Als Karl Schmidt-Rottluffs Abendhimmel über dem Watt aufgerufen wurde, war es mucksmäuschenstill. „Eine Million sind hier geboten“, sagte Auktionator Peter Graf zu Eltz und blickte in den Saal. Prompt legte ein Bieter nach.

Das in Orangerot getauchte Bild erschien auch gar zu verführerisch. In Dangast am Jadebusen erlebte der Künstler 1912 diese schwer fassbare Urlandschaft der Nordsee. Mit dunklen Fischerbooten rückte er sie extrem künstlich und holzschnittartig verknappt ins rechte Licht.

Erst bei 2,3 Millionen Euro gab sich der Unterbieter geschlagen und das Duell um Schmidt-Rottluffs farblich gewagtes „Watt bei Ebbe“ war entschieden. Der Käufer in Belgien erhält nun ein frühes Paradebeispiel expressionistischer Ausdruckskraft von dem 1976 verstorbenen Maler. Er gab der Künstlergruppe „Die Brücke“ einst ihren Namen. Deren erklärtes Ziel: „alle revolutionären und gärenden Elemente an sich zu ziehen.“ So wie in diesem griffigen Gemälde, dem Toplos der 65 Ausgewählten Werke in der Villa Grisebach.

Vier Tage, sieben Auktionen

Es war die einzige Millionenofferte unter den insgesamt 1294 Kunstwerken, die in sieben Auktionen an vier Tagen unter den Hammer kamen. Ein breites Spektrum von der vergoldeten Tabatière Otto von Bismarcks in der Orangerie-Auktion (Schätzpreis: 15-20.000 Euro) bis zum verkohlten Holzbrocken des Zeitgenossen David Nash stand zu Gebote (4-6000 Euro). Am Teuersten unter den Gegenwartskünstlern: Isa Genzken, die gerade mit einer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art gewürdigt wird.

Ihre auf über zwei Meter hohen Stahlfüßen thronende Beton-Skulptur „Wiese“ aus rheinischem Privatbesitz erreichte stolze 255.000 Euro. Ein Rekord für eine Plastik dieser Künstlerin! Von ihrem Ex-Mann, Gerhard Richter, war diesmal nichts unter den Ausgewählten Werken. Dafür glänzte traditionell die Klassische Moderne – besonders zwei Skulpturen. Ossip Zadkines 1920 in Paris geschaffene „Wasserträgerin“ motivierte französischen Handel, im Rahmen der Schätzung 500.000 Euro für das Mädchen mit Krug zu bewilligen.

„Weltangst“ erzielt 510.000 Euro

Diesem Auktionsrekord für die zwischen Art déco und Stammeskunst changierende Holskulptur Zadkines folgte wenig später das heißeste Bietgefecht des Abends. Auf 80.000 bis 120.000 Euro hatten die Experten den kleineren Gespenstermann von Gerhard Marcks taxiert. Aber dessen „Weltangst“ von 1919, ein frühes, expressives Hauptwerk des Künstlers, war kaum zu stoppen. Verbissen umwarben mehrere Bieter das symbolträchtige Stück, das sich jahrzehntelang im Familienbesitz von Lyonel Feininger befand.

Der Hammer fiel schließlich bei 510.000 Euro. Ein Ergebnis, das wie Schmidt-Rottluffs Abendhimmel erst ungläubiges Staunen und dann Applaus erntete. Der Rest ging still und kommentarlos in neue Hände über.

Das innige Kinderbild von Paula Modersohn-Becker übertraf dabei mit 420.000 Euro die Erwartungen ebenfalls haushoch. Nahe ihrem Worpsweder Wohnhaus erspähte die Künstlerin diesen Moment des Zusammenhalts zweier Waisen und setze ihm ein Denkmal.

Gartentraum in flirrende Lichtschatten getaucht

Den Maler Max Liebermann interessierte hingegen die gestaltete Natur. Schon vor seiner Zeit am Wannsee, wo er im Sommer Beete und Birken auf die Leinwand zoomte, zeigte sich der Berliner Secessionist von kultiviertem Grün beeindruckt.

