Was für eine Sehnsucht: Zwei helle Grazien mit einem nackten Jüngling in der Mitte tänzeln im Wind der Freiheit und der Sonne entgegen. Auch wenn Ludwig von Hofmanns erotisierter „Frühlingssturm“ sogar nichts mit Adolf Menzels Schwester Emilie und Wilhelm Leibls strengem Porträt des „Appellationsrats Stenglein“ gemein haben, eins eint sie dennoch. Alle drei Werke gehörten in die Sammlung des großen Berliner Verlegers Rudolf Mosse. Dessen Kollektion wurde 1934 – als erste – von den Nazis konfisziert und versteigert. Raubkunst also – erst im letzten Jahr wurden die zwei Gemälde und die Menzel-Zeichnung aus Museen in Sindelfingen, Darmstadt und Winterthur in der Schweiz restituiert, also an die Erben der jüdischen Familie in Amerika zurückgegeben.
Über 1000 Werke der Sammlung werden noch vermisst
Dass sie nun am 1. Juni in der Villa Grisebach versteigert werden, sorgt weit über Berlin hinaus in der Auktions- und Museumsszene für einige Aufregung. Von Seiten der amerikanischen Erben ist es ein eindeutiges Signal, die Kunstwerke in einem Auktionshaus in jener Stadt zu versteigern, in der sie der Familie 1934 brutal entzogen wurden. „Es ist ein Vertrauensbeweis für uns,“, sagt Grisebach-Geschäftsführerin Micaela Kapitzky, „wir wollen die Bilder bestmöglich verkaufen, aber auch Rudolf Mosse ein Denkmal setzen“.
Menzel ist für Berlin sicher das wichtigste Werk: Sein Pastell, ein anmutiges Bildnis seiner Schwester, ist mit 300.000 bis 400.000 Euro am höchsten taxiert. Emilie gehörte zu seinen Lieblingsmotiven. „Man merkt“, so Micaela Kapitzky, „dass er ihr sehr nahestand.“
Rudolf Mosse, 1843 in Posen geboren, gehörte mit Leopold Ullstein zu den bedeutendsten Verlegern in Deutschland. In seinem Medienimperium wurden die Berliner „Morgen-Zeitung“, die Berliner „Volks-Zeitung“ und das „Berliner Tageblatt“ produziert – letzteres wurde schnell zum Flaggschiff des liberalen Berliner Bürgertums. Am Chefredakteurstisch saß dort ab 1906 Theodor Wolff. Mosse war Herr über 130 Zeitungen, populäre Magazine wie der „Bäder-Almanach“ kamen dazu. Sein damaliges Vermögen wird auf 40 Millionen Mark geschätzt – damit war der Verleger 1912 einer der reichsten und einflussreichsten Preußen, sozial engagiert und ein umtriebiger Mäzen.
Er sammelte Kunst auf hohem Niveau, allerdings weiß man relativ wenig über die Kollektion. Große Namen wie eben Menzel, Feuerbauch, Böcklin, Corinth waren vertreten. Für seine Schätze ließ Mosse sich am Leipziger Platz ein dreigeschossiges Stadtpalais bauen. Sich mit Gemälden, Skulpturen, prächtigen Gobelins und feinen Möbeln zu umgeben, war für Mosse Ausdruck eines großbürgerlichen Lebensstils. Mit Kunst hatte er auch Schloss Schenkendorf bestückt, seinen Landsitz in Brandenburg. Er starb 1920.
Seine Sammlung wie auch das Vermögen der Familie wurde 1934 von den Nationalsozialisten zerschlagen und versteigert. Am 29./30. Mai kam seine Kollektion unter den Hammer, durchgeführt von „Rudolf Lepke’s Kunst-Auctions-Haus“. Die Auktion fand aber nicht bei Lepke, sondern direkt in der Galerie Mosse am Leipziger Platz 15 statt. Der Katalog enthielt laut Stefan Pucks 337 Positionen, wobei die Werke nicht nur aus der Galerie stammten, sondern auch aus den Häusern des Schwiegersohnes Hans Lachmann-Mosse, der mit Mosses Tochter Felicia verheiratet war. Deren gesamter Haushalt mit China-Porzellan und modernem Kunstgewerbe, wurde eine Woche später im Auktionshaus „Union“ am Kurfürstendamm 201 angeboten.
Diese drei restituierten Werke, die nun bei Grisebach versteigert werden sollen, sind nur die Spitze des Eisberges. Seit einigen Jahren ist eine für die Erben tätige Kanzlei im Rahmen des „Mosse Art Restitution Project“ auf der Suche nach weiteren Mosse-Werken in Museen und Institutionen.
Spitze des Eisberges
In Berlin ist sie bereits fündig geworden: Allein die Stiftung Preußischer Kulturbesitz restituierte acht Werke an die Erbes Mosses, darunter ist die mächtige Löwenskulptur von August Gaul. Zunächst bleiben diese Stücke als Leihgaben in den Sammlungen der Berliner Museen. Vermutlich wird im Laufe der Zeit noch einiges in Deutschland auftauchen, das glaubt auch Micaela Kapitzky, angeregt auch durch die Berliner Auktion. Man sei mit „weniger als zehn Museen“ in Gesprächen, erklärten kürzlich die deutschen Anwälte der Mosse-Erben.
Die Suche gestaltet sich schwierig. Was man daran sieht, dass die Mosse-Erben auf der Website „Lostart“ mittlerweile 1044 bis heute vermisste Objekte eingestellt haben. Es dürfte die höchste Anzahl sein, die je aus einer Sammlung dort veröffentlicht wurde. Die Datenbank dient der Suche nach Kunstwerken, die von Nationalsozialisten gewaltsam entzogen wurden. In der „Washingtoner Erklärung“ haben sich die Museen verpflichtet, ihre Sammlungen zu durchforsten nach dieser Raubkunst. Damit die Werke an die legitimen Erben zurückgehen. Und so landen Menzel & Co. unter dem Hammer in der Villa Grisebach.
Villa Grisebach, Fasanenstr. 25, Versteigerung, 1. Juni


