Lastkräne begannen am frühen Donnerstagmorgen damit, die tonnenschweren Teile der zertrümmerten Eisenbahnwaggons anzuheben, die unterhalb der Gleise in der Böschung liegen. Feuerwehrleute und Soldaten suchen zwischen verbogenen Stahlteilen nach weiteren Opfern. Währenddessen sichern Ermittler am Unfallort Spuren, die Aufschluss darüber geben könnten, wie es zu dem verheerenden Zusammenstoß am Mittwochmorgen kam. Es ist bereits die zweite schwere Zugkatastrophe, die Spanien in diesem Jahr erschüttert.

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Einen Tag nach dem schweren Zugunglück in der Nähe des Dorfes Urda in der zentralspanischen Provinz Toledo steht Spanien unter Schock. Die Fahnen wehen auf halbmast, die Regierung ordnete drei Tage Staatstrauer an. König Felipe VI. und Königin Letizia zeigten sich erschüttert und sprachen von einer „furchtbaren Tragödie”. Sie besuchten am Donnerstag einige der Überlebenden, die im Hospital in Toledo behandelt werden.
Die Titelseiten der großen Zeitungen spiegeln die Bestürzung der Nation wider, deren Schnellzugnetz jahrzehntelang als vorbildlich in Europa galt. „Erneute Katastrophe im Hochgeschwindigkeitsverkehr“, titelt „El País“. Die Zeitung „El Mundo“ spricht von einem „Sicherheitsversagen“, das zu einem neuen Blutbad geführt habe.
Zugunglück in Spanien: Viele Opfer noch nicht identifiziert
Mindestens 69 Menschen kamen bei dem Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge am Mittwochmorgen ums Leben. Rund 200 Menschen waren verletzt worden. Mehr als 50 Verletzte befanden sich am Donnerstag noch im Krankenhaus. Viele der verstümmelten Todesopfer konnten bisher noch nicht identifiziert werden.
Kurz vor neun Uhr war ein Zug der staatlichen Bahngesellschaft Renfe mit hoher Geschwindigkeit auf einen weiteren Konvoi der privaten Konkurrenz Iryo geprallt, der sich auf demselben Gleis befand, aber wegen eines technischen Defektes stand.
Die Bilder vom Unglücksort erinnern auf erschreckende Weise an das Zugunglück vom vergangenen Januar bei Adamuz in Andalusien. Damals waren 46 Menschen ums Leben gekommen, als zwei Schnellzüge kollidierten. Nur neun Monate später ist dieselbe Bahnstrecke zwischen Madrid und Sevilla erneut Schauplatz einer Katastrophe geworden. Diesmal starben noch mehr Menschen.

Helfer berichten von grausamen Szenen am Unfallort
Antonio García, Apotheker im nahe gelegenen Ort Urda (2500 Einwohner), war einer der Ersten am Unfallort. „Man sagte mir, dass kein Arzt im Dorf sei. Da bin ich sofort hingelaufen“, berichtete er den Reportern. „Überall lagen Leichen zwischen einem Gewirr aus Eisen.“ Er habe versucht, den Verletzten zu helfen, und aus seiner Apotheke jede Menge Verbandsmaterial geholt.
Auch Padre José Manuel, ein katholischer Priester aus dem Nachbarort Consuegra, eilte zur Unglücksstelle. „Es war grauenhaft“, berichtete der Geistliche. Er habe „abgetrennte Körperteile und völlig blutverschmierte Gesichter“ gesehen. Zwei Sterbenden konnte er noch die letzte Ölung geben.

