Dutzende Tote, während Menschen einfach nur auf ihr Essen warten: Solche Szenen spielen sich in Gaza derzeit fast täglich ab. Inmitten des Massenhungers in Gaza sind die Verteilstationen für Nahrung längst zu Todesfallen geworden. Die Serie an Tötungen hungernder Zivilisten hält nun schon seit zwei Monaten an. Mindestens 1000 Menschen sind laut UN-Angaben seit Ende Mai bei der Suche nach Nahrung ums Leben gekommen, 766 allein in der Nähe von Verteilzentren der von den USA unterstützten Stiftung Gaza Humanitarian Foundation (GHF). Tausende Menschen wurden teils lebensbedrohlich verletzt. Unter den Toten sind viele Teenager, die von ihren Familien ausgesandt wurden, um in der drückenden Hitze darauf zu warten, dass die Nahrungsausgabe beginnt. Fast jeden Tag kommem aus Gaza neue Meldungen über Schüsse auf Hungernde – und niemand will es gewesen sein.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Der Sonntag brachte einen neuen, blutigen Rekord: Mindestens 93 Menschen sollen in der Umgebung der Lebensmittel-Ausgabe getötet worden sein. Und diesmal war es nicht die umstrittene private amerikanische Stiftung GHF, in deren Umgebung die Schüsse fielen.

Water crisis continues in Gaza under Israeli attacks
In Gaza herrscht massive Knappheit an Trinkwasser. Immer wieder kommt es an Verteilstationen zu tödlichen Schüssen. © IMAGO/Anadolu Agency | IMAGO/Abed Rahim Khatib

UN-Organisation: „Eine der schlimmsten Tragödien in diesem Krieg“

Es war ein Konvoi des UN-Welternährungsprogrammes (WFP), der kurz nach der Abfertigung an einem israelischen Militär-Checkpoint im Gazastreifen von einer großen Zahl an Hungernden umgeben war – als plötzlich die tödlichen Schüsse fielen.

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„Wir trafen auf große Menschenmengen von Zivilisten, die verzweifelt auf die so dringend benötigten Nahrungsvorräte warteten“, berichtet die UN-Organisation. „Als sich der Konvoi näherte, kam die Menschenmenge unter das Feuer von israelischen Panzern, Scharfschützen und anderen Waffen.“ Die Organisation sei „zutiefst betroffen und traurig über diesen tragischen Vorfall“, der unzählige Menschen das Leben gekostet habe. Viele weitere hätten lebensbedrohliche Verletzungen erlitten. „Diese Menschen haben einfach nur versucht, Nahrung zu bekommen, um sich und ihre hungernden Familien zu ernähren“, heißt es.

Cindy McCain, Generaldirektorin des WFP bezeichnet es als „eine der schlimmsten Tragödien, die wir in diesem Krieg gesehen haben“.

Aktuelle News aus dem Nahen Osten

Kritik an Israel: UN sprechen von Scharfschützen an Checkpoint

Israels Armee bestätigt, dass die Soldaten vor Ort Schüsse abgefeuert haben. Es seien aber „Warnschüsse“ gewesen, die den Soldaten dazu dienten, „eine unmittelbare Bedrohung für sie zu beseitigen“. Das steht im Widerspruch zu den Angaben der UN-Mitarbeiter, die von Feuer aus unterschiedlichen Quellen sprachen – auch von Scharfschützen.

Augenzeugen berichten in der Umgebung der Verteilzentren immer wieder von gezieltem Feuer aus israelischen Panzern auf Zivilisten. Ein Bericht der israelischen Zeitung Haaretz, der sich auf die Aussagen von beteiligten Soldaten stützte, belegt diese Aussagen. Die Soldaten erzählten, dass sie scharfe Munition einsetzten, um Zivilpersonen „fernzuhalten“. Der Bericht hat eine Untersuchung der israelischen Militärstaatsanwaltschaft ausgelöst: Sie überprüft, ob Israels Armee in der Umgebung der Verteilstationen tatsächlich Kriegsverbrechen begangen hat.

