Wohnraum ist in Berlin knapp. Dennoch gibt es in fast jedem Bezirk Geisterhäuser. Berlins Mieterverein geht von bis zu 100 verwahrlosten Häusern in der Hauptstadt aus. Es könnten auch mehr sein. Eine der Problemimmobilien findet sich an der Bernburger Straße in Kreuzberg. Seit Jahren steht das traditionsreiche Eckhaus nahe dem Askanischen Platz, das einst die Kultkneipe „Stadtklause“ beherbergte, leer. Was plant der Eigentümer? Alle Infos zu dem Lost Place.
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Das sind die Fakten zum Geisterhaus Bernburger Straße im Überblick:
- Adresse: Bernburger Straße 35, Askanischer Platz 2, 10963 Berlin-Kreuzberg
- Geschichte: Das Eckhaus wurde 1844 im Zuge der Erstbebauung der Bernburger Straße errichtet; seit den 1870er-Jahren war es Sitz der Grote‘schen Verlagsbuchhandlung; seit 1915 firmierte das „Hotel Sedan“ in dem Gebäude; im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, wurde das Wohn- und Geschäftshaus in den Nachkriegsjahren mit einer einfachen Fassadengestaltung wiederaufgebaut; in den 1960er-Jahren führte Otto Dehne hier die Kultkneipe „Askania-Klause“, die nach Leerstand 2006 als „Stadtklause“ wiedereröffnete; 2023/2024 wurde das Haus entmietet; seither herrscht Leerstand und Verfall
- Führungen: Keine
- Denkmalschutz: Nein
- Status: Lost Place
Wo liegt das Geisterhaus genau?
Das Geisterhaus liegt an der Adresse Bernburger Straße 35 im Ortsteil Kreuzberg des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Objekt lauten: G93J+V7P Berlin. Das Grundstück kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln am besten mit der Buslinie M41 (Haltestelle S Anhalter Bahnhof) erreicht werden. Von der Bushaltestelle ist es ein rund zweiminütiger Fußweg über den Askanischen Platz bis zum Geisterhaus. Achtung: Es handelt sich um Privatbesitz. Unbefugten ist das Betreten nicht erlaubt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Geisterhauses Bernburger Straße:
Ausgangslage: Berliner Aufbruchsjahre zwischen Biedermeier und Vormärz

Im Jahr 1844 erlebte Berlin eine spannende Phase der Modernisierung, im sogenannten Vormärz, wenige Jahre vor den demokratischen Umbrüchen 1848/1849, die in Berlin zu blutigen Kämpfen führten und ihre revolutionären Schatten vorauswarfen. In der Stadtmitte öffnete im August 1844 der Berliner Zoo, einer der ersten Tierparks Europas und der heute älteste in Deutschland; am Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik, wurde die Kroll-Oper eingeweiht, und begeisterte fortan mit legendären Vorstellungen und Bällen die Gäste; der Schriftsteller Theodor Fontane legte sich den Waffenrock an, begann in Berlin seinen Militärdienst, unterbrochen von Kneipenbesuchen und Sanskritstudien – und in Kreuzberg, damals noch am Stadtrand gelegen, wurde die Bernburger Straße als Zugangsstraße für den drei Jahre zuvor in Betrieb genommenen Anhalter Bahnhof eröffnet. Es war der zweitälteste Bahnhof und einer der wichtigsten Fernbahnhöfe der Stadt; das Tor Berlins in den Süden mit Verbindungen nach Österreich, Italien, nach Istanbul, in den Orient und Afrika.
1844 – mit der Einweihung der Bernburger Straße – erhielt auch der ehemalige Kreuzberger Viehmarkt, der zum Bahnhofsvorplatz aufgestiegen war, seinen heutigen Namen: der Askanische Platz, der bald zu einer der nobelsten Adressen in Berlin wurde. Im Takt des Fernverkehrs erfand sich die Metropole neu, traf Durchgangsverkehr auf Läden, Cafés und Pensionen. Hier bauten Siemens & Halske ihr Verwaltungsgebäude, hier entstanden prunkvolle Hotelbauten und auch – auf den Parkanlagen des Platzes – Berlins erste städtische Toiletten.
