„Eigentlich ist es ein Jackpot.“ Das sagt Claudia Thomas über ihre Wohnung im Heinrich-Heine-Viertel: zentrale Lage, akzeptabler Mietpreis, gute Nachbarschaft. Doch immer häufiger fühle sie sich in der Gegend unwohl, denn die Drogenszene breitet sich auch in ihrem Viertel aus, so Thomas. Regelmäßig könne sie mittlerweile Drogendeals im Vorgarten ihres Wohnhauses beobachten, Menschen aus der Szene machten auch vor den Haustüren nicht mehr Halt. „Wir hatten auch schon welche bei uns im Hausflur, die verbringen manchmal die Nacht im Keller, da haben wir auch schon Crack-Folien gefunden.“
„Berlins Kampf gegen Drogen“
Drogentaxis, Konsum in der Öffentlichkeit, Dealer mit Visitenkarten – illegale Drogen sind Teil des Alltags in Berlin. Die Anzahl der Drogentoten hat einen Höchststand erreicht. In der mehrteiligen Serie „Berlins Kampf gegen Drogen“ zeigen wir, wie tief das Thema in der Stadt verankert ist – und wie es das Leben von Abhängigen, Ärztinnen, Polizisten, Eltern und vielen anderen beeinflusst. Alle Teile der Serie finden Sie hier.
Mehrfach habe sie schon zerfledderte Handtaschen im Gebüsch entdeckt, vermutlich zurückgelassen nach einem Raub. „Ältere Bewohner trauen sich hier gar nicht mehr oder aber nur noch zu bestimmten Uhrzeiten auf die Straße“, so Thomas. Auch sie selbst komme nicht mehr gerne im Dunkeln nach Hause. „Ich habe mich hier eigentlich immer sicher gefühlt, aber dieses Gefühl verliere ich langsam.“ Dass sie damit nicht alleine ist, zeigen die Beiträge in einem Post auf dem Nachbarschaftsportal nebenan.de, in dem Thomas ihre Nachbarn nach ihrer Meinung zu der aktuellen Situation befragt hat: Dort fallen Worte wie „gruselig“, „unfassbar“, „schlimm“ und „beängstigend“.
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Doch die zunehmende Drogenproblematik im Viertel führt nicht nur zu Angst unter den Bewohnern, sondern auch zu Verärgerung. „Ich habe hier einen Mietergarten, den ich pflege. Aber daran ist mir mittlerweile die Lust vergangen“, so Thomas. Zu oft habe sie ihr Beet schon von Drogenbestecken und Fäkalien befreien müssen. Mit vielen der Konsumenten habe sie zwar Mitleid. Aber unter ihnen seien nicht nur die typischen Drogensüchtigen. „Hier kommen auch Leute hin, um sich mit ihren Partydrogen einzudecken“, sagt Thomas. „Was mich wahnsinnig ärgert, ist, dass die mit ihren Geschäften hier eine ganze Wohngegend total beeinflussen.“
Die neue Morgenpost-Serie: Berlins Kampf gegen Drogen
Was die Situation im Heinrich-Heine-Viertel mit der BVG zu tun hat
Wenn man sich in der Gegend umschaut, fällt auf: Viele Wohnhäuser sind durch einen Zaun geschützt. Bei den Neubauten wurde auf Vorgärten verzichtet, die Eingänge zu den Häusern liegen hinter verschlossenen Toren, auch die Tiefgaragenzufahrten sind nicht frei zugänglich. „Viele Zäune sind in den vergangenen Jahren dazugekommen“, berichtet Thomas. Die Wohnanlage der Berolina – der Wohnungsbaugenossenschaft, der das Gebäude gehört, in dem Thomas lebt – ist jedoch nicht eingezäunt. „Das führt natürlich dazu, dass bei uns besonders viel los ist“, so Thomas. Sie sei mittlerweile an dem Punkt, an dem sie sich einen solchen Zaun zum Schutz wünsche. „Ich weiß nicht, ob es etwas bringt, sich zu verbarrikadieren. Das führt ja auch zu einer Ghettoisierung, das will niemand aus unserer Nachbarschaft“, meint Thomas. Aber ein solcher Zaun würde ein Sicherheitsgefühl mit sich bringen.
