Leuchtende Farben, Blau, Grün und Gelb, dominieren die Landschaft. Durch Kornfelder führt ein Weg, auf dem ein einsamer Mann schreitet, im Hintergrund brechen Sonnenstrahlen durch die Wolken und überziehen Felder und Wiesen mit goldenem Licht. Zu diesem Gemälde aus dem Jahr 1921, dessen Komposition sich ganz aus der Farbe heraus entwickelt, ließ sich Max Pechstein von dem gerade erst neu entdeckten Ort für seine sommerlichen Arbeitsaufenthalte inspirieren.
In Leba an der pommerschen Ostseeküste wurde er von all den neuen Eindrücken angeregt, die auf ihn einwirkten. „Neue Landschaften, neue Menschen, ich habe mich hineingefressen“, schrieb er an einen Freund. „Ein Sonntag“ ist der Titel des Gemäldes, und geradezu vollkommen fängt es die Stimmung eines heiteren Sommertags ein (500.000–700.000 Euro).
Zusammen mit dem Porträt einer Bauersfrau aus dem Frühwerk von Vincent van Gogh aus dem Jahr 1884/85 (600.000–800.000 Euro), das noch nichts von der Radikalität dieses Künstlers erahnen lässt, der später mit wuchtigem Pinselstrich und expressiver Farbe aus dem 19. Jahrhundert in die Moderne springt, ist es das Hauptlos in den diesjährigen Frühjahrsauktionen in der Villa Grisebach.
Auf Expansionskurs
Zwar bleiben die Schätzwerte für einzelne Werke diesmal unter der Millionengrenze, aber insgesamt ist das Berliner Auktionshaus weiter auf Expansionskurs. Mit acht Katalogen und einem erwarteten mittleren Gesamterlös von 17,3 Millionen Euro ist dies die bislang umfangreichste Frühjahrsauktion des Berliner Hauses. Vom 3. bis zum 6. Juni kommen 1500 Gemälde, Fotografien, Grafiken und Skulpturen aus drei Jahrhunderten unter den Hammer. Und einen Monat später, am 3. und 4 Juli, kommt mit der Sammlung des ehemaligen Majors und Kunsthändlers Kurt Rohde und seiner langjährigen Geschäftspartnerin Frieda Hinze eine der letzten großen Kunstsammlungen aus der goldenen Zeit des Berliner Kunsthandels in den Zwanzigerjahren zur Versteigerung, darunter etliche Meisterwerke aus diversen Kunstepochen. Für die Versteigerung der außergewöhnlichen Sammlung ist ein mittlerer Schätzwert von insgesamt 3,5 Millionen Euro zusätzlich für Gemälde, Skulpturen und Angewandte Kunst angesetzt.
Den Löwenanteil der erwarteten Erlöse soll mit rund sieben Millionen Euro die mit Spannung erwartete Abendauktion mit „Ausgewählten Werken“ einspielen. Neben den schon erwähnten Gemälden von van Gogh und Max Pechstein sind hier wieder viele herausragende Werke deutscher Künstler der Klassischen Moderne im Angebot, womit die Villa einmal mehr ihren Führungsanspruch in diesem Bereich unterstreicht.
„Das Haus zum blauen Stern“ von Paul Klee, eine Schneelandschaft von Lovis Corinth, etliche Stillleben und Landschaftsbilder von Karl Schmidt-Rottluff sowie ein farbenprächtiges Porträt von Ernst Ludwig Kirchner sollen die Interessenten neben einigen hochkarätigen internationalen Künstlern wie René Magritte, Joan Miró und Cy Twombly zum Bieten animieren.
Aus der Versteigerung der Zeitgenossen erhofft sich die Villa Grisebach rund 3,6 Millionen Euro, was zeigt, wie wichtig diese Sparte geworden ist. Das besondere Bonbon ist dabei diesmal die Sonderauktion der Sammlung Manfred Wandel mit 40 Werken abstrakter und konkreter Kunst, darunter ein reizvolles Querformat von Hans Hartung aus dem Jahr 1960 und ein frühes „Volume“-Werk von Dadamaino oder Eduarda Emilia Maino, wie der bürgerliche Name einer der wenigen Frauen im Umfeld der europäischen Avantgardekünstler nach dem Zweiten Weltkrieg ist. Zu ihnen gehören auch die derzeit auf dem Kunstmarkt sehr gefragten Düsseldorfer ZERO-Künstler, die mit Werken von Otto Piene und Heinz Mack auf der Contemporary-Art-Auktion gut vertreten sind, darunter auch eine „Feuerblume“ von Piene aus dem Jahr 1972. Als weiteres Spitzenlos in diesem Bereich wird neben Gemälden von Eugen Schönebeck, Maria Lassnig und Günther Förg sowie Papierarbeiten von Sigmar Polke und Joseph Beuys die Fotografie „Heidelberg Ost“ von Andreas Gursky zu einem Schätzwert von 120.000 bis 150.000 Euro gehandelt. Außerdem wird das Angebot an zeitgenössischer Kunst aus Deutschland diesmal durch Größen wie Robert Rauschenberg und Jannis Kounellis ergänzt.
Rendezvous mit Mick Jagger
Einen Weltrekord wie mit der Gouache zu 2,8 Millionen Euro von Adolph Menzel wird es in diesem Frühjahr bei der Kunst des 19. Jahrhunderts wohl nicht geben. Die Angebote hier werden von der „Phantasie aus der Alpenwelt“ von Carl Gustav Carus aus dem Jahre 1822 (180.000–240.000 Euro) und dem ausdrucksstarken „Bauernmädchen mit weißem Halstuch“ aus dem Jahr 1897 von Wilhelm Leibl (200.000–300.000 Euro) angeführt. Der Blick der jungen Frau mit dem streng zum Dutt zurückgekämmten Haar ist geprägt von Stolz und Trotz.
Bei der Modernen und Zeitgenössischen Fotografie sind die Hauptlose ein von Karl Blossfeldt selbst abgezogener Vintage-Print eines seiner legendären Pflanzenbilder sowie ein surreal anmutendes Vintage-Fotogramm des amerikanischen Fotografen Walker Evans. Bei der erstaunlichen Begegnung zwischen Leni Riefenstahl mit Mick Jagger in den 70er-Jahren wäre man gerne dabei gewesen, ein Zeugnis davon ist das Porträt der Fotografin von dem Sänger, das ihn wild, nackt und ein wenig selbstverliebt zeigt.
Villa Grisebach, Fasanenstr. 25, 27 und 73. Frühjahrsauktionen 3. – 6. Juni , 4. und 5. Juli.





