Kultur

Villa Grisebach wird 30: „Berlin lebt immer nur im Präsens“

Das berühmte Auktionshaus feiert 30-jähriges Jubiläum. Ein Gespräch mit Gründer Bernd Schultz und dessen Nachfolger Florian Illies.

Bernd Schultz (links) mit Autor Florian Illies

Bernd Schultz (links) mit Autor Florian Illies

Foto: Amin Akhtar

Gleich am Eingang der Villa Grisebach ist Boteros herrlich zuckriger Geburtstagsgruß mit mächtiger Sahnetorte zu sehen. Das Gemälde des kolumbianischen Künstlers ist eines von vielen, das in der großen Jubiläumsauktion zum 30. Geburtstag am 30. November versteigert werden soll. Es ist die letzte Auktion von Bernd Schultz (75) als Geschäftsführer, er gründete das Haus 1986. Zum 1. Januar tritt nun Florian Illies (45) mit Micaela Kapitzky (56) an seine Stelle. Wir haben den scheidenden und den neuen Geschäftsführer getroffen, um über diese Veränderungen zu sprechen.

Bernd Schultz schwimmt jeden Morgen 1000 Meter. Mit welchem Sport bereiten Sie sich, Herr Illies, auf Ihren Arbeitstag vor?

Florian Illies: Ich fahre immer mit dem Fahrrad aus dem fernen Osten in die Villa.

Bernd Schultz: ... und das sind elf Kilometer.

Illies: Auch wenn wir uns unterschiedlich bewegen, wir haben die gleiche Leidenschaft für eine besondere Ballsportart, den Fußball. Nach großen Spielen oder großen Enttäuschungen tauschen wir uns da manchmal noch nachts per SMS aus.

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Und wer ist für welche Mannschaft?

Illies: Wir sind uns einig in einer herzlichen Abneigung gegen den FC Bayern München. Das eint.

Schultz: Ich bin ein leidenschaftlicher Fan und leide gerade furchtbar für Werder Bremen. Das ist aber eine Mannschaft mit großem Charakter.

Herr Schultz, als Sie vor 30 Jahren die Villa aufgebaut haben ...

Schultz: ... machen Sie mich nicht so schnell wieder alt .

Nein, aber wie hat sich der ganze Kunsthandel seitdem verändert? Wie ist der Sammler von heute?

Schultz: Der Sammler von heute ist, wenn ich das so sagen darf, manchmal ein bisschen oberflächlicher, schneller. Unter den jungen Sammlern gibt es nicht mehr die wirklichen Connaisseure, wie ich sie von früher kenne. Es gibt sie noch, aber nicht mehr in der Intensität. Früher waren die Sammler kenntnisreicher, die intensive Beschäftigung für die Künstler, für das Medium gehörte dazu.

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Herr Illies, stört Sie diese Kritik am jungen Sammlertypus?

Illies: Nein, das ist ja auch keine Kritik, sondern eine Beschreibung. Die unternehmerische Herausforderung für Grisebach, also für Micaela Kapitzky und mich, ist es, jetzt zu fragen, wie schafft man es sich selbst treu zu bleiben und trotzdem auch für die Gegenwart und die Zukunft das große Auktionshaus für deutsche Kunst zu bleiben – also für die alten, wie für die jungen Sammler.

Wenn etwas verschwindet, kommt etwas Neues: Die nächste Generation hat kein Problem, eine alte Barockkonsole unter ein Bild aus den 60er-Jahren zu stellen, sie ist offener.

Sie werden ja jetzt die Gegenwartskunst noch ausbauen. Das heißt ja schon, man rüstet sich für eine neue Generation.

Illies: Genau. Das ist auch notwendig, weil wir wissen: in der Perspektive von fünf Jahren muss die Kunst nach 1945 bei uns genau so ein Gewicht haben wie die Klassische Moderne. So dass man die beiden Sammlergenerationen hier einladen kann und beide sich hier aufgehoben fühlen.

