Ein dunkel gekleideter Mann mit Kappe und schwarzem Rucksack steht vor einer Hauswand. In der einen Hand hält er sein Smartphone, in der anderen eine Spraydose. Er ist gerade dabei, Werbung an eine Hauswand zu sprühen. Angst vor der Polizei muss er nicht haben, denn er ist nicht echt, sondern nur ein Gemälde auf einer Wand in Friedrichshain. Der französische Künstler MTO hat das Wandgemälde im Rahmen des Mural Festes erschaffen.

Das Street-Art-Fest fand am Wochenende zum ersten Mal in Berlin statt und verwandelte die ganze Stadt in eine riesige Open-Air-Galerie. Neben dem Franzosen waren mehr 100 weitere Künstler aus der ganzen Welt am Werk, unter anderem bekannte Namen wie der Berliner Künstler El Bocho und das Trio „Die Dixons“. Die internationalen Künstler bemalten, beklebten und besprayten bereits Wochen vorher die Berliner Hauswände.

„Street Art muss noch mehr werden in dieser Stadt“

Die überdimensionalen Murals (Wandgemälde) sind auf insgesamt 10.000 Quadratmetern entstanden. Organisiert wurde das Projekt vom Verein Berlin Art Bang, unterstützt durch die Senatskulturverwaltung. Ziel war es, die Stadt ein bisschen bunter zu machen und urbane Kunst auf die Straße beziehungsweise die Wände der Stadt zu bringen. „Street Art muss noch mehr werden in dieser Stadt“, findet auch Dirk Zet aus Eberswalde. Der 49- Jährige ist extra nach Berlin gefahren, um sich die Murals anzusehen.

Warschauer Straße 58
Warschauer Straße 58© Maurizio Gambarini | Maurizio Gambarini

Am Wochenende fanden auch viele Veranstaltungen statt. Vor dem Wandgemälde des Künstlers MTO an der Warschauer Straße war beispielsweise eine Halfpipe aufgebaut. Mutige konnten sich hier auf dem Skateboard beweisen. An anderen Standorten gab es Rap-Battles, Live-Paintings oder Auftritte von Indie-, Soul-, Funk- und Rap-Bands. Dennis Dockhorn ist einer der vielen Besucher des Festes. Er hat das gute Wetter genutzt und das Fest mit einer Fahrradtour verbunden. „Es ist mal etwas anderes. Ich finde es gut, dass es über die ganze Stadt verteilt ist und man es sich mit dem Rad oder zu Fuß ansehen kann“, sagt der 24-Jährige.

Beim Mural Fest entstanden jedoch nicht nur neue Kunstwerke. Auch alte Werke wurden erneuert. Berlins erstes Wandbild, der „Weltbaum“, hat in Moabit an der Lehrter Straße 30 ein neues Zuhause gefunden. Das berühmte Bild wurde 1975 von Ben Wagin an eine Brandwand am S-Bahnhof Tiergarten gemalt. Es zeigt einen Auspuff und einen Baum, der wegen der Zerstörung durch die Abgase schreit. Das Wandgemälde am Tiergarten verschwindet nun hinter einem Neubau.

El Bocho, Holzmarktstraße
El Bocho, Holzmarktstraße© Maurizio Gambarini | Maurizio Gambarini

„Ich finde es schön, dass es nicht nur neue Sachen gibt, sondern auch alte Sachen erhalten bleiben“, sagt Michelle Lau aus Wedding. Ebenfalls an der Neuerschaffung des berühmten Baums beteiligt war das Künstlertrio „Die Dixons“. Bereits letztes Jahr wurden sie mit dem Projekt „The Haus“ bekannt. 165 Künstler bemalten über Monate hinweg die Räume eines leeren Geschäftshauses. Die Ausstellung war zwei Monate lang geöffnet, bevor das Gebäude abgerissen wurde. Das Mural Fest ist das Nachfolgeprojekt von „The Haus“.

Künstlerkollektiv Klebebande aus Kreuzberg mit dabei

Das Künstlerkollektiv Klebebande war letztes Jahr ebenfalls an „The Haus“ beteiligt und war auch beim Mural Fest wieder mit dabei. Ihr farbenreiches Werk steht an der Holzmarktstraße 25, wo weitere vier Künstler gearbeitet haben. „Wir haben genau fünf Tage gemalt, geklebt und getapt“, sagt Kolja Bultmann von dem Trio aus Kreuzberg. Entstanden ist eines der buntesten Wandgemälde des Mural Festes. Circa zwanzig Farben haben die Künstler benutzt, um das Bild zu gestalten. Zu sehen ist ein Auge und darum eine Stadt. Von der Stadt gehen bunte Pfeile in alle Richtungen.

„Ich würde es so deuten, dass von Berlin aus alles möglich ist“, vermutet Christine Gerber aus der Schweiz. Bultmann kann dieser Interpretation der 49-Jährigen nicht ganz zustimmen. „Berlin ist keine Stadt, in der man vom Tellerwäscher zum Millionär wird“, sagt er. Das Werk soll die vielen Möglichkeiten und das Überangebot der Konsumgesellschaft widerspiegeln. Betrachtet man das Bild ein wenig näher, sieht man in dem Auge ein Loch. Das symbolisiert das Universum, soll aber auch an die düstere Clubszene erinnern. Nicht nur das Werk an der Holzmarktstraße kann man sich nach dem Mural Fest noch ansehen. Berlin ist durch das Projekt um 30 dauerhafte Wandgemälde reicher und bunter geworden.