Er hört zu, hilft, macht es allen recht – und ist eines Tages enttäuscht, weil niemand merkt, was er selbst benötigt. Im Netz hat dieses Muster längst einen Namen: „Nice-Guy-Syndrom“. Zwischen „Alpha“, „Beta“ und anderen Etiketten der digitalen Männersphäre klingt das einfach nach einem weiteren Stempel.

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Aber: Der Begriff bündelt Verhaltensweisen, die Beziehungen belasten können. Die Diplom-Psychologin und Therapeutin Ulrike Bossmann und der Psychologe und Männerberater Björn Süfke erklären, wer unter dem Nice-Guy-Syndrom leidet, woher das kommt, warum das „Immer-nett-Sein“ auf Dauer zum Problem wird und wie man(n) es ablegt.

Was ist das Nice-Guy-Syndrom? Und wann wird „Immer-nett-Sein“ zum Problem?

Popularisiert wurde der Begriff vor allem durch den US-amerikanischen Familientherapeuten Robert A. Glover. In seinem 2003 erschienenen Buch „No More Mr. Nice Guy“ beschreibt er Männer, die Konflikte meiden, eigene Bedürfnisse zurückhalten und dafür Anerkennung, Nähe oder sexuelles Interesse erwarten.

Freundlichkeit macht allerdings noch keinen Problemfall. Björn Süfke hält es für problematisch, männliche Zugewandtheit als „Syndrom“ zu etikettieren: „Nett, zugewandt und sozial zu sein, ist erst einmal normales Menschsein.“ Zudem sei das Muster keineswegs Männern vorbehalten.

Psychologe und Männerberater Björn Süfke
Der Psychologe und Autor Björn Süfke arbeitet seit vielen Jahren zu den Themen Männerberatung und männliche Sozialisation. Bekannt wurde er unter anderem mit dem Sachbuch „Männerseelen“.© Björn Süfke | Björn Süfke

Das dahinterliegende Problem kennt Süfke dennoch. Es gebe viele Männer, die eigene Bedürfnisse kaum wahrnehmen und deshalb Schwierigkeiten hätten, sie in Beziehungen auf Augenhöhe einzubringen. Entscheidend ist also nicht das Nettsein, sondern ob daneben noch Platz für die eigene Person bleibt.

People Pleasing: Was dahintersteckt und wo der Unterschied zum Nice-Guy-Syndrom liegt

Hier berührt sich das Nice-Guy-Muster mit dem sogenannten People Pleasing. Ulrike Bossmann beschreibt es als „eine Form, Beziehungen zu regulieren“: Menschen beobachten ihr Gegenüber genau und richten ihr Verhalten stark danach aus. So sagt jemand etwa Ja, obwohl er eigentlich Nein sagen möchte, oder hält die eigene Meinung zurück, um die Beziehung nicht zu gefährden.

Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass Wünsche und Erwartungen oft unausgesprochen bleiben. „Beim People Pleasing geht es dabei vor allem darum, Ablehnung, Enttäuschung und Konflikte zu vermeiden“, erklärt Bossmann. Beim Nice-Guy-Muster kann ebenfalls vieles unausgesprochen bleiben – manchmal allerdings aus einer anderen Motivlage heraus.

Denkbar sei laut Bossmann etwa die Vorstellung, nur durch besondere Freundlichkeit romantische Chancen zu haben – oder ein kalkulierenderes Verhalten. Auch die Haltung „Wenn ich freundlich bin, habe ich Anspruch auf Zuneigung, Sex oder eine Beziehung“ sei eine mögliche Motivlage.

Warum passen sich manche Menschen so stark an? Ursachen in Kindheit und Rollenbild

Woher kommt dieses Bedürfnis, sich so stark nach anderen zu richten? Bossmann verweist auf frühe Lernerfahrungen: „Manche Kinder lernen früh, die emotionale Wetterlage des Gegenübers sehr genau zu beobachten, etwa wenn Eltern schnell verletzt oder schwer berechenbar reagieren.“ Anpassung könne dann eine „hochkompetente Antwort“ sein, um Spannungen früh zu erkennen und Bindung zu sichern.