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Errichtung des Stadthauses Mitte des 19. Jahrhunderts

Das Bahnhofsareal wurde zum Empfangssalon Berlins; die ankommenden und abfahrenden Lokomotiven, der Reiseverkehr prägten die Umgebung. Steinerner Zeuge der Wandlungen und Veränderungen am Platz war seit dessen Entstehung das Eckhaus Bernburger Straße 35 am Askanischen Platz, das zur Erstbebauung der Bernburger Straße zählte. In den 1840er-Jahren errichtet, wurden die Wohnungen des viergeschossigen Stadthauses mehrheitlich von einer bürgerlichen Klientel bezogen: Kaufleute, Rechenmeister, Beamte. Zu den ersten Bewohnern zählte aber auch die Hauptmannswitwe und Baronin Albertine Friederike von Putlitz, Tochter des preußischen Generalmajors Johann Anton von Dessaunières, und um 1850 der Privatier und Baron G. von Lenzke.
In der Zeile im Sockelgeschoss eröffneten Läden: eine Blumenhandlung, ein großes Weingeschäft. Seit den 1870er-Jahren firmierte die Grote‘sche Verlagsbuchhandlung in der Bernburger Straße 35, die in dieser Zeit zu den Verlagen mit den meisten Veröffentlichungen im deutschsprachigen Raum zählte. Zum Verlagssortiment unter der Leitung von Carl Müller-Grote (1833–1904) zählten monumentale Kunstausgaben, enzyklopädische Reihen und illustrierte Klassiker-Ausgaben. Daneben verlegte Grote auch zeitgenössische Autoren wie Wilhelm Raabe, Julius Wolff und Theodor Fontane.
Geisterhaus Bernburger Straße: Reisende kehrten im „Hotel Sedan“ ein

Nach der Jahrhundertwende und in der Zwischenkriegszeit wandelte sich der Askanische Platz zu einem der flirrenden Hotspots der Elektropolis Berlin. Leuchtreklamen, Automobile und die sich kreuzenden Oberleitungen der „Elektrischen“ – der am Platz haltenden Straßenbahnen – kündigten die neuen Zeiten an. In den Hotels rund um den Anhalter Bahnhof logierten Touristen, Geschäftsleute und Künstler. Franz Kafka, Joseph Roth und Thomas Mann schrieben sich in den 1910er- und 1920er-Jahren in die Gästebücher der umliegenden Hotels ein, kehrten im „Askanischen Hof“, dem prunkvollen „Habsburger Hof“ am Askanischen Platz 1 und dem „Excelsior“ in der Königgrätzer Straße ein.
Tipp: Das Technikmuseum Berlin hat die Atmosphäre des Askanischen Platzes digital auferstehen lassen. Hier kann man sich einen Eindruck verschaffen.
Einen Steinwurf davon entfernt, an der heutigen Stresemannstraße, wurde in den 1920er-Jahren der Grundstein für das „Deutschlandhaus“ gelegt – einen der angesagtesten Amüsiertempel Berlins der wilden Zwanziger mit Tanzsälen, Cafés und 2000-Plätze-Kino. Im Eckhaus am Askanischen Platz lag seit 1915 eine kleine Pension – in patriotischer Manier der Zeit „Hotel Sedan“ benannt. Flankiert von den größeren Häusern am Platz zwischen dem Habsburger Hof und dem Verwaltungsgebäude der Akkumulatorenfabrik AG (AFA) – heute Sitz des Tagesspiegel-Verlags – sollen im Sedan-Hotel auch Gäste mit schmalerem Geldbeutel ein Zimmer gefunden haben: Reisende, Bahnangestellte und die letzten Kutscher, bevor motorisierte Fuhrleute sie ersetzten.
