Ein Atom-Deal zwischen den USA und Iran wäre im neuen Nahost-Krieg immer noch die einfachste Lösung, aber nicht wahrscheinlich, sagt der Sicherheitsforscher und Buchautor Peter Neumann im Interview mit unserer Redaktion. Der 50-jährige Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King's College beschreibt, was die Lage so gefährlich macht, was Trump will und was der Bundesnachrichtendienst jetzt lernen könnte.

Seit einer Woche bombardiert Israel den Iran mit dem Ziel, das iranische Atomprogramm zu stoppen. Ist dieses Programm, das offenbar auf die Herstellung von Atombomben zielt, mit diesen Luftangriffen überhaupt dauerhaft zu verhindern?

Peter Neumann: Wenn es gelingt, die iranischen Atomanlagen in Natans, Fordow und Isfahan nachhaltig zu zerstören, ist es schwer vorstellbar, wie der Iran in den nächsten fünf bis zehn Jahren wieder zur atomaren Bedrohung werden könnte. Aber die Israelis können das wahrscheinlich nicht allein schaffen, weil es sich teilweise um unterirdische Anlagen tief im Fels handelt. Um die zu erreichen, braucht Israel die USA, die ihre speziellen Bunkerbrecherbomben einsetzen müssten.

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Es gibt wirklich keine andere Lösung?

Neumann: Es gibt zwar die Variante, dass der israelische Geheimdienst die Stromversorgung der Anlagen kappt, wodurch technische Geräte, vor allem die Zentrifugen zur Urananreicherung, kaputtgehen könnten. Aber wahrscheinlich würde das Atomprogramm so zwar beschädigt, aber nicht derart zerstört, dass es von Neuem aufgebaut werden müsste. Deshalb sind die Israelis so erpicht auf eine Beteiligung der Amerikaner. Ich vermute, dass US-Präsident Trump dazu auch bereit ist. Er ist inzwischen der Ansicht, dass das Atomprogramm zerstört werden muss.

Wie will Trump das erreichen?

Neumann: Ich glaube, er wird ein Ultimatum aussprechen: Entweder der Iran macht es freiwillig, oder Trump setzt die US-Streitkräfte ein. Trump glaubt wohl noch an die Möglichkeit einer diplomatischen Lösung. Wenn die Iraner jetzt sagen, wir machen den Deal, den wir vor einer Woche abgelehnt haben, dann wird es zu keiner amerikanischen Intervention kommen. Dann könnte es sein, dass sich die Israelis auch gezwungen sähen, ihre Angriffe einzustellen, weil das Atomproblem im Prinzip gelöst wäre. Es wäre die einfachste Lösung: Natürlich wäre es schwierig, weil demütigend für den Iran. Sie müssten über ihren eigenen Schatten springen. Aber es entstünde eine Dynamik, in der sich Trump erstmal selbst als Friedensstifter für seinen „Deal des Jahrhunderts“ feiert. Er will Kriege beenden, er will auch den Friedensnobelpreis.

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Im Interview: Peter R. Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King's College London.© picture alliance/dpa | Daniel Vogl

Würde ein solcher Deal denn auch halten? Wie belastbar wäre er?

Neumann: Bei einem solchen Abkommen würde Irans Atomprogramm dauerhaft beendet. Aber der Iran hätte die Möglichkeit, Kernenergie friedlich zu nutzen, im Verbund mit anderen Staaten der Region: Quasi eine Art Schuman-Plan für den Nahen Osten. Den gab es in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, es ging um die Zusammenlegung der Kohle- und Stahlproduktion europäischer Länder, sodass sich Deutschland nicht mehr wiederbewaffnen würde. Am Ende erwuchs daraus die Europäische Gemeinschaft. Das könnte auch ein Modell für den Nahen Osten sein. Dafür müsste man Strukturen schaffen, um es zu überwachen. Aus der Militärkampagne wäre jedenfalls erstmal die Luft raus. Allerdings halte ich es momentan für wahrscheinlicher, dass es keinen solchen Deal gibt und die Amerikaner das Atomprogramm militärisch zerstören, besonders nach dem nächtlichen Beschuss des Krankenhauses im Süden Israels.

Und nach einem US-Angriff?

Neumann: Das wäre die große Frage: Ziehen sich die USA danach zurück, macht Israel allein weiter? Machen beide weiter? Offenbar hat sich auch Trump noch nicht überlegt, was der nächste Schritt nach dem Ende des Atomprogramms wäre. Trump ist der wichtigste Faktor – aber auch der unkalkulierbarste. Er hat seine Meinung in diesem Konflikt schon mehrfach geändert. Trump hat vielleicht den nächsten Schritt überlegt, aber nicht den übernächsten.

Was überlegt Israel? Was ist wirklich das Ziel der israelischen Angriffe?

Neumann: Für Israel ist die Zerstörung des Atomprogramms der Anlass für den Angriff. Aber sie glauben, das Problem sei nur endgültig nur zu lösen, wenn die Islamische Republik Iran durch ein anderes Regierungssystem ersetzt wird. Das ist der entscheidende Unterschied zu den Amerikanern. Trump verfolgt keinen Regime-Wechsel.

Warum nicht? Trump fürchtet das Risiko?

Neumann: Ja. Man weiß nicht genau, was passieren würde, das ist das Problem. Wir haben ja einige ungute Erfahrungen mit Regimewechseln gemacht: Im Irak und in Libyen ist es nicht besonders gut ausgegangen, weil man keinen Plan für die Zeit danach hatte. Die schnelle demokratische Entwicklung ist anders als erhofft nicht eingetreten, stattdessen kam es im Machtvakuum zum Bürgerkrieg. Der Iran ist größer als der Irak, viel größer als Libyen: Man bräuchte für die Zeit danach schon einen Plan, aber den haben weder die USA noch Israel. Es gibt viele Unwägbarkeiten.