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Wie haben Sie sich beide eigentlich kennen- gelernt?

Illies: Ich erzähle einmal meine Version, mal gucken, ob die beiden dann deckungsgleich sind. Meine erste Redakteursstelle bei der FAZ war im Kunstmarkt. Nach einer gewissen Lehrzeit durfte ich ehrenvollerweise über die Herbstauktion der Villa Grisebach berichten.

Da war ich das erste Mal hier und habe Bernd Schultz wirken sehen. Zwei Jahre später bin ich nach Berlin gekommen, um die Berliner Seiten für die FAZ zu machen. In dieser Zeit – und jetzt muss ich auf Ihr viel besseres Gedächtnis zurückgreifen, Herr Schultz – müsste unser wirkliches Kennenlernen stattgefunden haben.

Schultz: Ich war sehr befreundet mit dem damaligen FAZ Herausgeber Joachim Fest und der erzählte mir immer von seiner legendären jungen Truppe. Ich habe mir immer zuflüstern lassen, was es für neue Stars gab. Und irgendwann fiel einmal der Name Florian Illies.

Illies: Es gab dann ein Kennenlernen wie es bei Herrn Schultz üblich ist – durch Briefe. In den Berliner Seiten haben wir immer einen „Berliner der Woche“ gewählt, da habe ich auch einmal über ihn geschrieben und ihn gewürdigt als imaginären „Präsident des Vereins für deutliche Aussprache“. Und dann gab es eine Geschichte, die zeigt, wie neugierig Sie, Herr Schultz, immer auf junge Menschen gewesen sind.

Als 2003 „Monopol“ von Amélie von Heydebreck und mir gegründet wurde, da kündigte sich nach drei Monaten großer Besuch an. Bernd Schultz und Micaela Kapitzky von der Villa Grisebach kamen aus dem Westen angereist und sagten: „Wir wollen wissen, wie Sie es schaffen, eine nächste Generation für zeitgenössische Kunst zu interessieren.“ Uns hat unglaublich imponiert, dass sie nur zuhören wollten. Wir saßen in unserem kleinen Start-up-Büro in der Choriner Straße und durften berichten, wie wir das machen.

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Was haben Sie, Herr Schultz, seitdem von Florian Illies gelernt?

Schultz: Dieses ungeheuerlich Neugierige, seine Begeisterung, dieses brennende Interessiertsein. Und wie er diese Begeisterung in Sprache umsetzen kann, seine Artikel sind – er soll mal kurz weghören - wie geschriebener Champagner. Wir haben auch vieles gemeinsam. Zum Beispiel: Wenn er die Villa Grisebach übernimmt, ist er genauso alt wie ich, als ich sie gegründet habe. 45 Jahre.

Dann habe ich gelernt, wie Cross-over zwischen Literatur und Kunst funktionieren kann. Da gibt es eine sehr hübsche Geschichte: Wir hatten ein Aquarell, das den Walchensee im Herbst darstellte. Florian Illies rief Martin Walser an und sagte: „Herr Walser, wir haben ein Walchensee-Aquarell, ich könnte mir vorstellen, das gefällt Ihnen. Ich hätte gern, dass Sie ein paar Worte darüber schreiben für unser Grisebach Journal.“ Worauf Walser sagte: „Ich habe keine Zeit, ich schreibe an einem Roman.“

Florian Illies sagte: „Verstehe ich völlig. Aber ich schicke Ihnen trotzdem mal ein Foto davon.“ Am nächsten Tag rief Florian Illies ihn wieder an. Walser machte dann den großen taktischen Fehler, dass er fragte: „Bis wann brauchen Sie denn den Text?“ – „Bis heute Abend.“ Und abends war er da. Mit dem ganz bewegenden Satz: „Man kann über den Herbst nur schreiben, wenn der Herbst in einem ist.“ Also, diesen Blick auf die Kunst aus ganz vielen Aspekten – das habe ich von ihm gelernt.