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Bombensturm verwandelte den Platz in eine Trümmerwüste

Das Wohngebäude am Askanischen Platz blickte auf 100 Jahre Alltagsgeschichte zurück und auf die Metamorphosen eines lebhaften Quartiers in der Umgebung, bevor mit Nationalsozialismus und Krieg das alte Berlin rund um den Anhalter Bahnhof im Bombenhagel unterging. Schon vorher hatte sich der Bahnhof dramatisch verändert: Die Anzahl der Fernzüge nahm ab, in den Kriegsjahren nahmen von hier Deportationen in das Konzentrationslager Theresienstadt ihren Ausgang, auf den Bahnsteigen bestimmten in den letzten Kriegsmonaten Soldaten, Fronturlauber, Lazarettzüge und SS-Männer das Bild. Nach 1945 hinterließen die Kriegszerstörungen das Karree als Trümmerwüste.
Die Bahnhofshalle war zerstört. Was von ihr übrig war, wurde 1960 auf Veranlassung des Senats gesprengt. Von dem imposanten Bahnhofsgebäude zeugt heute nur noch ein Fragment der Bahnhofsvorhalle am Askanischen Platz 6. Auch die Umgebung des Bahnhofs wurde durch die schweren Bombenangriffe im Februar 1945 in Schutt und Asche gelegt. Von den Gebäuden rund um den Askanischen Platz war kaum etwas übrig geblieben: Betonstümpfe, die zwischen Trümmern emporragten. Der Gebäudeflügel des Eckhauses am Askanischen Platz 2 war komplett zerstört, die Seite an der Bernburger Straße schwer beschädigt und vorerst unbewohnbar.
Kreuzberger Nächte in der „Askania-Klause“
Anders als der Bahnhof, der bis 1952 noch einzelnen Nahverkehrsverbindungen diente, aber kaum wiederhergestellt wurde, begannen die Aufbauarbeiten am Askanischen Platz zügig. Das zerstörte Wohnhaus wurde – wenn auch mit etwas einfacherer Fassadengestaltung und weniger Bauschmuck verziert – in der Nachkriegszeit wieder aufgebaut und konnte erneut Mieter aufnehmen. Der Askanische Platz befand sich – wieder einmal – in einer Randlage, dieses Mal zur sowjetischen Besatzungszone und ab den 1960er-Jahren zur innerstädtischen Mauer, die sich an der Stresemannstraße südlich der Leipziger Straße entlangzog.

Die Bahnhofsbrache wurde zu einem unwirklichen Ort in der Frontstadt des Kalten Krieges. Wer sich einen Eindruck verschaffen will, dem sei die berühmte Imbiss-Szene seines filmischen Meisterwerks „Der Himmel über Berlin“ (1987) empfohlen: Darin verewigte Wim Wenders die endlose Brache mit ihren verlorenen Gleisen am ehemaligen Anhalter Bahnhof. Am Rande der Schotterfläche trifft der an einer Imbissbude Kaffee trinkende Peter Falk („Columbo“) auf den Engel Damiel. Geborgene Trümmer des Bahnhofs konnten Kreuzberger unterdessen an einem anderen Ort finden: in der in den 1960er-Jahren von Otto Dehne in der Bernburger Straße 35 geführten Kultkneipe „Askania-Klause“.
In den 2020er-Jahren wurde das Haus entmietet
Jahrzehntelang war die holzvertäfelte Stadtkneipe einer der beliebtesten Anlaufpunkte für Stamm- und Laufkundschaft in langen Kreuzberger Nächten. Nach einigen Jahren Leerstand nach der Wiedervereinigung wurde das Lokal 2006 von Franz Josef Göbel übernommen und als „Stadtklause“ wiedereröffnet: gut besucht, berühmt fürs Schnitzel und die reich dekorierte Ausstattung im Stil Altberliner Kneipen, mit literarischen Zitaten in den Deckenkehlen, kassettierten Decken, Bildern zur Stadtgeschichte und Fotos prominenter Besucher.
