Diesmal warteten alle gespannt auf den Auftritt der Zeitgenossen. In der Fasanenstraße 27 eröffnete die Villa Grisebach neue Räume mit einer Versteigerung, die Werke deutscher Künstler seit den 60er-Jahren bündelte. Die Atmosphäre knisterte, als Georg Baselitz, Anselm Kiefer und Neo Rauch um die höchsten Zuschläge konkurrierten.
Keine Frage, zeitgenössische Kunst ist ein Wachstumsmarkt und Made in Germany hat bestes Potenzial. Daniel von Schacky, Partner des Hauses, schwang den Hammer für die große „BRD“-Auktion und bestand die Feuerprobe bravourös.
Der Chef der Contemporary Art reagierte mit diesem Titel auf das rege internationale Interesse an deutscher Kunst. So lieferte die kleine Tafel „Schwarz, Rot, Gold II“, die Gerhard Richter 1998 im Zusammenhang mit seiner Arbeit für den Deutschen Bundestag schuf, einen guten Aufhänger. Dicht gedrängt saß das Publikum in den 400 Quadratmeter großen, von der Straße einsehbaren Räumen direkt neben der Stammvilla.
Schaufenster der zeitgenössischen Kunst
Hier sollen künftig das ganze Jahr über Veranstaltungen und Ausstellungen jüngerer sowie klassischer Zeitgenossen präsentiert werden. Wenn der neue Fußboden fertig ist, kann es losgehen. Einen Vorgeschmack auf dieses „Schaufenster der zeitgenössischen Kunst“ bot schon die überaus lebendige Auktion. Immerhin 91 Werke, von der Feuergouache des verstorbenen Otto Piene bis zu einer flotten „Torera“ des Farborgiastikers Norbert Bisky standen zum Verkauf. Sie erzielten Zuschläge von 40.000 und 31.000 Euro und übertrafen ihre Schätzpreise. Richters Tafel stieg bis auf 28.000 Euro. Telefongebote nahm auch der frühere Gallery-Weekend-Impresario Michael Neff entgegen. Er steht der Villa für die Zeitgenossen beratend zu Seite.
„Margaretes Blondhaar“ von Anselm Kiefer war als Favorit gesetzt. Der Künstler, der nächstes Jahr 70 wird, klebte 1981 Strohsträhnen auf die Leinwand und zeigte drumherum geballte Finsternis. Mit 250.000 Euro überragte sein Bild die Werke der Kollegen. Etwa den „Schlitten“ (1969) von Beuys oder Rauchs Kleinformat „Kiosk“ (1997). Für das Beuys-Multiple wurden 130.000 Euro bewilligt und 105.000 Euro für Rauch. „Das große Interesse hat gezeigt, dass man auch in Berlin großartig zeitgenössische Kunst auf Auktionen verkaufen kann“, resümiert von Schacky. Die BRD-Recken hatten unter der Flagge von Richter und seiner animierten Leitung voll ins Schwarze getroffen. Den Zeitgenossen gehört die Zukunft, denn die Spitzenwerke der Klassischen Modere werden immer rarer, was die Ware entsprechend verteuert.
1,15 Mio für Beckmanns Strand
Dies zeigte sich einmal mehr an den Ausgewählten Werken. Nur 71 Toplose gelangten hier zum Aufruf. Besonders die Gemälde waren gefragt. Insgesamt standen über 1438 Kunstwerke an vier Tagen zu einem mittleren Gesamtschätzwert von 17 Millionen Euro auf dem Programm. Darunter auch Max Beckmanns „Stürmische Nordsee (Wangerooge)“. Das Strandansicht vom Juni 1937 war Beckmanns letztes in Deutschland geschaffenes Werk vor der Emigration.
Aus deutschen Museen wurden Beckmanns Arbeiten beschlagnahmt, die Propaganda-Schau der Nazis „Entartete Kunst“ indizierte seine Bilder. Sie spiegeln bis heute das Schicksal eines Unangepassten, der nie wieder zurückkehrte. Das macht sie doppelt wertvoll. Bis 1,15 Millionen Euro schraubte sich das Bieterinteresse. Der Spitzenreiter erfüllte somit die in ihn gesetzten Erwartungen.
Heiterkeit bei einem erbitterten Kampf
Ganz anders der überraschende Sprint von Walter Dexel. Seine geometrische „Komposition 1923 IV“ sorgte für erbitterte Kämpfe und Heiterkeit im Saal, als das auf 40.000 Euro geschätzte Stück Farbe auf Rupfen bei über 200.000 Euro noch einen Neueinsteiger beflügelte, bis auf 305.000 Euro zu bieten.
Damit stellte die brave Abstraktion preislich sogar die Erotik Lovis Corinths. Dessen Bild „Schlafendes Mädchen“ kletterte ebenfalls über den Schätzpreis hinaus: auf 190.000 Euro. Ähnlich hoch wurde – mit 200.000 Euro - das verträumte Frühwerk Wassily Kandinskys „Im Herbst (Herbsttage)“ bewertet.
Nur Max Liebermanns ebenfalls 1901 entstandene „Papageienallee im Zoologischen Garten in Amsterdam“ war noch begehrter. Das kleine impressionistische Pastell erreichte stolze 420.000 Euro – das zweithöchste Ergebnis dieser Abendauktion.
Rekordergebnis für Adolph Menzel
Manche Geheimnisse, die außerordentliche Bilder umgeben, werden eines Tages gelüftet. Provenienzforschung etwa konnte Herkunft und Verbleib von Adolph Menzels furioser Rüstungsstudie klären. Das Blatt aus der Wiener Albertina wurde 2014 an die Erben der im Nationalsozialismus zum Zwangsverkauf gezwungenen Besitzerin Adele Pächter restituiert. Nun war es der Villa Grisebach zum Verkauf anvertraut worden.
Die Gouache war das ungewöhnlichste Bild der 153 Werke des 19. Jahrhunderts und wurde mit dem höchsten Zuschlag der ganzen Herbstauktionen honoriert. Die Monochromie des Metalls erweckt der Künstler durch Lichtreflexionen zu schillernder Farbigkeit. Aber nicht nur der Hyper-Realismus der polierten Rüstungen verblüfft, sondern die Plastizität, die Menzel erzielt. Die Herren im Harnisch wirken lebendig wie Geistergestalten, von unsichtbarer Hand bewegt.
20 Millionen Euro Umsatz in acht Auktionen
Dass dieses faszinierende Bild, das Menzel im Berliner Schloss anfertigte, nach Jahrzehnten in Museumsbesitz einen hohen Preis erzielen würde, war klar. Im Zweiten Weltkrieg wurde es für das berüchtigte „Führermuseum“ in Linz beiseite geschafft, seine vormalige Besitzerin nach Theresienstadt deportiert. Die „Stehenden Rüstungen“ von 1866 stiegen auf rund drei Mio. Euro – der höchste Preis für eine Zeichnung in Deutschland.
Insgesamt wurden etwa 20 Millionen Euro in acht Auktionen umgesetzt – nicht zuletzt mithilfe von Blinky Palermo, Imi Knoebel und Kiefer. Letzterer belegte Rang sechs der Teuersten in diesem starken Herbstmarathon. Von Schacky glaubt: „Wenn wir auf 2024 schauen, wäre ich sehr überrascht, wenn wir nicht über 50 Prozent unseres Umsatzes mit zeitgenössischer Kunst machen würden.“ Einstweilen haben aber noch die Senioren die Nase vorn.