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Und Sie Florian Illies, was haben Sie von Bernd Schultz gelernt?

Illies: Sehr viel. Ich habe von ihm vor allem Kunsthandel gelernt. Alles was ich darüber weiß, weiß ich durch Bernd Schultz. Ich habe aber vor allem auch gelernt, was die inneren Prinzipien dahinter sind. Eben auch zu sagen, dieses Bild wollen wir nicht, dieses Bild genügt nicht unseren Qualitätsansprüchen. Am ersten Tag lernte ich von ihm: „Das wichtigste Wort in der Villa Grisebach hat vier Buchstaben und heißt: Nein.“

Kommen wir zu einem anderen Thema – dem Kulturgutschutzgesetz von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Als Kunsthändler waren Sie strikt dagegen. Es gab viele Proteste, nun ist das Gesetz in Kraft – und man hört nichts mehr.

Schultz: Ein Desaster für unser Land! Es ist so ruhig, weil alles in Sicherheit gebracht worden ist. Ich habe vor einigen Tagen mit einem großen Sammler gesprochen, der mir sagte, seine Kollektion sei in der Schweiz. Nun könne er wieder gut schlafen.

Es ist ein Kulturfluchtgesetz und kein Kulturgutschutzgesetz. Es ist in hohem Maße unverständlich, dass diejenigen, die damit beauftragt sind, diesem Land Kultur zuzuführen, dafür gesorgt haben, dass lastwagenweise, nicht irgendwelche, sondern die besten Kunstwerke aus dem Land geschafft werden. Ein unbeschreiblicher Aderlass.

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Museumsexperte Chris Dercon, der die Volksbühne übernimmt, kommt in die Stadt. Spüren Sie da Impulse in der Kunstszene?

Schultz (schaut auf Illies): Für die Zukunft ist er verantwortlich.

Illies: Ich bin sehr glücklich, dass wir jetzt mit Paul Spies, Neil MacGregor und Chris Dercon schon drei internationale Figuren an zentralen Institutionen in Berlin haben. Die Berlins Schätze mehr würdigen können, als es die Berliner offenbar selbst vermögen. Die Lust an der Inszenierung der Kultur haben und nicht nur an der Perfektionierung von Dienstplänen.

Es gibt in den Berliner Kulturinstitutionen eine zerrüttende Einwohnermeldeamt-Mentalität, die von unten schleichend die Kreativität und Gestaltungskraft zu lähmen scheint. Da gibt es nichts Besseres, als wenn solche Kometen, die von außen kommen, in der Stadt landen und das Festgefügte durcheinanderbringen.

Schultz: Ich bin immer erschüttert, wenn ich in New York bin und dort die Besucher mit ihrer ungeheuerlichen Aufmerksamkeit in den Museen sehe. Es sind richtige Gucker. Mit welcher ästhetischen Lust das dort inszeniert wird.

Und wenn ich dann ins Kulturforum gehe, in diese eigentümlich dunklen, kalten Hallen der Gemäldegalerie, dann ist das von atemberaubender Kümmerlichkeit. Kürzlich war ich mit Freunden dort. Erst auf meine Bemerkung hin wurde das Licht stärker gedreht, mit dem Hinweis „wir müssen sparen“. Die Kunst wird sehr oft nicht mehr von denjenigen geliebt, die sie uns nahebringen sollen.

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Am Kulturforum soll bald das neue Museum der Moderne errichtet werden. Der Entwurf von Herzog & de Meuron wird gern als „Scheune“ kritisiert. Wie sehen Sie das?

Schultz: Ich kann es mir sehr schwer vorstellen, brutal, wie der Bau an die St. Matthäuskirche heranrückt. Ein schwieriger Platz, ich hätte mir gewünscht, dass es neben Scharoun und Mies van der Rohe ein eigenes Meisterwerk gibt. Aber dafür hatten sie alle nicht den Mut.