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Dieser wird aber wohl nicht kommen, denn die Berolina sieht „in der Einzäunung von Wohnanlagen keinen gangbaren Weg“, wie Berolina-Vorstandsvorsitzender Frank Schrecker auf Morgenpost-Anfrage mitteilt. Allein aufgrund der Grundstücksgröße im Heinrich-Heine-Viertel sei eine solche Einzäunung technisch und wirtschaftlich nicht möglich. „Ein ganzes Viertel, und nicht nur ein einzelnes Gebäude, zur Gated Community zu entwickeln, kann trotz der Probleme nicht der Weg sein.“ Stattdessen setzt die Genossenschaft auf zusätzliche Kontrollen auf ihrem Gelände, für die hilfsweise auch externe Dienstleister eingesetzt werden. „Wir wurden über die Security-Leute informiert, ich habe von denen aber noch nie einen gesehen“, so Thomas.

Für Claudia Thomas hängt die Verschlimmerung der Lage in ihrem Wohnviertel vor allem mit der BVG-Offensive für mehr Sauberkeit und Sicherheit auf der U8 zusammen. „Das hat einen Verdrängungseffekt bewirkt. Jetzt haben wir die Drogen-Szene bei uns im Garten“, beklagt Thomas. Auch die Berolina sieht einen Zusammenhang mit dem BVG-Projekt: „Die dort erzielten Verbesserungen gehen offenbar mit einer Verlagerung von Problemlagen in angrenzende Wohnquartiere einher“, so Schrecker. Zu Drogenhandel, -konsum sowie Belästigungen liege ihm eine „Vielzahl von Beschwerden und Hinweisen“ vor. Die Entwicklung verunsichere die Bewohner zunehmend. Von den Berliner Verkehrsbetrieben heißt es hierzu auf Morgenpost-Anfrage: „Die BVG handelt nie mit dem Ziel, soziale Probleme zu verdrängen.“
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Die Berolina sieht vor allem die Politik in der Pflicht: „Land und Bezirk sind aufgefordert, tragfähige und lokal wirksame Maßnahmen anzugehen, um Drogenhandel und –konsum sowie Belästigungen in den Wohnquartieren wirksam zu begegnen. Ziel ist eine schnelle und nachhaltige Verbesserung der Situation im Interesse der Bürgerinnen und Bürger“, so Schrecker. Die Problemlage ist auch im Bezirksamt Mitte bekannt. Die Ausweitung der Drogenszene vom Kottbusser Tor aus habe im vergangenen Jahr zu einer Verstärkung im Bereich zwischen Moritzplatz, Heinrich-Heine Straße und Jannowitzbrücke geführt, heißt es aus dem Amt.

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Ein Pressesprecher betont: „Insbesondere alle Innenstadtbezirke sind sehr belastet und können die Probleme nicht alleine lösen.“ Der Senat sei gefragt, ein gesamtstädtisches Konzept umzusetzen. „Es braucht einen richtungsweisenden Wechsel in der Angebotsstruktur der Sucht- und Wohnungslosenhilfe in Berlin.“ Bestehende Angebote müssten gestärkt und um neue Angebote ergänzt werden.
Alle Teile der Artikelserie lesen Sie hier:
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Drogenhandel in Berlin: Spandau verzehnfacht Polizei Präsenz
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Was eine gesamtstädtische Strategie angeht, verweist der Senatsverwaltung für Gesundheit auf die Diskussionen im Rahmen des Sicherheitsgipfels. Das geht aus einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage der Abgeordneten Bahar Haghanipour und Susanna Kahlefeld (beide Grüne) hervor. Dort heißt es: „Es besteht Einvernehmen, dass einerseits die bereits vorhandenen Hilfestrukturen gefestigt und ausgebaut, andererseits auch die Weichen für neue Konzepte, die beispielsweise eine stärkere Verzahnung von Wohnungsnotfallhilfe-Maßnahmen mit Angeboten der niedrigschwelligen Drogenhilfe ermöglichen, gestellt werden müssen.“ Für Anwohnerin Claudia Thomas steht nur eins fest: „Das muss geregelt werden, damit wir hier wieder gerne wohnen.“










