Kündigung

Kein Ausweg außer: weitermachen

Dem öffentlich geförderten Projekt „Kleine Feuerwache“ wurden jetzt die Räume gekündigt.

In der schlichten Küche der „Kleinen Feuerwache“: Vereinsgeschäftsführerin Anne Haertel (l.) und Pädagogin Christin Cebula.

In der schlichten Küche der „Kleinen Feuerwache“: Vereinsgeschäftsführerin Anne Haertel (l.) und Pädagogin Christin Cebula.

Foto: Patrick Goldstein

Vor der Tür stoßen altes und neues Kreuzberg aufeinander. Büros, Kurzzeitwohnen und moderne Appartements sind neben Häusern entstanden, in denen Familien leben, die auf Hartz IV angewiesen sind. Um jene Kinder und Jugendliche im Kiez, die auf Unterstützung angewiesen sind, kümmern sich seit Oktober 2003 die Mitarbeiter der „Kleinen Feuerwache - Anhalter Treff“. Der schmalen Anlaufstelle an der Bernburger Straße nahe dem Anhalter Bahnhof droht allerdings jetzt das Ende. Denn die Vermieter schickten die Kündigung.

Anne Haertel, Geschäftsführerin des Trägervereins Alte Feuerwache e.V., steht nun vor einer Reihe von Problemen. Eines davon: „Wir haben für die Arbeit hier einen Vertrag mit dem Jugendamt von Friedrichshain-Kreuzberg. Aber wie sollen wir das fortsetzen ohne Räume?“ Deshalb ist die Kleine Feuerwache mit ihren drei Mitarbeitern auf zwei Stellen und 20 Kindern und Jugendlichen, die man in Gruppen fünf Tage wöchentlich betreut, nach der Auszug-Frist am 31. März einfach in den zwei Räumen auf 55 Quadratmetern geblieben. Seit fünf Monaten bewegt man sich in einem Übergangszustand, dessen Ende nicht absehbar ist. „Dabei haben wir die Absicht, langfristig hierzubleiben, inzwischen aufgegeben“, sagt Chefin Haertel. Im Juni haben die Vermieter auf Räumung und Herausgabe der Schlüssel geklagt. Ein Gerichtsentscheid steht aus.

Ein Junge schlägt, beleidigt und ist voller Aggression

Vorerst machen die Pädagogen in der Kleinen Feuerwache weiter ihren Job. Der Leiter des Projekts, Mohamed Mansour beschreibt es als Anlaufstelle für junge Menschen aus Migrantenfamilien, die bei Lehrern und Sozialarbeitern auffällig geworden sind. „Etwa wenn ein Junge schlägt, beleidigt, voller Aggression ist, und ein Gespräch zwischen Lehrern und Eltern auch kein Ergebnis gebracht hat. Dann kommt so ein Kind oder Jugendlicher zu uns.“

Mansour spricht von einem Jungen aus kurdischer Familie, bei dem der Vater daheim mit Waffen hantierte und selbst gewalttätig war. Und von Migranten-Kindern, deren Eltern und Großeltern lange in Berlin leben, die aber in der Schule fremdenfeindliche Sprüche machen und Kinder syrischer Flüchtlinge beleidigen. „Was ihre Eltern zuhause erzählen, übernehmen die Kinder und tragen es in die Schule, “, sagt Cebula.

Finanziert wird das Projekt vom Bezirk, es gibt Kooperationen mit der Fanny-Hensel-Grundschule an der Schöneberger Straße und der Integrierten Sekundarschule Hector Peterson am Tempelhofer Ufer. Für die Familien ist die Teilnahme ihrer Kinder kostenlos.

Seine Wut in den Griff bekommen

„Die jungen Leute im Kiez leben wegen der zunehmenden Gentrifizierung, die sie umgibt, in einem Spannungsfeld“, sagt Pädagogin Christin Cebula. „Sie erleben, dass Freunde nach Spandau oder Marzahn fortziehen, weil sich die Eltern die Wohnungen hier nicht mehr leisten können.“ Zugleich begegne ihnen im Kiez ein Wohlstand Zugezogener, von „Leuten mit Markenklamotten“, sagt Cebula, der für Nachkommen alteingesessener Kreuzberger außerhalb ihrer Möglichkeiten sei. „Diese Verunsicherung spüren wir bei den Kindern.“

Das Programm, das sie in der Kleinen Feuerwache erwartet, besteht aus Gruppenarbeit, jeweils mit sechs bis acht Teilnehmern im Alter von neun bis 13 und 15 bis 18 Jahren, Jungen und Mädchen getrennt. Diskutiert, gelehrt und durchgespielt werden Methoden, seine Wut in den Griff zu bekommen, Konflikte gewaltfrei zu meistern, bis hin zum angemessenen Verhalten in Freundschaften. Alltagsleben in das Sozialtraining bringen Ausflüge ins Schwimmbad und Kurzreisen, etwa nach Brandenburg.

Keine Begründung für die Kündigung

In einem sich wandelnden Kreuzberg wird der Raum nun zunehmend eng für Anker-Institutionen wie die Kleine Feuerwache. Anne Haertel sagt, die Vermieter hätten für die Kündigung keine Begründung geliefert. „In diesen Zeiten befürchtet man ja ständig, dass es für unsere Einrichtungen Kündigungen gibt. Aber hier war ich geschockt.“ Denn die Vermieter stammten selbst aus dem Umfeld des Bundes Deutscher PfadfinderInnen, die den Alte Feuerwache e.V. in den 80er-Jahren erst initiiert hätten, sagt Haertel.

Ein Gespräch mit der Vermieterseite habe zu keinem Ergebnis geführt. Im Haus, in dem sich in den Stockwerken Wohnungen befinden, sei die Rede von einem Abriss 2023, sagt Haertel. Auch das Bezirksamt habe keine Vertragsverlängerung erreichen können. Auf eine Anfrage der Berliner Morgenpost gingen die Vermieter nicht ein.

2500 Euro Miete, 5000 Euro Provision

Also: weiterhin Übergangszustand. Nur das Wohin bleibt ungewiss. Klar ist nur, dass das Projekt vertraglich auf den aktuellen Kiez festgelegt ist. „Wir laufen also durch die Straßen, schauen nach leeren Ladenräumen, studieren die Immobilienportale“, sagt Haertel. Bisher fand sie nur ein Angebot: 2500 Euro Miete und 5000 Euro Provision. Gegenüber den derzeit 933 Euro Nettomiete sei das unerschwinglich. Aber den Laden an der Bernburger Straße ganz dicht zu machen, komme nicht in Frage. Die Arbeit mit den 20 Kindern und Jugendlichen und jenen, die folgen werden, sei längst nicht vorbei.