Kurz vor dem Angriff auf den Iran hatte US-Präsident Donald Trump noch eine Mahnung aus Europa erhalten: Das iranische Atomprogramm sei eine Bedrohung – aber niemand könne ernsthaft glauben, dass die laufende Militäroperation eine ausreichende Antwort sei, um das Programm zu beenden, sagte der französische Präsident Emmanuel Macron.

Montag, Mittwoch, Freitag

Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Der Iran habe einige Anlagen nicht nur sehr gut geschützt – es könne auch niemand genau sagen, wo sich das angereicherte Uran befinde. Mit seinen Bedenken steht Macron nicht allein: Militärs und Sicherheitsexperten haben die Sorge, dass das Atomprogramm auch mit den US-Schlägen nicht zerstört ist und das Mullah-Regime mit dem Rücken zur Wand in einer „Jetzt-erst-recht“-Strategie alles auf eine Karte setzt. Kommt der Iran doch noch zur Atombombe – oder greift Teheran zu einer „schmutzigen Bombe“, für die das vorhandene Uran ausreichen würde?

206807_1325_206807_cover.jpg
#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

Iran: Schäden seien nicht irreversibel, behauptet ein Regierungssprecher

Nach US-Angaben haben die Angriffe Irans Fähigkeiten deutlich eingeschränkt. „Ich möchte hier nicht auf sensible Geheimdienstinformationen eingehen, aber wir wissen, dass wir das iranische Atomprogramm in der vergangenen Nacht erheblich zurückgeworfen haben, um Jahre oder darüber hinaus“, sagte Vizepräsident J.D. Vance. Das klang etwas vorsichtiger als zuvor Trump: „Die wichtigsten Atomanreicherungsanlagen des Irans wurden vollständig und total zerstört“, sagte Trump in einer Fernsehansprache. Die unterirdische Uran-Anreicherungsanlage in Fordo wurde mit sechs der jeweils mehr als 13 Tonnen schweren Bunkerbrecher-Bomben vom Typ GBU-57 getroffen. Angriffe gab es auch auf die die bekannteste iranische Atomanlage Natans, in der oberirdisch und in einer unterirdischen Einrichtung Uran angereichert wurde. Und auf Isfahan, Standort für die Urankonversion als Vorstufe der Anreicherung.

Auch interessant

Die zentrale Bedeutung der drei bombardierten Anlagen ist unstrittig. Der Sicherheitsexperte Peter Neumann von der Londoner Hochschule King´s College sagte unserer Redaktion: „Wenn es gelingt, die iranischen Atomanlagen in Natans, Fordo und Isfahan nachhaltig zu zerstören, ist es schwer vorstellbar, wie der Iran in den nächsten fünf bis zehn Jahren wieder zur atomaren Bedrohung werden könnte.“

Ähnlich äußern sich Medienberichten zufolge ranghohe israelische Beamte: Für eine genaue Beurteilung der Folgen sei es zwar noch zu früh sei. Aber: „Sicher ist, dass das iranische Atomprogramm um Jahre zurückgeworfen wurde“, wird ein führender Beamte zitiert. Auch die Bundesregierung geht nach Angaben von Regierungssprecher Stefan Kornelius davon aus, dass durch die Angriffe große Teile des iranischen Nuklearprogramms beeinträchtigt wurden. Eine „genaue Schadensanalyse“ zu den US-Luftangriffen sei aber erst später möglich. Strahlung ist offenbar nicht ausgetreten, so erklärte es die internationale Atomenergiebehörde IAEA.

Auch interessant

Die iranische Seite gibt sich indes nicht geschlagen. Die Schäden seien nicht irreversibel, behauptete ein Regierungssprecher. Die iranische Atomenergiebehörde erklärte, die nuklearen Aktivitäten würden trotz der US-Angriffe fortgesetzt. Man werde „nicht zulassen, dass der Weg der Entwicklung“ des iranischen Atomprogramms „aufgehalten“ werde, erklärte die Behörde am Sonntag.  

Hat der Iran die Uranvorräte rechtzeitig in Geheimverstecke gebracht?

Dass das Atomprogramm einen schweren Rückschlag erlitten hat, steht außer Zweifel. Schon durch die israelischen Angriffe auf Natans, wo der Iran eine unterirdische Anreicherungsanlage betrieben hatte, waren dort alle 14.000 Zentrifugen „schwer beschädigt, wenn nicht zerstört“, sagt Rafael Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA. Beschädigt ist auch eine Anlage in Isfahan, wo das Uran nach der Anreicherung wieder in einen Feststoff umgewandelt wurde, der im Kern einer Bombe verwendet werden kann. Dort befand sich auch eine Fabrik zur Herstellung von Brennelementen, die bei einer Bombenexplosion die Implosion des Kerns einleitet.

Es besteht allerdings der dringende Verdacht, dass der Iran rechtzeitig angereichertes Uran und technische Anlagen in geheime Standorte umgelagert hat. Auch der israelische Geheimdienst befürchtet solche Verstecke, was ein Grund für die Regierung Israels gewesen sein soll, jetzt die Militärkampagne auch gegen Trumps ursprünglichen Widerstand zu starten.