Indes geraten die Hungernden weiter unter Feuer. Am Dienstag berichtete die Rettungsorganisation erneut von 118 Verletzten, die unter Beschuss kamen, als sie nahe Gaza-Stadt auf Nahrung warteten.

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Carlo Masala: "Israels Vorgehen ist völkerrechtswidrig"
Im Krisenmodus
 

Israel lässt nur winzige Mengen an Lebensmitteln und Treibstoff in den Gazastreifen

Humanitäre Organisationen üben scharfe Kritik an Israel, weil die Armee nur winzige Mengen an Lebensmitteln und den für Krankenhäuser, Küchen und Bäckereien so dringend benötigten Treibstoff in den Gazastreifen lässt. Der Konvoi des WFP, der am Sonntag unter Beschuss geriet, umfasste nur 25 LKWs. Zum Vergleich: Während der letzten Waffenruhe kamen 600 Lastwagenladungen pro Tag nach Gaza.

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Die fast täglichen Schüsse an den Verteilpunkten führen dazu, dass sich viele Zivilisten nicht mehr in die Nähe der Lebensmittelzentren wagen. „Die Menschen sind hungrig und verzweifelt“, sagt Cindy McCain. Es sei nicht akzeptabel, dass sich bewaffnete Gruppen in der Nähe der Nahrungsausgabe aufhalten. Sie gefährden nicht nur die Zivilisten, sondern auch die humanitären Helfer. „Bewaffnete Gruppen sind nicht notwendig und wir brauchen sie nicht“, sagt McCain.

Ein Kind trägt Kanister im Gazastreifen: Temperaturen über 30, manchmal knapp 40 Grad, und keine Chance auf Abkühlung.
Ein Kind trägt Kanister im Gazastreifen: Temperaturen über 30, manchmal knapp 40 Grad, und keine Chance auf Abkühlung.© APA/ZUMA Press Wire/dpa | Omar Ashtawy

Horror-Bilder aus Gaza sorgen auch bei Israels Verbündeten für Kritik

Hunger und Mangelernährung nehmen in Gaza zu. Es fehlt auch an Trinkwasser. Humanitäre Helfer sprechen von dem anhaltenden Flüssigkeits- und Nahrungsmangel, gepaart mit häufigeren Durchfallkrankheiten als „tödlicher Kombination“, die vor allem Kindern zusetzt. Ärzte und Pfleger in den UN-Kliniken „sehen Kinder dahin schwinden und vor ihren Augen sterben, und es gibt absolut nichts, was sie dagegen unternehmen können“: So beschreibt ein Mitarbeiter der Vereinten Nationen die Lage vor Ort. Noch dazu hat Israel vor zehn Tagen allen Menschen in Gaza verboten, das Meer zu betreten, um sich Abkühlung zu verschaffen oder Fische zu fangen. „Wer sich ins Wasser begibt, riskiert, erschossen zu werden“, sagt eine humanitäre Helferin.

Die Bilder des Horrors aus Gaza sorgen auch unter Israels Verbündeten in der Welt für Sorge und Kritik. US-Präsident Donald Trump „will, dass das Töten aufhört“, erklärte die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt, in einem Pressegespräch am Montag.

Und in Jerusalem traten die Oberhäupter der Kirchen vor die Presse, um von ihrer Reise in den Gazastreifen zu berichten, die sie nach dem israelischen Beschuss der örtlichen katholischen Kirche angetreten hatten. „Wir sind aus Gaza mit gebrochenen Herzen zurückgekehrt“, sagte Patriarch Pierbattista Pizzaballa am Dienstag. „Wir haben es gesehen: Männer, die stundenlang in der Sonne durchhalten, weil sie auf ein einfaches Mahl hoffen. Das ist eine Erniedrigung, die schwer zu ertragen ist, wenn man sie mit eigenen Augen sieht. Es ist moralisch unannehmbar und durch nichts zu rechtfertigen.“