Das Leichenschauhaus des Gerichtsmedizinischen Instituts in der Provinzhauptstadt Toledo, rund 80 Kilometer vom Unglücksort entfernt, musste provisorisch erweitert werden. Soldaten installierten große Zelte und Kühlcontainer, um die vielen Todesopfer unterzubringen. Viele Opfer sind durch die Wucht des Zusammenstoßes so schwer entstellt, dass ihre Identifizierung schwierig ist. Vor dem Leichenschauhaus warten Angehörige verzweifelt auf Nachrichten.
Bahn-Unglück: Frühere Ministerin Báñez wird noch vermisst
Unter den Todesopfern befindet sich möglicherweise auch die frühere spanische Arbeitsministerin Fátima Báñez. Sie saß in einem der zertrümmerten Zugwaggons und wird seit dem Unglück vermisst. Die 59-jährige Mutter zweier Kinder leitete zuletzt eine Stiftung des spanischen Unternehmerverbandes CEOE.
Unterdessen rückt eine Frage immer stärker in den Mittelpunkt: Wie konnte es passieren, dass ein Hochgeschwindigkeitszug mit rund 200 Stundenkilometern auf einen anderen Zug auffuhr, der auf derselben Strecke wegen einer Panne festhing und dies auch der Leitstelle mitgeteilt hatte? Und warum verhinderten die Sicherheitssysteme den Zusammenstoß nicht?
Die ersten Erkenntnisse der Ermittler sind erschreckend. Um 8.30 Uhr am Mittwochmorgen fiel auf dem Unglücksabschnitt der Schnellbahnstrecke Madrid–Sevilla das automatische Zugsicherungssystem aus. Die Kontrolle über den Verkehr ging damit an die Madrider Zugleitzentrale Atocha über.
Fehlanweisung des Fahrdienstleiters führte zu schwerem Zugunglück
Was anschließend geschah, wurde inzwischen anhand der aufgezeichneten Funkgespräche zwischen Lokführern und der Leitstelle rekonstruiert. Der Zugführer des Renfe-Schnellzuges erhielt per Funk die Anweisung, „mit normaler Geschwindigkeit“ seine Fahrt fortzusetzen.
Ein folgenreicher Fehler des zuständigen Fahrdienstleiters. Denn bei ausgefallenem elektronischem Sicherungssystem hätten die Züge nach den geltenden Vorschriften nur noch auf Sicht und mit höchstens 40 Stundenkilometern fahren dürfen. Stattdessen durfte der Renfe-Zug wieder auf rund 200 Stundenkilometer beschleunigen. Um 8.53 Uhr prallte der Renfe-Schnellzug auf den stehenden Iryo-Konvoi.

Der Fahrdienstleiter, der die folgenschwere Anweisung gab, wird inzwischen psychologisch betreut. Er wurde von der Öffentlichkeit abgeschirmt und von der Polizei im Beisein eines Anwalts vernommen. Doch die Bahngewerkschaften warnen davor, die Verantwortung vorschnell einem einzelnen Mitarbeiter zuzuschieben. „Es ist sehr einfach, dem letzten Glied in der Kette die Schuld zu geben“, erklärt eine Gewerkschaftssprecherin.
Zweifel an menschlichem Versagen: Experten kritisieren Spaniens Bahnsystem
Spaniens größte Zeitung „El País“ formulierte die Zweifel an der Theorie von einem bloßen „menschlichen Versagen” so: „Wenn man zulässt, dass der Fehler eines einzigen Menschen Dutzende Todesopfer fordert – versagt dann der Mensch oder versagt das System?“
Auch unabhängige Bahnexperten sehen ein tiefer liegendes Problem. Spaniens Hochgeschwindigkeitsnetz ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, die Zahl der Reisenden und die Zugfrequenzen haben sich in den letzten Jahren vervielfacht. Doch die Investitionen in Wartung, Modernisierung und Sicherheitstechnik hielten mit diesem Boom nicht Schritt.
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- Fotos vom Unglücksort: Die Lage in Spanien in Bildern
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- Züge in Spanien: AVE, Iryo und Renfe – was steckt dahinter?
- Verkehrsexpertin erklärt: Wie sicher sind Schnellzüge?
Wahlkampf in Spanien pausiert – nur Vox attackiert weiter die Regierung
Die Regierung weist den Vorwurf zurück, zu wenig in die Eisenbahn investiert zu haben. Spaniens sozialdemokratischer Ministerpräsident Pedro Sánchez räumte jedoch ein: „Zwei schwere Zugunglücke im Hochgeschwindigkeitsverkehr innerhalb von weniger als einem Jahr sind nicht hinnehmbar.“ Er versprach am Donnerstag, die Sicherheit des Bahnnetzes zu verbessern. Der konservative Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo fordert eine lückenlose Aufklärung. „Spanien hat ein Recht darauf zu erfahren, was mit seiner Infrastruktur geschieht.“
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Die Tragödie hat auch den seit Wochen tobenden spanischen Wahlkampf jäh gestoppt. Die beiden großen Parteien, Sozialdemokraten und konservative Volkspartei, sagten ihre Veranstaltungen ab. Nur die rechtspopulistische Vox machte weiter und nutzte das Unglück für scharfe Angriffe auf die Regierung. Vox-Chef Santiago Abascal bezeichnete Verkehrsminister Óscar Puente als „Minister des Todes“ und die Sánchez-Regierung als „kriminelle Bande“.











