Es gibt eine Skala, die den Hunger messbar macht. Die Integrierte Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphasen (IPC) ist ein System, auf das sich die internationale Gemeinschaft geeinigt hat, um die aufgeblähten Bäuche, die sich abzeichnenden Knochen, kurz: die körperlichen Symptome von Mangelernährung zu übertragen in eine nüchterne Sprache, die den Vergleich ermöglicht.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Gilt in Phase 1 die Ernährung der Bevölkerung noch als gesichert, müssen in Phase 3 („Krise“) Menschen schon Vieh oder Land verkaufen, um noch zu essen. In Phase 4 („Notsituation“) sind bis zu ein Drittel der Menschen in einer Region akut unterernährt. Phase 5 gilt als Hungerkatastrophe. In dieser Phase sterben täglich zwei von 10.000 Betroffenen. „In Gaza“, sagt Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, „befinden sich aktuell rund 500.000 Menschen in dieser fünften Phase. Sie stehen kurz vor dem Hungertod.“ Eine Million Menschen hätten Phase 4 erreicht, 500.000 weitere seien in der dritten Phase.

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Kinder, Kranke und Alte: Die verwundbarsten sterben zuerst

Seit Monaten kommt kaum Hilfe in den abgeriegelten Küstenstreifen. Was die Menschen noch erreicht, wird nicht mehr über die Hilfsorganisationen verteilt, die seit Jahren vor Ort sind, sondern vor allem über die von Israel gegründete Gaza Humanitarian Foundation (GHF). Die aber ist scharfer Kritik ausgesetzt. „Sie arbeiten nicht auf Grundlage der humanitären Prinzipien wie Neutralität, Menschlichkeit, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit“, sagt Mogge.  „Die Verteilung dort ist chaotisch, es sind 1000 Menschen gestorben beim Versuch, Nahrung zu bekommen.“

Besonders hart trifft der Mangel diejenigen, die ohnehin schon verwundbar sind: Kinder, alte Menschen, Kranke. Rund eine Millionen Bewohner des Gaza-Streifens, sagt Mogge, hätten zudem kein Dach mehr über dem Kopf, was sie weiter schwächt. „Wenn dann die Ernährung nicht sichergestellt ist, wird es schnell lebensbedrohlich.“

Ein abgemagertes Kleinkind
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt im Gazastreifen vor einer tödlichen Hungerkrise. Es mangelt an allem, um hungernde Kinder zu versorgen.© Omar Ashtawy/APA Images via ZUMA | Omar Ashtawy

Mogge war für die Welthungerhilfe in vielen Teilen der Welt unterwegs, er weiß, wie man den Hunger bekämpft. Akute Mangelernährung, erklärt er, behandeln Organisationen wie seine mit therapeutischer Spezialnahrung. „Das ist eine Paste auf Erdnussbasis mit vielen Mineralien und Nährstoffen in kleinen Beuteln.“ Vor allem bei Kindern schlage das gut an. „Die Beutel werden an einer Seite aufgerissen, die Kinder können die Paste dann rausquetschen“, sagt Mogge. Selbst stark unterernährte Kinder könnten damit in vier bis acht Wochen wieder zu Kräften kommen. Allerdings: Wenn ein Kind kurz vor dem Tod stehe, werde auch das schwierig. „Diese Kinder können die Beutel nicht mehr halten.“ Dann müsse man mit Pipetten arbeiten, oder intravenös, sagt Mogge.

28 Staaten machen Druck auf Israel – Deutschland nicht dabei

Der internationale Druck auf Israel wächst. In dieser Woche forderten 28 Staaten das Land auf, sich an internationales Recht zu halten und Beschränkungen der Hilfe aufzuheben. Deutschland war nicht darunter. Bislang gibt es aber keine Anzeichen, dass die Regierung von Benjamin Netanjahu an der derzeitigen Praxis etwas ändern will.

Wir müssen davon ausgehen, dass immer mehr Menschen in Gaza sterben werden

Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe

Doch selbst wenn morgen unbeschränkt Hilfe möglich wäre, erklärt Mathias Mogge, würde es dauern, bis die Menschen vor Ort davon profitieren. „Es ist so viel Infrastruktur zerstört“, sagt er. Es gebe kaum noch Gebäude, wo man die Menschen angemessen behandeln könne. „Wir haben noch Zelte, in denen wir versuchen, Versorgung aufrechtzuerhalten. Aber wir können eigentlich nur noch untersuchen und beraten.“ Behandeln sei kaum mehr möglich.

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Er erwartet in den kommenden Wochen deshalb mehr Todesfälle. „Wir müssen davon ausgehen, dass immer mehr Menschen in Gaza sterben werden“, sagt Mogge. „Die Kinder, die Schwachen, die Verwundbarsten zuerst.“ Sie seien so geschwächt, dass selbst eine kleine Infektion oder Durchfallerkrankung den Tod bedeuten kann. „Und es wäre alles vermeidbar. Es muss überhaupt nicht sein.“ Es sei Aufgabe der Politik, so der Helfer, das zu ändern.