, wie Trump es darbietet, ist offenbar die neue Wirklichkeit im 21. Jahrhundert.  

Statt Gegenwehr präsentieren die USA die Friedensbedingungen

Nur wenige Stunden, nachdem der Iran in einer Art Pseudo-Vergeltung (Wir bestrafen euch, aber wir warnen euch rechtzeitig) für das Füsilieren von Fordo & Co. Raketen auf die größte US-Basis im Nahen Osten (Katar) abgefeuert hatte, erklärt der amerikanische Präsident nicht etwa die harsche Bestrafung des wackelnden Regimes. Sondern die Rahmenbedingungen für einen zügigen Waffenstillstand, dem sowohl der Iran als auch Israel bereits zugestimmt hätten. 

Gestern Kriegsherr, heute Friedensfürst? Donald Trump hat am Montag Freund und Feind verwirrt.
Gestern Kriegsherr, heute Friedensfürst? Donald Trump hat am Montag Freund und Feind verwirrt.© AFP | BRENDAN SMIALOWSKI

Der Krieg, dem Trump sofort ein griffiges Label verpasste – „12-Tage-Krieg” – sei damit de facto beendet. Wie bitte? Achtung! Anschnallen: Zuerst werde der Iran ab Mitternacht (von Montag auf Dienstag) für zwölf Stunden die Waffen schweigen lassen. Danach werde Israel für zwölf Stunden selbiges tun. Macht zusammen 24 Stunden ohne Raketen, Zerstörung und Tote.

Trump: Nach Ablauf einer Frist soll Krieg als beendet gelten

Nach Ablauf dieser Frist, so Trump, dürfe der Krieg dann als vollständig beendet betrachtet werden. Natürlich nicht in einer ausgefeilten Rede. Sondern in einem seiner inflationären Beiträge auf seinem Kommunikationsportal Truth Social. Wer nicht mitgerechnet hat: In Europa wäre das militante Treiben, das Israel am 13. Juni begonnen hatte, damit am Mittwochmorgen vorbei. Wäre.

Schönheitsfehler bisher: Bisher hat nur der Iran den Waffenstillstand bestätigt. Zunächst hatte es ein Halb-Dementi gegeben. Irans Außenminister Seyed Abba Araghchi erklärte zuvor, es gebe ad hoc keinen Deal über einen Waffenstillstand oder eine Einstellung militärischer Operationen. Sollte Israel bis Dienstag 4 Uhr morgens Ortszeit Teheran mit seiner „illegalen Aggression“ gegen den Iran aufhören, „haben wir nicht die Absicht, mit unserer Antwort danach fortzufahren“. Zu dieser Zeit meldeten US-Medien fortgesetzte Luftangriffe Israels im Großraum Teheran. Und nun?

Wie gebannt schauten Fernsehsender wie Zeitungsredaktionen auf das Infotainment Trumps: „In der Annahme, dass alles so funktioniert, wie es soll – und das wird es – möchte ich beiden Ländern, Israel und Iran, gratulieren: Zu ihrem Durchhaltevermögen, ihrem Mut und ihrer Intelligenz, einen Konflikt zu beenden, der als der 12-Tage-Krieg in die Geschichte eingehen sollte“, griff der Präsident den Echtzeit-Verhältnissen weit voraus. Besser jedenfalls als die andere Perspektive: „Das ist ein Krieg, der noch Jahre hätte andauern können, und der den ganzen Nahen Osten hätte zerstören können, aber so kam es nicht – und so wird es nicht kommen.” 

Wirklich? 

US-Medien berichteten kurz vor Trumps Sensations-Beitrag, dass der Iran keinen Waffenstillstandsvorschlag erhalten habe. Aus Israel war zu diesem Zeitpunkt lediglich überliefert, dass man anpeilt, alle Feindseligkeiten gegen den Iran bis zum Wochenende abzuschließen; denn bis dahin werde man seine Ziele erreicht haben. Noch gegen sieben Uhr deutscher Zeit heulten dann in Israel weiter Sirenen, hieß es aus Iran, eine sechste – möglicherweise letzte – Raketensalve sei auf dem Weg. Das iranische Staatsfernsehen bestätigte vorher, es werde eine Waffenruhe geben. In Israel meldete der Rettungsdienst drei Tote.

