Vor wenigen Tagen hat Ali Alhadschar seine kleine Tochter zu einer Gesundheitsstation der „Ärzte ohne Grenzen“ nahe Chan Junis gebracht, um sie impfen zu lassen. Er sieht dort Mütter mit ihren Kindern. „Sie waren aufgrund der katastrophalen Bedingungen nur noch Skelette.“ Als die Mütter von den Helfern Nahrungsergänzungsmittel für die Kinder bekommen, essen sie sie selbst auf, vor den Augen ihrer Kleinen. „Wir verhungern im wahrsten Sinne des Wortes“, schreibt Alhadschar. Er schreibt jeden Tag, schickt Bilder und Videos. Es sind Dokumente aus der Hölle, zu der der Gazastreifen nach fast zwei Jahren Krieg geworden ist.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Ali Alhadschar ist einer der rund zwei Millionen Menschen, die in dem schmalen Küstenstreifen leben, der mittlerweile in weiten Teilen eine Trümmerwüste. Er ist Mitte dreißig, verheiratet, Vater von sechs Kindern. Zwei von ihnen wurden während des Krieges geboren, der mit dem Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 begann. Unsere Redaktion steht seit vielen Monaten mit Alhadschar im Austausch. Sein richtiger Name darf nicht publik werden, er ist ein Kritiker der Hamas. Alhadschar hat berichtet, wie die Terrororganisation Hilfslieferungen in den Gazastreifen abgefangen und Hilfsgüter auf den Märkten zu überteuerten Preisen verkauft hat.
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Gazastreifen: Ali Alhadschars Alltag ist ein Kampf ums Überleben
Die Nachrichten, die er in den vergangenen Wochen schickt, klingen immer verzweifelter. „Seit zwei Wochen essen wir kein Brot mehr, wir nehmen nur einmal am Tag Linsensuppe zu uns“, schreibt er am Samstag. „Meine Kinder wachen nachts oft weinend vor Hunger auf und betteln um Essen.“ Er sendet ein Bild seines ältesten Sohnes. Die Arme des Jungen, er ist elf Jahre alt, sind spindeldürr, die Schulterblätter und Rippen deutlich zu sehen.

Alhadschar lebt mit seiner Familie in einer selbst gezimmerten Hütte in Chan Junis in der Mitte des Gazastreifens. Sein Haus in Rafah im Süden existiert nicht mehr. Sein Alltag ist ein Kampf ums Überleben. „Ich laufe jeden Tag mehr als zwei Kilometer, um für meine Familie über 50 Liter Wasser auf meinen Schultern zu tragen.“ Seine Berichte decken sich mit denen vieler anderer Gaza-Bewohner und mit denen der Vereinten Nationen und vieler Hilfsorganisationen.
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„Die Palästinenser sind in einem Teufelskreis aus Hoffnung und Leid gefangen. Sie warten auf Hilfe und Waffenstillstände, nur um dann festzustellen, dass sich die Lage verschlechtert“, heißt es in einem gemeinsamen Aufruf von über 110 Hilfsorganisationen. Sie fordern darin die israelische Regierung auf: „Beenden Sie die Belagerung und vereinbaren Sie sofort einen Waffenstillstand.“ Die Welthungerhilfe schreibt: „Das Aushungern von Zivilist*innen als Kriegsmittel ist ein Kriegsverbrechen.“
In einem Aufruf von 30 Staaten, darunter Australien, Japan, Frankreich und Großbritannien, heißt es: „Das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza hat ein neues Ausmaß erreicht.“ Die Vereinten Nationen berichten, über 100 Zivilisten, die Mehrzahl von ihnen Kinder, seien im Gazastreifen bereits verhungert. In Gazastadt sei jedes fünfte Kind unterernährt. Hilfe, so heißt es in allen Aufrufen, erreiche die Menschen im Gazastreifen nur völlig unzureichend.
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Im Zentrum der Kritik steht die Gaza Humanitarian Foundation (GHF), eine kürzlich gegründete Hilfsorganisation, die nach dem Willen der USA und Israels Hilfsgüter anstelle der Vereinten Nationen oder anderer Hilfsorganisationen verteilen soll. „Wir wollen, dass die Hilfe die Menschen im Gazastreifen erreicht und nicht die Hamas“, so ein Sprecher der COGAT, einer Einheit des Verteidigungsministeriums, die die humanitäre Hilfe für die Palästinensergebiete koordiniert. Seit Mitte Mai habe die GHF bereits 1,5 Millionen Pakete mit Hilfsmitteln verteilt.
An den Verteilzentren kommt es aber immer wieder zu chaotischen und tragischen Szenen. Über 800 Palästinenser sollen bereits erschossen worden sein, als sie sich Lebensmittel abholen wollten. Am 16. Juli berichtet Ali Ahadschar von seinem vergeblichen Versuch, in einem Verteilzentrum nördlich von Rafah Lebensmittel zu organisieren: „Mindestens 30 Menschen wurden getötet (…). Zum Glück überlebte ich wie durch ein Wunder, weil ich auf einer Seite blieb und als ich sah, wie sie die Tore schlossen, sprang ich schnell hinaus und ließ das Essen liegen.“
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Die israelische Armee macht die Hamas für die Angriffe auf die Hilfesuchenden verantwortlich. „Die Hamas will, dass die Verteilzentren scheitern“, so der COGAT-Sprecher. Die israelische Zeitung „Haaretz“ berichtete jedoch Ende Juni mit Verweis auf Soldaten vor Ort, die israelische Armee feuere auf Menschen, um sie von den Zentren abzuhalten, bevor die Tore dort geöffnet würden. Alhadschar nennt den Weg zu den Verteilzentren „eine Todesreise“.

Die israelische Regierung wehrt sich gegen die Vorwürfe, abgesehen von den Transporten für die GHF keine Hilfsgüter in den Gazastreifen zu lassen. Seit Mitte Mai seien 4500 Lastwagen mit humanitärer Hilfe über vier Grenzübergänge gelassen worden, so der COGAT-Sprecher. Die Verteilung dort obliege den Hilfsorganisationen und den Vereinten Nationen, betont der Sprecher. Bislang scheinen die Bedingungen am Boden zielführende Hilfe zu erschweren.
Allerdings scheint die massive weltweite Kritik an den Zuständen zu fruchten: Die israelische Armee hat jetzt angekündigt, in bestimmten Regionen jeden Tag eine zehnstündige Feuerpause einzulegen, um die Verteilung von Hilfsgütern zu erleichtern. In der Nacht zu Sonntag haben die Israelis Hilfsgüter aus der Luft über dem Gazastreifen abgeworfen. Ali Alhadschar bezeichnet diese Aktion am Sonntag als „Medien-Gag“. Außerdem seien diese Abwürfe gefährlich für die Menschen. „Gestern wurden mindestens elf Zeltbewohner verletzt, als die Hilfsgüter auf sie fielen.“