Psychologin Ulrike Bossmann
Dr. Ulrike Bossmann ist Diplom-Psychologin, Systemische Therapeutin und Coach für Positive Psychologie. Sie promovierte zum Umgang mit Dilemmata und ist Autorin des Sachbuchs „People Pleasing“.© Ulrike Bossmann | Ulrike Bossmann

Was in der Kindheit schützt, kann sich später verselbstständigen. Ein Kind lernt dabei nicht bewusst People Pleasing, sondern vielmehr: „So gelingt Beziehung.“ Auch als Erwachsener hält man sich dann womöglich zurück, sobald Ablehnung oder Missbilligung droht.

Bei Männern sieht Süfke einen weiteren Einfluss: die männliche Sozialisation. „Bei Männern wird im Laufe männlicher Sozialisation der Zugang zu eigenen Gefühlen und Bedürfnissen abtrainiert“, sagt er. Trauer, Angst oder Scham, aber auch Bedürfnisse nach Nähe und Fürsorge hätten im traditionellen Männerbild wenig Platz. Besonders angepasste Männer verschweigen ihre Bedürfnisse deshalb mitunter nicht nur – sie nehmen sie selbst kaum noch wahr.

Nice-Guy-Syndrom in Beziehungen: Wenn Rücksicht in Frust kippt

In Beziehungen zeigt sich das besonders deutlich. Süfke beschreibt eine verbreitete Erwartung: „Wir neigen alle dazu, meist unbewusst, das, was wir geben, auch vom Gegenüber zu erwarten – ohne auszusprechen, dass wir uns genau das wünschen.“ Das Gegenüber könne diese Erwartung jedoch kaum erfüllen, wenn es nichts von ihr weiß. Bleibt die erhoffte Reaktion aus, entsteht Frust.

Bossmann beschreibt, was mit unausgesprochenem Frust passieren kann: „Die Gefühle sind ja nicht einfach weg. Sie wandern nur in den Hintergrund.“ Dort könne sich Ärger aufstauen und schließlich in Vorwürfen oder offenen Konflikten sichtbar werden. Auch für das Gegenüber hat ständige Anpassung ihren Preis.

Wer kaum eigene Wünsche äußert, überlässt dem anderen Entscheidungen und bleibt schwer greifbar. „Beziehungen brauchen ein Gegenüber, das sich nicht permanent anpasst – sonst gibt es keine Reibung mehr“, sagt Bossmann. Gerade diese Reibung mache den anderen als eigenständige Person erfahrbar und spiele laut der Psychologin auch für Anziehung eine Rolle. Dazu gehört auch, romantisches Interesse überhaupt sichtbar werden zu lassen. „Wer aus Angst vor Zurückweisung sein Interesse nicht zeigt, kann leichter in der sogenannten Friendzone landen, weil das Gegenüber womöglich gar nicht merkt, dass mehr als Freundschaft gewünscht ist.“

Nice-Guy-Muster ablegen: So gelingt der Weg zu mehr Selbstbewusstsein

Aus dem Muster herauszukommen heißt nicht, unfreundlicher zu werden. Rücksicht behält ihren Wert gerade dann, wenn sie freiwillig geschieht. Süfke beschreibt den Weg dorthin als „Reflexion und Emanzipation“: „Es geht darum, sich bewusst zu machen, welche Rollenbilder einen geprägt haben, und wieder Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu bekommen.“ Erst dann lassen sich diese auch in einer Beziehung vertreten.

Danach wird es unbequemer: Die eigenen Bedürfnisse müssen sichtbar werden. Bossmann hält dafür Konflikttoleranz für zentral. „Wir Menschen werden enttäuscht und enttäuschen auch mal andere“, sagt sie. „Entscheidend ist auszuhalten, dass ein Nein oder Widerspruch den anderen enttäuschen kann, ohne deshalb gleich die Beziehung infrage zu stellen.“

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Davon profitiert nicht nur die Partnerschaft: Wer eigene Wünsche kennt, ist weniger darauf angewiesen, dass andere sie erraten, und muss Zustimmung nicht durch ständige Anpassung sichern. Süfke bringt die Veränderung auf eine schöne Formel: „Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes selbstbewusster. Sie werden sich ihrer selbst bewusster.“ Nett zu sein, ist nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn man freundlich zu allen ist – nur nicht aufrichtig gegenüber sich selbst.