Im „Garten in Noordwijk-Binnen“ verwirklichte er 1909 eine Vorahnung. Der in flirrende Lichtschattierungen getauchte Gartentraum erfreut nun einen Privatmann in Süddeutschland, der 500.000 Euro investierte.

Tags zuvor strahlte Liebermanns Stern bereits in der fulminanten Auktion mit Kunst des 19. Jahrhunderts. Eine Vorstudie für sein bekanntes Flachsscheuer-Gemälde aus der Alten Nationalgalerie, die „Flachsscheuer in Laren“ von 1886, ging als Spitzenlos ins Rennen. Nach Holland zog es den Maler, als er noch keine Villa am Wannsee hatte. Die realistische Kompositionsstudie von dort arbeitenden Frauen wurde mit 235.000 Euro belohnt. Das war das höchste Ergebnis dieser Auktion, die auch die höchste Zuschlagsquote verzeichnete.

22-faches des Schätzpreises für Frau mit entblößter Scham

Die ältere Kunst hat eben noch eine Menge zu bieten und sie hat mächtig zugelegt. Es lief wie geschmiert, auch für die Romantiker. Ausgesprochen spannend war es, die Ergebnisse von verkannten und anerkannten Künstlern im rappelvollen Saal zu verfolgen.

Denn manches ist scheinbar noch unterbewertet, die Einstiegspreise überdies niedriger als bei den begehrten „Brücke“-Helden. So kletterte eine winzige, pittoreske Ölstudie der „Ostseeküste“ aus unbekannter Hand von 2000 Euro auf sagenhafte 16.000 Euro.

Selbst der Berliner Adolph von Menzel, bekannt wie ein bunter Hund, ergo viel teuerer, steigerte sich enorm. Statt geschätzter 50.000 Euro muss ein Liebhaber in der Schweiz nun 150.000 Euro plus Aufgeld berappen für die selten kleinteilige Bleistiftzeichnung „Blick über Karlsbad“ (1894).

Regelrecht den Atem stocken ließ gegen Ende jedoch die pikante Darstellung einer jungen Frau, die Max Klinger mit entblößter Scham auf einem Diwan erotisch in Stellung brachte. Zehn Bieter gab es, was die verführerische Einladung zum Beischlaf von 6000 auf satte 130.000 Euro hob – das 22-fache des Schätzpreises!

Ergebnis liegt bei 20 Millionen Euro

Als einen „Durchbruch für das 19. Jahrhundert“, bezeichnet Bernd Schultz die Auktion. Die 113 Bilder spielten zwar im Vergleich zu den 12 Millionen Euro schweren Ausgewählten Werken „nur“ 1,4 Mio. Euro ein, dafür aber fast das Doppelte ihrer Schätzung.

Vor allem fiel die hohe Verkaufsquote auf. „Bereits in der vierten Auktion hat sich das 19. Jahrhundert als eigenständige Sparte in der Villa Grisebach eindrucksvoll etabliert“, freut sich Schultz: „Das internationale Interesse an deutschen Spitzenwerken des 19. Jahrhunderts wächst immer mehr.“ Damit steigen auch die Preise.

Insgesamt fanden in den sieben Auktionen, die heute mit dem „Third Floor“ zu Ende gegen, über 80 Prozent der angebotenen Werke in neue Hände. Bernd Schultz rechnet mit einem Ergebnis von voraussichtlich mehr als 20 Mio. Euro.

Jahresumsatz 2013 dürfte bei 45 Millionen Euro liegen

„Meine positive Grundeinschätzung wurde übertroffen. Es ist fantastisch gelaufen“, kommentiert der Hausherr die Versteigerung „Moderner Kunst“.

Der Jahresumsatz dürfte 2013 bei 45 Millionen Euro liegen. Dazu tragen auch die „Schätzwerte bis 3000 Euro“ regelmäßig ihren Teil bei. Schließlich muss nicht alles teuer werden, was unter den Hammer kommt.