Der Iran hatte selbst erklärt, er habe vor dem Angriff Ausrüstung und Nuklearmaterial aus Natans abtransportiert. Die Zusammenarbeit mit der IAEA sei eingestellt, die Agentur werde nicht über „neue und besondere Maßnahmen zum Schutz von Nuklearmaterial und -ausrüstung“ informiert.

Das Regime hatte kurz nach den ersten Angriffen behauptet, eine weitere, geheime und „unverwundbare“ Anreicherungsanlage in Betrieb genommen zu haben. Eine Warnung oder nur ein Bluff? Mit Blick auf Isfahan räumte IAEA-Chef Grossi ein, er könne nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob sich der iranische Uranvorrat dort noch befinde.

Der Iran hatte an einem ausreichenden Uran-Vorrat für zehn bis 15 Bomben gearbeitet. Dieses Uran war auf 60 Prozent angereichert, 90 Prozent müssen erreicht werden – doch könnte der Iran dies theoretisch in wenigen Tagen schaffen, wenn irgendwo noch Zentrifugen zur Verfügung stehen. Komplizierter dürfte die Rückverwandlung von angereichertem Uranhexafluorid in festes Metall sein. Das erfordert Anlagen, die Israel möglicherweise zerstört hat.

Expertin erklärt, was zum Bau der Bombe noch fehlt

Allerdings: „Für die Herstellung von Atombomben wären noch weitere Schritte notwendig“, erklärt Nahost-Expertin Azadeh Zamirirad vom Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit in Berlin. Nachdem das hochangereicherte Spaltmaterial von Gas in Metallform überführt worden sei, müsse „ein passendes Waffendesign entwickelt, die Bombe an einsatzfähigen Trägersystemen befestigt und gegebenenfalls eigene Tests der Sprengkörper durchgeführt werden“, erläutert Zamirirad, deren Forschungsschwerpunkt das iranische Atomprogramm ist. Dieser Prozess könne nach Expertenschätzungen „ein bis zwei Jahre benötigen“.  

So sah die Urananreicherungsanlage Fordo, die sich größtenteils in einem Tunnelsystem tief unter der Erde befindet, vor dem US-Bombardement in der Satellitenperspektive aus.
So sah die Urananreicherungsanlage Fordo, die sich größtenteils in einem Tunnelsystem tief unter der Erde befindet, vor dem US-Bombardement in der Satellitenperspektive aus.© AFP | -

Sprengkopf, Zünder, Trägerrakete: Wie weit der Iran in diesem technisch hochkomplexen Bereich war, ist unklar. Der israelische Geheimdienst hatte offenbar Erkenntnisse, dass Teheran den Schritt zuletzt forciert hatte und womöglich nicht ein oder zwei Jahre, sondern nur noch Monate von der Bombe entfernt war: Atom-Wissenschaftler sollen sich bereits mit der Führung der bis dahin nicht in die Geheimplanungen eingeweihten Luftwaffe getroffen haben, um die Bewaffnung iranischer Raketen mit Atomsprengköpfen zu planen.

Auch wenn der Iran die technischen Hürden jetzt wohl nicht mehr so schnell nehmen kann, bliebe allerdings noch der Ausweg in eine Verzweiflungstat: Das Regime könnte mit dem angereicherten Uran „schmutzige Bomben“ herstellen, wie US-Experten warnen. Dafür würde konventioneller Sprengstoff mit dem Uran gemischt – zur gefürchteten Atomexplosion käme es nicht, die Bombe könnte aber das betroffene Gebiet vorübergehend radioaktiv verseuchen.

Auch interessant

Dauerhaft gestoppt ist das iranische Atomprogramm wohl nicht

Die israelische Militärführung glaubt, dass der Iran jetzt vorerst keine Atombombe mehr bauen kann. Dass ist durch die Angriffe auf die Atomanlagen und Labore, aber auch durch die Ermordung von 14 führenden Atom-Wissenschaftlern wohl erreicht worden. Doch ist damit das Atomprogramm nicht dauerhaft gestoppt.

Das Know-How ist vorhanden, ein Plan offenbar auch, die Entschlossenheit des Regimes ist möglicherweise noch gewachsen. Der Bau neuer Anlagen würde zwar Monate, wahrscheinlich Jahre dauern. Aber Iran-Expertin Zamiriad in Berlin mahnt: „Teheran hat sich umfangreiches technisches Wissen angeeignet, das irreversibel ist. Jegliche zerstörte Infrastruktur könnte wiederhergestellt werden.“

Auch interessant

Deshalb jetzt die dringende Mahnung der USA und Israels, der Iran müsse einlenken und sein Programm von selbst stoppen. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron sagt, entscheidend sei, die Kontrolle über das iranische Atomprogramm „über technische Expertise und Verhandlungen“ zurückzugewinnen. Ein hoher israelischer Beamte wurde mit dem Hinweis zitiert, sollte nach dem US-Angriff ein gutes Abkommen mit dem Iran erzielt werden, würde dies „das Ende der Geschichte“ für das iranische Atomprogramm bedeuten.

Israel werde aber erneut zuschlagen, wenn kein Atomabkommen erzielt werde und der Iran versuche, seine Atomanlagen wieder aufzubauen. Auch Trump droht bereits: Wenn nicht bald Frieden eintrete, würden die USA auch andere Ziele mit Präzision, Schnelligkeit und Geschick angreifen. „Die meisten von ihnen können innerhalb von Minuten ausgeschaltet werden.“