Das Haus an der Bernburger Straße war für Generationen von Berlinern zu einem Zuhause geworden und seit 2003 auch zu einer Zuflucht für Jugendliche im Kiez, nachdem der öffentlich geförderte Trägerverein „Alte Feuerwache e.V.“ seine Dependance „Anhalter Treff“ in dem Gebäude eröffnet hatte. Auf 55 Quadratmetern, verteilt auf zwei Zimmer, betreuten die Mitarbeiter rund 20 Kinder und Jugendliche. Ziel war die soziale, schulische und berufliche Förderung – bis der Eigentümer des Hauses in der Bernburger Straße das Gebäude in den 2020er-Jahren schrittweise leerzog. Dem Jugendzentrum wurde 2020 gekündigt. Nach einem Rechtsstreit wurde es 2023 geschlossen. Im selben Jahr wurde der auslaufende Mietvertrag mit der „Stadtklause“ nicht erneuert. Auch hier kam es zu juristischen Auseinandersetzungen. Das Traditionslokal musste – trotz Anwohnerprotesten – Mitte 2024 ausziehen. Auch die übrigen Bewohner, rund zehn Familien, wurden bis dahin entmietet.
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Leerstand und Verfall in bester Lage
Seitdem steht das Gebäude an der Bernburger Straße leer und verfällt. Zugänge wurden zugemauert, Inneneinrichtungen zerschlagen. Die Türen und Fenster zum Hof wurden ausgebaut, die Innenflächen sind der Witterung ausgesetzt; Bauschutt stapelt sich im Innenhof, von den Fassaden blättert der Putz; auch an der bräunlichen Feuerschutzwand, die seit dem Mural Festival 2018 ein großes Street-Art-Wandbild der Künstler James Bullough, Telmo Pieper und Miel Krutzmann zeigt. Nach zwei feuchtkalten Wintern ist das Haus unbewohnbar – außer für Ratten und Tauben, die es sich in dem Geisterhaus am Askanischen Platz heimisch gemacht haben. Sanierungsarbeiten: Fehlanzeige.
Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne) sieht das kritisch: „Es gab den Versuch des Eigentümers, das Gebäude abreißen zu lassen, dafür gab es keine Genehmigung vom Bezirksamt. Was den Leerstand der Wohnungen anbelangt, da ist unser Wohnungsamt dran, wegen der Zweckentfremdung hinterher zu sein.“
Abrissantrag abgelehnt, Verfahren zur Zweckentfremdung ruht
Für das Haus Bernburger Straße wurde ein Abrissantrag gestellt mit dem Plan, das Gebäude durch den Neubau eines Kultur-, Wohn- und Bürogebäudes zu ersetzen. Nach Prüfung wurde der Antrag durch das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg abgelehnt, da der Eigentümer nicht nachweisen konnte, dass er die Absicht hatte, angemessenen Ersatzwohnraum für die wegfallenden Wohnungen zu schaffen. Der Bezirk leitete ein Amtsermittlungsverfahren wegen Zweckentfremdung durch Leerstand ein.
Das Bezirksamt teilte 2026 – nach fast zwei Jahren Leerstand – mit: „Das Amtsermittlungsverfahren ruht, da ein neu eingereichter Abrissantrag derzeit geprüft wird.“ Ein neuer Abrissantrag sei mit „ergänzenden Unterlagen“ jederzeit möglich: eine bürokratische Endlosschleife. Sollte das Haus unterdessen so lange verfallen, bis es nachweisbar nicht mehr sanierungsfähig ist, dann könnte der Weg für den Eigentümer zu Abriss und Neubau samt teureren Wohnungsmieten frei sein. Die verdrängte „Stadtklause“ und die „Alte Feuerwache“ haben 2025 in der Stresemannstraße eine neue Heimat gefunden; die Zukunft des Geisterhaueses an der Bernburger Straße bleibt hingegen, trotz erheblicher Wohnungsnot in der Stadt, weiterhin ungewiss.