Illies: Ich habe sehr großes Vertrauen in den Schönheitssinn und die Kühnheit von Herzog & de Meuron, wenn man weiß, was sie in den letzten Jahren für Bauten geschaffen haben, zuletzt etwa die Elbphilharmonie. Zudem habe ich eine besessene Liebe zum Ziegelstein.

Deshalb: Der Name der Architekten und das verwendete Material, das löst große Fantasie bei mir aus. Die Tristesse des Kulturforums ist symbolisch für die Unfähigkeit Berlins, mit seinen Schätzen und dem Reichtum umzugehen.

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Empfinden Sie Berlin als Heimat?

Illies: Da will ich Karl Scheffler aus seinem Klassiker „Berlin – ein Stadtschicksal“ zitieren: „Berlin kann nie Heimat sein“. Es ist in diesem wunderbaren Buch einer der allerwahrsten Sätze. Warum das so ist? Keine Ahnung. Aber es ist so. Es hat sicher etwas damit zu tun, dass diese Stadt alles vergisst, dass es kein Geschichtsbewusstsein gibt. Dort vorne am Kurfürstendamm hat Robert Musil den „Mann ohne Eigenschaften“, da drüben wohnte Joseph Roth ...

Schultz: ... und da hat er den einzigartigen „Radetzkymarsch“ geschrieben, eines der schönsten Bücher deutscher Sprache...

Illies: ... das ist für viele nicht existent. Berlin ist eine Stadt, die immer nur im Präsens lebt. Und genau das ist es ja auch, was die Menschen magisch anzieht, denn nur im Jetzt erscheint ja alles möglich. Fantastisch.

Aber für mich wäre es noch viel aufregender, wenn in dieser Stadt auch ein Bewusstsein herrschte, was hier seit der ästhetischen Revolution der 1820er-/1830er-Jahre für unerhörte kulturelle Dinge von internationaler Dimension entstanden sind. Man hat ja leider das Gefühl, das historische Berlin beginnt für die meisten heute erst mit dem Eintreffen David Bowies in Schöneberg. Diese Vergesslichkeit in Berlin macht mich kirre.

Wenn Sie, Herr Schultz, am 1. Januar 2017 Ihre Position an Florian Illies übergeben – wie oft werden Sie noch in der Villa sein?

Schultz: Ich werde da sein, wenn sie mich hier rufen. Ich werde weiter Mehrheitseigner sein und weiterhin lebhaften Anteil nehmen, werde mich aber in keine operativen Geschäfte mehr einmischen.

Können Sie denn loslassen nach 30 Jahren? Sie haben einmal gesagt, nichts sei schlimmer, als nicht mehr gestalten zu können.

Schultz: ... meinen Sie, man kann ausschließlich in der Villa Grisebach gestalten?

Große Auktion zum Jubiläum:

Zum 30. Jubiläum kann die Villa Grisebach das bislang größte Angebot ihrer Geschichte präsentieren: Kunstwerke zu einem mittleren Schätzwert von 29 Millionen Euro werden vom 30. November bis zum 3. Dezember in der Fasanenstraße versteigert. Die Vorbesichtigung der Werke läuft bis zum 29. November. Ein Höhepunkt dürfte die fantastische Komposition „Gelbe Gasse“ von Lyonel Feininger sein, die bei einem Schätzwert von 1 bis 1,5 Million Euro liegt, so Micaela Kapitzky. An der Spitze stehen auch mehrere Gemälde des deutschen Expressionismus. Darunter zwei duftige Blumengärten und ein Meerbild von Emil Nolde und ein seltenes frühes Stillleben von Max Beckmann aus den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts.

Otto Dix ist mit einem „Schützengraben“, einer Gouache von 1918, vertreten. Auch vier Gemälde von Max Liebermann sollen unter den Hammer kommen, darunter ein Selbstbildnis und ein „Restaurationsgarten in Leiden“. Im Angebot sind auch drei Gemälde des Künstlers Fernando Botero, darunter seine opulente Geburtstagstorte, die bestens zum Grisebach-Jubiläum passt.