Die Wahlkampf-Reden, die Donald Trump gerade landauf, landab hält, in der verqueren Annahme, damit seine Republikaner vor den „Midterms“ aus dem Umfragen-Morast zu ziehen, gehören zu den schrägsten Wortbeiträgen in der Geschichte der politischen Rhetorik.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Wer die Transkripte aus Alaska, Ohio, Montana, Georgia oder Kentucky durchliest, dem wird nahezu schwindelig von dem (hoffentlich) ohne psychedelisch-medikamentöse Nachhilfe zustande gekommenen inkohärenten und oft peinlich berührenden Storytelling, an dem immer mehr Experten einen klaren Befund festmachen: Der Präsident der Vereinigten Staaten ist mental ziemlich schlecht zurecht, eine Amtsenthebung durch das Kabinett auf Grundlage des 25. Verfassungszusatzes sei beizeiten geboten.
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Was bei den gesponnenen Obsessionen, Abschweifungen, Lügen, Prahlereien, Fantasieerfolgen und Anekdoten ohne Anfang und Ende untergeht, in denen sich Trump regelmäßig wie in einem Spinnennetz verfängt, ist eine merkwürdige Männer-Fixierung, für die sein ehemaliger Kommunikationschef Anthony Scaramucci das schöne Wort „bi-curious“ erfunden hat. Soll heißen: Neugier auch aufs eigene Geschlecht. Wie bitte?

Trump inspiziert Husteds Körper und sorgt mit Sprüchen für Aufsehen
In Youngstown, Ohio, traf es jetzt Senator Jon Husted, der gegen den knorrigen Demokraten Sherrod Brown antritt. Trump hatte von Husteds Football-Vergangenheit erfahren. Nun folgte vor laufender Kamera eine anatomische Beweisaufnahme. „Das mache ich bei Männern nicht sehr häufig“, bekannte Trump. Aber er habe Husteds Körper von oben bis unten untersucht. „Ich habe mir seinen Arsch angesehen.“ Dann die Hände: riesig, geradezu Klauen. Befund: „Du bist ein großartiger Athlet.“ Ob Husted auch politisch etwas zu sagen hat – piepegal.
Dass Trump, der sich gegen alle Cartoonhaftigkeit seiner Erscheinung penetrant als Inbegriff traditioneller Männlichkeit inszeniert, dabei eine Sprache pflegt, die homoerotische Assoziationen weckt, ist bemerkenswert – ohne dass sich daraus eine sexuelle Orientierung ableiten ließe.
News aus den USA
Trump bewertet Kandidaten nach Männlichkeit
Am Freitag in Dalton, Georgia, war das nächste Casting. Senatskandidat Mike Collins sei gut aussehend und „ganz Mann“, schwärmte Trump. Beim demokratischen Gegner Jon Ossoff habe er dagegen Zweifel. Gouverneurskandidat Rick Jackson? Schön und vornehm. Collins wiederum komme direkt aus „Central Casting“: weißes Haar, kräftiger Körperbau, ein Mann wie fürs Kino bestellt. Trump ließ ihn wie ein Talentsucher im Fitnessstudio aufstehen. Zum Angaffen.
Das sind keine Ausreißer. Schon 2024 schwärmte Trump von Golflegende Arnold Palmer. Nach dem Duschen hätten andere Profis, behauptete Trump am Mikrofon, über Palmers Gemächt gestaunt. Darauf muss man erst mal kommen: Ein Präsidentschaftskandidat lässt sich über die Anatomie eines verstorbenen Golfers aus.

Wie passt das zusammen mit jenem Trump, der dem Porno-Star Stormy Daniels nach einem außerehelichen Techtelmechtel eine sechsstellige Summe gezahlt haben soll? Wie mit dem Mann, der 2005 auf einem 2016 im Wahlkampf veröffentlichten „Access Hollywood“-Tonband über den Umgang mit Frauen prahlte: „Grab them by the pussy.“ Wer ein Star sei, dürfe zugreifen.
Eine unbewiesene Vermutung: Trump kompensiert an anderen Männern, was ihm am eigenen Spiegelbild missfällt: Er ist alt, adipös, dubios frisiert und das Zerrbild eines Senioren-Unterwäsche-Models. Wo der eigene Körper nicht mehr die gewünschte Heldenfigur abgibt, werden die starken Körper der Vasallen zum outgesourcten Selbstporträt.

Männlichkeit: Warum Männer Bestätigung öffentlich zeigen müssen
Psychologisch ist die Idee nicht abwegig. Die US-Forscher Joseph Vandello und Jennifer Bosson beschreiben Männlichkeit als einen „unsicheren Status“, der immer wieder öffentlich bewiesen werden müsse. In ihren Studien zeigte sich: Wird Männlichkeit infrage gestellt, wächst das Bedürfnis nach demonstrativer Bestätigung.
Entscheidend ist aber nicht, wen Trump attraktiv findet. Es ist die Rolle, die Schönheit in seiner Herrschaftserzählung spielt. Gute Politik braucht bei ihm zunächst ein gutes Gesicht, am besten einen kantigen Kiefer, breite Schultern, Zahnpasta-Lächeln.
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Körperkult ersetzt politische Argumente
Der fähige Mann sieht aus wie ein Filmstar; der politische Gegner wird zum Knilch erklärt. Ästhetik ersetzt das Argument, Körperkult das Programm. Pete Hegseth, der schneidige Kriegsminister mit religiösem Tattoo und Liegestützen-Fetisch, passt in dieses Raster. Aus Demokratie wird so eine Casting-Show, bei der der Juryvorsitzende über das Drehbuch verfügt. Das Publikum soll nicht prüfen, was „seine“ Männer können. Es soll bewundern, wie sie aussehen, und den Regisseur dafür lieben.

Eine Demokratie ist aber kein Männerkalender. Wer Menschen zu Körpern degradiert, macht aus ihnen Requisiten. Wer Stärke vor allem am Bizeps erkennt, übersieht sie womöglich dort, wo sie politisch gebraucht wird. Im Rückgrat. Und im Kopf.
Vielleicht ist das die bittersüße Pointe dieser ganzen spätpubertären Schönheitsparade: Der mächtigste Mann der Welt sucht überall große, starke Männer. Nur solche, die ihm klug widersprechen, denen schaut er nicht mal auf den Hintern.