Die israelische Regierung würde wahrscheinlich sagen: Wir haben seit dem Terrorüberfall der Hamas im Oktober 2023 viele Unwägbarkeiten in Kauf genommen, oft gegen westliche Warnungen – und haben damit Erfolg gehabt.

Neumann: Aber das stimmt nur teilweise. Die Situation in Gaza kann man sicher nicht als Erfolg beschreiben, und israelische Geiseln sind nach wie vor in den Händen der Hamas, die wiederum nicht zerstört ist. Aber ja, Erfolg gab es vor allem mit Blick auf den Libanon, daraufhin ist dann auch das Regime in Syrien gefallen. In Syrien gab es aber auch Menschen, die aktiv gegen das Regime gekämpft haben, davon kann im Iran keine Rede sein. Man kann sich andererseits schwer vorstellen, dass Israel selbst mit Bodentruppen im Iran kämpfen würde. Auch die USA wollen das nicht. Natürlich würden sich alle freuen, wenn das Regime im Iran aufhört zu existieren. Aber dafür gibt es momentan noch keine Anzeichen.

Treffen des Luftwaffen- und Luftverteidigungsstab in Tehean
Ayatollah Ali Chamenei, der Oberste Führer des Iran.© DPA Images | Uncredited

Wenn ein Regime-Change gelänge – was hieße das für die Region Nahost? 

Neumann: Für die Stabilität der Region wäre es gut, wenn es danach eine funktionierende Regierung im Iran gäbe. Der Iran hat ja auch destabilisierend auf die Golfregion eingewirkt – die Golfstaaten wünschen sich im Prinzip ebenfalls einen Regimewechsel. Aber womit ersetzt man das Regime? Mit einem stabilen, aber säkularen System? Oder mit Chaos und Bürgerkrieg? Die Gefahr besteht, dass aus dem Iran so etwas wird wie aus dem Irak nach dem Sturz von Hussein. Das wäre für die gesamte Region schwierig.

Was wird aus Ayatollah Chamenei, wenn es nicht zum Regimewechsel kommt?

Neumann: Solange das Regime besteht, wird auch Chamenei im Amt bleiben. Die Drohungen gegen ihn aus Israel und den USA haben dafür gesorgt, dass er aus Sicht des Regimes unersetzlich ist. Sie können Chamenei nicht einfach absetzen, das würde den Eindruck erwecken, sie hätten dem Willen der USA nachgegeben. Mit Chamenei steht und fällt jetzt die Islamische Republik. Zwar gibt es mögliche Nachfolger, aber ein Wechsel könnte ein Signal des Zusammenbruchs werden. Deshalb ist es eine Hochrisikostrategie von Israel zu sagen, wir töten Chamenei einfach. Der Iran hat außerdem noch eine Karte, die er spielen kann…

… woran denken Sie?

Neumann: Das Regime könnte die Straße von Hormus schließen, diese Meerenge zum Persischen Golf, die viele Öltanker passieren müssen. Das ist ein ökonomischer Hebel, der der Weltwirtschaft ganz erheblich schaden würde. Der Iran weiß, dass Trump diese Option fürchtet und sie verhindern will; er versteht die Gefahr. Auch deshalb ist der US-Präsident noch relativ vorsichtig.

Bei den ersten israelischen Luftangriffen hat der Mossad-Geheimdienst eine entscheidende Rolle gespielt mit spektakulären Einsätzen tief im Innern des Iran, etwa zur Ausschaltung von Raketenbasen. Nur wenige Wochen vorher sahen wir die Aktion Spinnennetz des ukrainischen Geheimdienstes, der tief im russischen Hinterland die Flotte von Langstreckenbombern schwer beschädigte. Was ist daraus zu lernen?

Neumann: Der Mossad ist berühmt für spektakuläre Aktionen, auch mit tödlichen Operationen im Iran. Es ist nicht unbedingt das Ziel, dass der Bundesnachrichtendienst so agiert. Aber es ist die Frage, ob der deutsche Auslandsnachrichtendienst im Zeitalter hybrider Kriege nicht auch in der Lage sein sollte, operativer vorzugehen. Und sich nicht nur als Bundeszentrale für politische Bildung versteht, die Analysen über das Ausland erstellt. Wir sollten in Deutschland zum Beispiel darüber nachdenken, ob der BND auf die hybride Kriegsführung Russlands bei uns nicht auch mit ähnlichen Aktionen in Russland antwortet – ein bisschen operativer ginge es schon.

Russland betrachtet den Iran als Verbündeten, hält sich in dem Konflikt jetzt aber erstaunlich zurück. Warum?

Neumann: Der russische Präsident Putin glaubt, dass er eine richtig gute Beziehung zu Trump aufgebaut hat, was ihm im Ukraine-Krieg jetzt nützlich ist. Ich vermute, er möchte das Vertrauensverhältnis zu Trump, den er offensichtlich auch manipulieren kann, nicht gefährden. Dieses Vertrauen würde verloren gehen, wenn Putin jetzt offen auf iranischer Seite Partei ergreifen und voll auf Konfrontation gehen würde – direkt mit Israel, indirekt mit den USA. Deshalb tut er so, als wäre er Vermittler. Aber er ist natürlich nicht neutral, er ist ein Verbündeter des Iran.