Ilse Aigner wäre die Erste – in jeder Hinsicht. Die erste Bundespräsidentin. Die erste CSU-Politikerin in Bellevue. Und das erste Staatsoberhaupt, das als Single antritt. CSU-Chef Markus Söder wirbt für die bayerische Landtagspräsidentin als Kandidatin für die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier. Hat sie Chancen? Das hängt jetzt vor allem an einem: CDU-Chef Friedrich Merz müsste dem Vorschlag zustimmen. Doch der Kanzler schweigt.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die Parteichefs von CDU, CSU und SPD wollten sich ursprünglich nach den Landtagswahlen im September auf einen gemeinsamen Kandidaten für die Präsidentenwahl am 30. Januar verständigen. So weit der Plan. Zwischenzeitlich sah es so aus, als werde es zwingend eine Frau. Doch nicht nur der Kanzler, auch viele in der Union rücken von diesem Standpunkt inzwischen wieder ausdrücklich ab und finden, dass am Ende die Eignung zählt und nicht das Geschlecht. Ob die SPD allerdings bereit wäre, einen Mann als Kandidaten zu akzeptieren, ist zweifelhaft.

Bundestagspräsidentin: Söder stärkt Aigner öffentlich den Rücken
Im April hatte Söder begonnen, für Aigner zu werben. „Wenn Ilse Aigner möchte, hat sie meine volle Sympathie und Unterstützung.“ Der Name war in der Welt, die SPD signalisierte Sympathie, aber Merz ließ sich nicht treiben. Über den Sommer wurde es wieder still um Ilse Aigner. Auch sie selbst hielt sich auffallend zurück. Eine Knieoperation, sie müsse sich schonen, öffentliche Termine reduzieren, weniger mit Journalisten reden, hieß es aus ihrem Büro.
Jetzt, nach den Landtagswahlen und vor dem CSU-Parteitag am kommenden Wochenende, hat sie sich bundesweit zurückgemeldet – mit öffentlichen Überlegungen zur Lage der Nation und zu ihrer eigenen Geschichte. Eine Frau im Bewerbungsprozess?
In einem Gastbeitrag für die „Bild am Sonntag“ warnte sie vor zu viel Pessimismus in Deutschland: „Unser Land hat Probleme. Aber unser Land ist kein Problemfall.“ Deutschland habe eine Zukunft, „und die sollten wir uns von niemandem nehmen lassen“. Sie warnte die Politik: „Wer berechtigte Sorgen ignoriert, überlässt den Radikalen das Feld.“ Und warb für mehr Zuversicht und eine Rückbesinnung auf die politische Mitte. „Deutschland ist ein starkes, ein schönes, ein weltoffenes, ein liebenswertes Land“, schrieb sie. Statt ständiger Empörung und Polarisierung brauche es „weniger Ideologie, mehr praktische Lösungen“.
Aigner spricht über frühere schwere Erkrankungen
Wenige Tage später erschien ein Podcast des „Münchner Merkur“, in dem sie über schwere Erkrankungen in früheren Jahren berichtet. In ihrer Zeit als Agrarministerin im Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sei ein Schilddrüsenkarzinom diagnostiziert worden.
Schon vor ihrem 18. Geburtstag sei ihr zudem ein Tumor im Rücken entfernt worden, der lange unentdeckt geblieben sei. „Das war wirklich eine schwierige, sehr schwierige Zeit. Vor allem, weil diese Schmerzen einfach unglaublich waren.“ Letztlich habe sogar eine Querschnittslähmung gedroht. So richtig begriffen habe sie das erst im Nachhinein, erzählte die Landtagspräsidentin. „Deswegen erklärt sich vielleicht, dass ich heute manches etwas gelassener sehe, weil ich weiß, was wirklich wichtig ist.“
Ilse Aigner lebt als Single im Dreigenerationenhaus
Zudem gewährte Aigner Einblicke in ihr aktuelles Privatleben. „Ich gehe als Single durchs Leben“, sagte sie, machte aber deutlich, dass dies in ihrem Fall nichts mit Einsamkeit oder Alleinleben zu tun habe. „Ich lebe in einem großen Familienverbund, in einem sogenannten Dreigenerationenhaus, wo immer irgendwas los ist.“ Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass es nicht ganz einfach sei, in einer Position wie der ihren etwas Neues aufzubauen, fügte sie hinzu. „Das würde von einem Partner viel verlangen.“ Für die Zukunft schloss Aigner nicht aus, eine neue Partnerschaft einzugehen, sagte aber auch: „Ich habe es immer wieder mal versucht, mit mehr oder weniger Erfolg.“ Wer wollte, konnte das als Erwartungsmanagement deuten: Eine mögliche Bundespräsidentin Ilse Aigner bringt weder einen First Husband noch eine Familie mit ins Amt.
Doch noch ist offen, ob Aigner überhaupt nominiert wird. Der Kanzler, so hört man, habe sich noch nicht entschieden. Er schätzt Aigner, hat aber offenbar noch andere Namen auf der Liste. Und dass ein CDU-Chef nach 15 Jahren erstmals wieder einen CDU-Kandidaten im höchsten Staatsamt positionieren kann und die Kandidatenfrage dann der CSU überlässt? Zumindest fraglich.
Söder positioniert sich mit Aigner – doppelter Nutzen für ihn?
Solange Merz sich nicht entscheidet, solange er sich mit Söder und seinem SPD-Vizekanzler Lars Klingbeil nicht geeinigt hat, so lange wird der CSU-Chef weiter für Aigner werben. Weil es ihm ausschließlich Vorteile zu bringen scheint: Sollte die in Bayern beliebte 61-Jährige bei Merz durchfallen, könnte Söder sich mit großer Geste empören und damit Punkte bei den eigenen Leuten machen. Und: Söder hätte nach wie vor die Restchance, eines Tages doch noch Kanzler zu werden. Dass zwei der drei höchsten Staatsämter an CSU-Politiker gehen, gilt schließlich als ausgeschlossen. Sollte Aigner dagegen doch noch gemeinsame Koalitionskandidatin werden, könnte Söder das als persönlichen Erfolg feiern. Nach dem Motto: Leute, ich hab’s euch ja von Anfang an gesagt.
Lesen Sie auch
Mehr Politik-News
Viele in der Union nehmen Söder es im Grunde aber gar nicht ab, dass es ihm tatsächlich darum gehe, Aigner zu fördern. Er wolle sie eher wegbefördern, heißt es. Um die beliebte Aigner als Konkurrentin zu Hause aus dem Weg zu räumen. Söder bestreitet das – wenig überraschend – vehement.











