Nur ein hoffnungsloser Optimist hätte 1986 geglaubt, dass es gelingen würde, in West-Berlin einen funktionierenden internationalen Auktionshandel aufzuziehen. Glücklicherweise war für den Standort Berlin zum richtigen Zeitpunkt ein eben solcher Optimist zur Stelle: Sein Name war Bernd Schultz.

In der kommenden Woche feiert die Villa Grisebach ihr 25-jähriges Bestehen. Und wenn Schultz und seine Mitstreiter von Mittwoch bis Sonnabend zur Jubiläums-Auktionsserie in das Künstlerhaus mit dem Giebeltürmchen in Charlottenburg laden, dann werden sie wahrscheinlich auch noch einmal daran erinnern, dass das ganze Unternehmen damals aus einer Zwangslage heraus geboren wurde. "Wir sind ins kalte Wasser gesprungen", erzählt Schultz, während er auf dem Sofa sitzt und von Bildern von A.R. Penck und Serge Poliakoff an den Wänden flankiert wird, "weil ich der Überzeugung war, dass der Kunstmarkt dabei war, sich grundlegend zu verändern."

Marktführer für Klassische Moderne

Schultz war Mitte der Achtziger Galerist. Eine der wichtigsten Beschaffungsquellen waren die Auktionshäuser. Weil aber die Transparenz durch die Veröffentlichungen der Auktionsergebnisse in den Medien zunahm, und weil die Sammler mehr und mehr begannen, sich selbst für die Auktionen zu interessieren, konnte es vorkommen, dass der Händler nun bei der Versteigerung neben seinem eigenen Kunden saß, dem er das Bild vielleicht später anbieten wollte. "Ich musste ihn erst überbieten, um es ihm dann später teurer zu verkaufen", sagt Schultz. "Da wusste ich, dass diese Form des Handels für mich keine Zukunft hatte." Er beschloss, die Seiten zu wechseln. Und wurde selbst Auktionator.

Gegner hat er sich damals viele gemacht. Sowohl unter den Galeristen, deren Lager er verließ, als auch unter den Auktionatoren, die über die neue Konkurrenz keineswegs erfreut waren. Also suchte Schultz sich Mitstreiter. "Mitschuldige", wie ein Freund damals sagte. Zu den Gründungspartnern der Villa Grisebach gehörten neben den Berliner Händlern Schultz und Hans Pels-Leusden auch die Kunsthändler Raimund Thomas aus München, Wilfried Utermann aus Dortmund und Michael Neumann aus Düsseldorf. Von Anfang an suchte die Villa Grisebach ihre Verbindungen zum Rest der Republik.

Heute versteht man sich in Berlin als deutscher Marktführer für die Klassische Moderne. Über die Jahre sind zwar die Fotografie und die zeitgenössische Kunst mit ins Angebot aufgenommen worden, die größten Erfolge hat die Villa Grisebach jedoch stets im eigenen Spezialsegment gefeiert. Der letzte Rekord ist kein halbes Jahr her: Da zahlte ein Käufer 915 000 Euro für Ernst Wilhelm Nays "Chromatische Scheiben" von 1960.

Gewachsen ist man langsam. Lag der Umsatz im Anfangsjahr bei 3,8 Millionen Mark, so betrug er 2007, auf dem letzten Höhepunkt des Kunstbooms, 50 Millionen Euro. Immerhin knapp die Hälfte, 22,6 Millionen, soll nun die herbstliche Versteigerungsserie bringen, die mit 1463 Arbeiten die umfangreichste in der Geschichte des Hauses ist.

Man könnte nun mit uneingeschränkter Freude durch den sechsbändigen Katalog blättern, der die Nachttischplatte mit satten vier Kilo belastet - wenn nicht daneben eine Biografie aus einem Schweizer Verlag liegen würde, die den jüdischen Sammler Heinz Berggruen aufs Übelste verunglimpft. Geschrieben hat sie Vivien Stein. Sie war früher Mitarbeiterin der Villa Grisebach. "Die Autorin lebt seit 1994 nicht mehr in Berlin", stellt Schultz dazu fest. "Natürlich nehmen wir die Diskussion wahr. Aber wir wollen das nicht kommentieren."

Neu und wichtig ist, dass ab dieser Saison erstmals Kunst des 19. Jahrhunderts angeboten wird, dank Florian Illies, dem Neuzugang unter den Partnern der Villa Grisebach. Der "Generation Golf"-Autor und ehemalige Feuilleton-Chef der "Zeit" hat sich diese Epoche zum Spezialgebiet erkoren und für den Auftakt am Mittwochnachmittag eine Auktion mit 84 Losen zusammengestellt. In der Vorbesichtigungsausstellung der Villa findet man nun neben typischen Grisebach-Highlights wie Emil Noldes "Sonnenblumen im Abendlicht" oder Max Beckmanns "Elefant und Clown im Stall" - die im Preisbereich zwischen 700 000 und 1,5 Millionen Euro liegen - auch Namen wie Karl Friedrich Schinkel oder Carl Gustav Carus. Man mag es kaum glauben, dass ein Originalausriss aus Schinkels Skizzenbuch mit einer idealisierten Stadtarchitektur nur 1200 bis 1500 Euro bringen soll. Die gleiche Schätzung steht unter der wunderbaren Zeichnung eines Weidenröschens von Carus, während eine seiner stimmungsvollen Abendlandschaften in Öl auf moderate 60 000 bis 70 000 Euro taxiert ist. Es ist doch erstaunlich, dass die Preise für solche Arbeiten sich noch nicht ihrer kunstgeschichtlichen Relevanz angenähert haben.

Sammlungsgebiet mit Raritäten

Illies hat eine Ausstellung zusammengestellt, die das Kitschige, das Biedere des 19. Jahrhunderts fast gänzlich außen vor lässt und stattdessen zeigt, wie die Kunst dieser Epoche zwischen den Polen Realismus und Romantik changiert. Gänzlich fremd ist uns das Lebensgefühl dieses Zeitalters noch nicht, und wer würde nicht gern zum Zeichen der inneren Verbundenheit die kleine Rückfigur erwerben, die unter der Losnummer 101 den Sonnenuntergang hinter den blauen Bergen beobachtet. Gut, es ist kein Caspar David Friedrich, sondern nur ein unbekannter Dresdner Maler. Aber dafür soll die Ölstudie auf Bütten auch nur 8000 bis 12 000 Euro kosten. Billiger kann man eigentlich nicht in ein neues Sammlungsgebiet einsteigen.