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Vance: Trump hat israelischen Premierminister zur Waffenruhe überredet

Wie die Blitz-Annäherung zwischen Israel und Iran bewerkstelligt wurde, so sie denn authentisch sein sollte, blieb diffus. Vize-Präsident JD Vance erklärte im Fernsehen, dass Trump Israels Premierminister Benjamin Netanjahu zur Einstellung aller militanten Aktivitäten überredet habe. Trump habe darauf den Emir von Katar gebeten, die gleichen Anstrengungen mit der iranischen Seite zu unternehmen. Später sickerte durch, dass Außenminister Marco Rubio und Trumps Allzweck-Sonder-Emmissär Steve Witkoff die iranische Seite bearbeiteten. Die Botschaft, die sie mitbrachten: Netanjahu sei einverstanden, wenn der Iran mitspielt.

Iran launches missile strike on US base in Qatar, citing retaliation for aggression
Iranische Raketen über Doha in Katar – alles nur Show. Die Amerikaner waren vorgewarnt.© IMAGO/Anadolu Agency | IMAGO/Stringer

Zuvor hatte der Iran als Antwort auf die spektakuläre Bombardierung seiner Atomanlagen in Fordo, Isfahan und Natanz durch Bunker brechende US-Bomben zur Gesichtswahrung die größte US-Militärbasis im Nahen Osten – Al-Udeid in Katar am Persischen Golf – attackiert. 

Aber in einer Form, die mit symbolisch noch harmlos beschrieben wäre. Katar, traditionell dem Iran verbunden, wie auch die amerikanische Seite wurden weit im Vorfeld von Teheran vorgewarnt, um zu verhindern, dass Menschen zu Schaden kommen. Auf Al-Udeid sind 10.000 Amerikaner stationiert. Wäre auch nur einer verletzt oder getötet worden, so hieß es aus Regierungskreisen, hätte Trump „die Hölle entfacht”.

Iranische Raketen in Katar wurden von US-Abfangsystemen abgewehrt

Sämtliche Raketen, die das Regime abfeuern ließ, wurden von US-Abfangsystemen rechtzeitig neutralisiert. Niemand wurde verletzt oder sogar getötet. Würde Trump trotzdem massiv darauf antworten und so möglicherweise eine Eskalation befördern? 

Im Gegenteil. „Ich möchte dem Iran dafür danken, dass er uns frühzeitig informiert hat, wodurch keine Menschenleben zu beklagen sind und niemand verletzt wurde“, schrieb Trump auf Truth Social und fügte hinzu: „Vielleicht kann der Iran nun zu Frieden und Harmonie in der Region übergehen, und ich werde Israel enthusiastisch dazu ermutigen, dasselbe zu tun.“

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Trump konnte sich bei seinen wie im Fieber geschriebenen Kommentaren einen Seitenhieb auf das aus seiner Sicht am Boden liegende Mullah-Regime nicht ersparen. Was die Iraner in Katar veranstaltet hätten, mokierte er sich, sei eine „sehr schwache Reaktion” gewesen, „die wir erwartet haben und der wir sehr wirksam begegnet sind.“

Khamenei: „Werden uns keiner Aggression unterwerfen“

Geradezu handzahm fiel die Reaktion des zuletzt aus Angst, getötet zu werden, tagelang abgetauchten Religionsführers Ali Khamenei aus: „Wir haben niemanden angegriffen und werden niemals akzeptieren, von irgendjemandem angegriffen zu werden“, erklärte der Ayatollah, „wir werden uns keiner Aggression unterwerfen – das ist die Logik der iranischen Nation.“

Trump würde das nicht unterschreiben. Für ihn hat sich der Iran nicht nur unterworfen – er ist gebrochen.