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Wo zu DDR-Zeiten gegessen, getrunken und bis vier Uhr in der Nacht getanzt wurde, fanden sich nach der Wende oft nur noch verlassene Säle, menschenleere Großküchen und verwaiste Kegelbahnen – die Ostberliner Gaststätten gehörten zum DDR-Wohnungsbauprogramm der 1970er-Jahre. Nach der Wiedervereinigung wurden die Betonwürfel Ostberlins, die einst geselliges Beisammensein versprachen, reihenweise stillgelegt und drohten als Problemimmobilien der Nachwendezeit zu modernen Ruinen zu verfallen. Doch in ihrem Inneren konservierten die menschenleeren Gaststätten Alltagsschätze aus den letzten Tagen der DDR. In der Lost Place-Gaststätte „Zum Bauarbeiter“ konnten Entdecker noch Jahrzehnte nach der Wende fündig werden. Alle Infos.

Das sind die Fakten zur Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“ im Überblick:

  • Adresse: Siegfriedstraße 191, Ecke Gotlindestraße, 10365 Berlin-Lichtenberg
  • Geschichte: Ende der 1970er-Jahre als HO-Clubgaststätte eröffnet; nach der Wiedervereinigung wurde die Begegnungsstätte in den 1990er-Jahren geschlossen; anschließend Leerstand und Verfall
  • Führungen: Keine
  • Denkmalschutz: Nein
  • Status: Ehemaliger Lost Place

Wo lag die Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“ genau?

Die Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“ lag an der Adresse Siegfriedstraße 191 auf einem Eckgrundstück zur Gotlindestraße im Ortsteil Lichtenberg des gleichnamigen Bezirks. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: GF9X+8FV Berlin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Standort am besten mit den Tramlinien 21 und 37 sowie den Buslinien 240, 256, N50 und N56 (Haltestelle Gotlindestraße) zu erreichen. Von der Station ist das gegenüberliegende Eckgrundstück, auf dem sich die Clubgaststätte befand, bereits zu sehen. Achtung: Von dem DDR-Gebäude haben sich vor Ort keine sichtbaren Spuren erhalten.

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Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“:

Ausgangslage: Würzfleisch für die Plattenbausiedlungen der Republik

22.03.1979, Berlin-Ost, Neubaugebiet Greifswalder Straße...
Clubgaststätten wie die HO-Gaststätte „Zur Mühle“ im 70er-Jahre-Neubaugebiet an der Greifswalder Straße gehörten zur komplexen Wohnungsbauinitiative in der DDR und zu einem alltäglichen Anblick in den neu entstandenen Plattenbausiedlungen Ostberlins. Foto, 1979© picture alliance / imageBROKER | Carsten Milbret

„Sie werden platziert!“ An diesen Hinweis im Foyer von Gastronomiebetrieben erinnern sich wohl die meisten Ex-DDR-Bürger. Wer sie besuchte, musste je nach Andrang geduldig sein und ein Freund der regionalen deftigen Küche, die zum Kernangebot vieler Wirtshäuser und Restaurants im selbsterklärten „Arbeiter- und Bauernstaat“ zählte. Eine besondere Stellung im Bereich der sozialistischen Gast- und Vergnügungsstätten nahmen die Gebietsgaststätten ein. Sie wurden auch Clubgaststätten genannt – oder despektierlich: „Fresswürfel“.

Die von der Handelsorganisation (HO) oder dem Konsum – den beiden großen Playern der DDR-Lebensmittelindustrie – betriebenen Clubgaststätten waren eine Kombination aus Restaurant, Kulturhaus und Kantine. Sie erhielten oft klingende Namen wie „Solidarität“, „Jugend“, „Zum Bauarbeiter“ oder „Kiew“, was sich im Interieur und den Spezialitäten auf der Speisekarte niederschlug. Wer sich im Gastraum der Anfang der 1980er-Jahre in Lichtenberg eröffneten Clubgaststätte „Kalinka“ einfand, durfte beispielsweise auf Besonderheiten der russischen Küche hoffen. In der Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“ gab es rustikale regionale Spezialitäten: neben Berliner Leber, Kochklopsen und Jägerschnitzel durften natürlich auch nicht die Klassiker der Clubgaststättenküche fehlen: Würzfleisch überbacken, mit Toast für 2,65 Mark und Erdbeer-Halbgefrorenes für 2,05 Mark.

Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“: Arbeiterkiez in den 1970er-Jahren

DDR - neuer Stadtbezirk Marzahn
Während die DDR-Clubgaststätten äußerlich recht einheitlich gestaltet waren, konnte sich die Innengestaltung und das Interieur in den 1970er-Jahren stark voneinander unterscheiden. Blick auf die HO-Gaststätte „Biesdorfer Kreuz“ in Marzahn. Foto, 1984.© picture-alliance/ ZB | Peter Zimmermann

In der Trabant-Betonsiedlung wurde nach dem Konzept des komplexen Wohnungsbaus neben Hochhäusern in Plattenbauweise die komplette umgebende Infrastruktur als Module am Reißbrett mitgeplant: Schulen, Sportstätten, Polikliniken, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten. Eines der städtebaulich wichtigsten Elemente – ein zentraler Ort der Begegnung in der Neubauwüste – war das architektonische Dreigestirn aus Kaufhalle, Clubgaststätte und Dienstleistungswürfel.

Die HO-Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“ wurde Mitte der 1970er-Jahre von Baubrigaden an der Siegfriedstraße errichtet. Auf dem Baugrund westlich des Straßenbahnhofs Lichtenberg hatten sich zuvor Gärten und Datschen der Kleingartenanlage „Müllersruh“ befunden. In der Umgebung hatte die DDR Anfang der 1970er-Jahre die Betriebsstätten des Lichtenberger Industrieviertels an der Josef-Orlopp-Straße ausgeweitet und bis 1973 das „Bauarbeiterhotel“ – mehrere elfstöckige Plattenbauten, die in den 1970er Jahren als Bauarbeiter-Unterkünfte und Arbeiterwohnheim dienten – fertiggestellt. Sie waren namensgebend für die 1977 eröffnete Clubgaststätte an der Siegfriedstraße. Einige Hundert Meter weit entfernt befand sich außerdem die Konsum-Bauarbeiterversorgung, eine großdimensionierte Kantine an der Bornitzstraße.

In der Ausgabe des DDR-Presseorgans „Neues Deutschland“ vom 11. Februar 1977 wurden die Leser auf das neue Ausflugsziel aufmerksam gemacht. Dort hieß es: „Seit einigen Tagen lädt in der Siegfriedstraße eine neue Klubgaststätte für Bauarbeiter täglich ab 9 Uhr ein. In unmittelbarer Nähe befindet sich das Arbeiterwohnheim, in dem auch zahlreiche Jugendliche aus den Bezirken untergebracht sind, die beim Aufbau unserer Hauptstadt helfen.“

Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“: So war die Mehrzweckhalle aufgebaut

Bei der Clubgaststätte handelte es sich um eine auf einer Grundfläche von knapp 2500 Quadratmetern errichtete Halle in Stahlskelettbauweise. Charakteristisch für die Bauweise war die rasterartige Metallfassade, der eingeschossige Hallenbau mit großen Fensterfronten und das typische wellenförmige Flachdach auf dem eine große Leuchtschrift „Zum Bauarbeiter“ Besuchern den Weg wies. Das Bauwerk war erhöht auf einer Betonbasis errichtet, die vor dem Haupteingang eine von Stahlbalustraden umschlossene Terrasse bildete.

Der Haupteingang zur „Bauarbeiter“-Gaststätte war über den Vorplatz an der Siegfriedstraße zu erreichen. Für die Warenanlieferung gab es einen Ladeplatz mit Rampe an der Gotlindestraße. An der Nordwestecke des Gebäudes lag ein Gästeparkplatz neben der großen Parkfläche des Bauarbeiterhotels im Norden, von dem aus Wege über das Grundstück direkt zur der Clubgaststätte führten. Im Inneren bot die Clubgaststätte eine Speisegaststätte, eine Bar, ein Café und einen Mehrzwecksaal. Für den Betrieb verfügte die Gaststätte neben Personalräumen, Lagerräumen und Räumlichkeiten für die Gebäudetechnik auch über eine Großküche. Den Besuchern standen neben den Restaurant- und Caféplätzen eine Kegelbahn und im Sommer einige Dutzend Terrassenplätze zur Verfügung.

Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“: Tagsüber Restauration, abends Tanzveranstaltungen

Schulspeisung in der DDR / Foto
Viele ehemalige DDR-Bürgern dürften die Clubgaststätten noch in Erinnerung sein. In ihnen fanden auch Schulspeisungen für die Schüler umliegender Schulen und Tanzveranstaltungen nach Betriebsschluss der Gastronomie statt. Fotografie einer Schulspeisung in der Clubgaststätte „Druschba“ im Wohngebiet am Tierpark in Ostberlin© picture alliance / akg-images | akg-images

Vielen der Anwohner im Kiez dürfte die Clubgaststätte noch gut in Erinnerung sein. Zu DDR-Zeiten war sie ein Ort der Begegnung, an dem gegessen und getrunken, getanzt, gefeiert und gesungen wurde. Bekannte Künstler traten hier auf, Brigaden stießen auf die Planerfüllung mit Nordhäuser Doppelkorn oder Rotkäppchen Sekt an und auch Jugendweihen wurden in ihren Räumlichkeiten ausgerichtet. Die Speisegaststätte diente mittags zudem der Schülerinnen- und Rentnerinnenspeisung. Hunderte Mahlzeiten wurden täglich für die Schüler der in der Umgebung liegenden Schulen zubereitet.

Mit Einbruch der Nacht wandelte sich das Publikum: In dem gastronomischen Betrieb, der mittags Schulspeisungen und nachmittags Café- und Restaurantbetrieb ermöglichte, mischte sich nun der Duft von Cabinet-Zigaretten, Würzfleisch und Action-Deodorant, nachdem der Schallplattenunterhalter – heute würde man ihn DJ nennen – sein Equipment aufgebaut hatte und die Location für Tanzveranstaltungen freigegeben wurde. Die Gaststätte wurde zum Club.

Die Eintrittspreise waren niedrig, die Getränkepreise auch: Bis 22 Uhr standen die Partys und Tanzveranstaltungen auch Jugendlichen offen. Das Ausgehen hatte für sie einen besonderen Stellenwert, weil es neben Schule und Ausbildung wenig Zerstreuung im Viertel gab. Nach 22 Uhr wurde in den Clubgaststätten die Musik ausgedreht und die Ausweise kontrolliert. Minderjährige mussten den Saal verlassen. Es war Zeit für die Nachtboutique, bei der bis weit in die Morgenstunden gefeiert wurde.

Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“: Mit der Wende kam das Aus

Berlin, Deutschland, verlassenes und zugewachsenes Dienstleistungszentrum
Viele der ehemaligen Clubgaststätten verfielen nach der Wende zu Lost Places. Blick auf die vollkommen heruntergekommene Ex-Gaststätte „Kalinka“ in Friedrichsfelde im Jahr 2009.© picture alliance / Caro | Muhs

Dreizehn Jahre lang waren die von hochaufragenden Plattenbauten umsäumten Räumlichkeiten der Stadtgebietsgaststätte wichtiger Anlaufpunkt im Kiez gewesen – dann wurde mit der friedlichen Revolution 1989 das Ende für die DDR-Clubgaststätte eingeläutet. Sie teilte damit das Schicksal der meisten Wohngebietsgaststätten, die den Betrieb ohne Subventionen nach der Wiedervereinigung nicht überlebten. Viele wurden schnell abgerissen, andere wurden noch einige Zeit als Standort für kleine Gewerbebetriebe weiter genutzt oder verfielen zu Lost Places.

Die Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“ an der Siegfriedstraße in Lichtenberg wurde nach der Wiedervereinigung eine Zeitlang als Outlet für Renovierungsbedarf zwischengenutzt. Statt der Leuchttafel an der Terrasse, an der mit großen Buchstaben „Clubgaststätte Zum Bauarbeiter“ in Majuskeln Passanten auf die Gebietsgaststätte aufmerksam machten, war nun „city top shop“ an der Dachzeile aufgehangen und über der Fensterfront eine Auswahl der Verkaufsgüter zu lesen: „Bodenbeläge, Tapeten, Farben & Lacke“. Lange hielt sich der neue Gewerbemieter nicht in der alten Clubgaststätte. Seit den 1990er-Jahren stand das ehemalige Gaststättengebäude komplett leer und verfiel zusehends zu einer modernen Ruine.

Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“: Marode Halle wurde zum Schandfleck im Kiez

Während sich das Viertel rings um die alte Clubgaststätte wandelte, Wohnungen und Straßen saniert wurden und neue Gebäude entstanden, versank die Halle in einen Jahrzehnte währenden, ruinösen Dornröschenschlaf und drohte schließlich ohne geeignetes Nachnutzungskonzept zu einer verwahrlosten, einsturzgefährdeten Architekturschandmal im Kiez zu verkommen. Die großen Fensterfronten wurden so großflächig mit Graffiti überzogen, dass man kaum noch in das Innere der ehemaligen Clubgaststätte blicken konnte, wo sich Lagen von Staub und Dreck auf die letzten verbliebenen Relikte aus der Zeit als Ladengeschäft und aus noch früheren Tagen legten, als die Gaststätte noch gesellschaftliches Zentrum des Kiezes war und DDR-Interieur aus den 70er- und 80er-Jahren samt Stabhängelampen, geschwungenen Lounge-Sesseln und moderne Kunst an holzvertäfelten Wänden die Gäste begrüßte.

Die Zeiten waren lange vorbei. In den 2000er-Jahren wurden an dem Nachwende-Lost Place eingeschlagene Fenster notdürftig mit Brettern vernagelt. Halbeingerissene Plakate flatterten im Wind von der bröckelnden Fassade. Die Betonplatten am Sockel wurden marode, durch den Asphalt am Vorplatz brachen wildwuchernde Pflanzen und Sträucher und rankten sich an den rostzerfressenden Fertigbauteilen der Halle empor. Mit den Jahren des Leerstands zeigten sich am Gebäude immer augenfälliger die Spuren von Verfall und Vandalismus. Zerbrochene Bierflachen, entsorgter Hausrat, Plastiktüten und anderer Müll sammelte sich – achtlos entsorgt – auf dem Gelände. Klar war: es musste etwas passieren, wenn sich die Problemimmobilie nicht zu einem rattenbefallenen Gesundheitsrisiko und einer Brandgefahr für die Nachbarschaft entwickeln sollte.

Clubgaststätte „Zum Bauarbeiter“: Nachfolgebauwerk brannte 2021 nieder  

Ein Supermarkt in Lichtenberg brannte aus.
Opfer der Flammen: Der auf dem Grundstück der Clubgaststätte errichtete Supermarkt in Lichtenberg brannte 2021 vollständig aus.© Pudwell | Unbekannt

Ende der 2000er-Jahre bahnte sich endlich ein Fortschritt für das verfallene Gelände an. Ein Investor hatte das Areal erworben und plante einen Neubau auf dem Grundstück zu errichten. Ende 2008 näherten sich Abrissbagger der heruntergekommenen Ex-Clubgaststätte und machten mit der Leichtbauhalle kurzen Prozess. Innerhalb weniger Wochen war das Gebäude komplett abgerissen, Schrott und Bauschutt beseitigt und der Baugrund konnte für das Neubauprojekt vorbereitet werden.

Bis zum Frühjahr 2009 wurde eine neue eingeschossige Kaufhalle errichtet, die auf dem südlichen Teil der Baufläche lag, die vormals von dem fast doppelt so großen Clubgaststättengebäude eingenommen wurde. Im nördlichen Teil lagen Kundenparkplätze. In die Kaufhalle zog ein Netto-Lebensmitteldiscounter ein, der die umliegenden Wohnsiedlungen mit Grundnahrungsmitteln versorgte, bis er 2021 bei einem Großbrand bis auf die Grundmauern niederbrannte.

Wieder verkam das Gelände zu einer verwunschenen Brache, die bis heute Passanten auf dem Eckgrundstück vorfinden: Der ehemalige Parkplatz verwildert, erneut wuchert Unkraut über den Beton. Behördliches Hickhack verhinderte bisherige Neubaupläne. Aktuell gibt es Investorenpläne, die vorsehen, ab 2026 ein Wohnungsneubau auf der Brache entstehen zu lassen – mit insgesamt 7000 Quadratmeter Wohnfläche in 112 Wohneinheiten und Einzelhandelsflächen im Erdgeschoss. Mit der Fertigstellung rechnet der Bauherr bis 2028.