Sie war die erste und lange auch die einzige Produzentin in der deutschen Filmbranche. In einer Männerdomäne, in der sie sich behaupten musste. Und das hat sie über 55 Jahre hinweg getan. Als Lady in Red des deutschen Films. Über 500 Produktionen gehen auf das Konto von Regina Ziegler. Zuletzt kam erst vor zwei Wochen noch ein Prestigeprojekt ins Kino: „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“, Volker Schlöndorffs Verfilmung von Jenny Erpenbecks Bestseller, mit Stars wie Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff und Ulrich Matthes. Den Erfolg hat sie noch miterleben dürfen. Nun ist Regina Ziegler am Sonntag in Berlin im Alter von 82 Jahren gestorben.
Mit 29 sprang sie ins kalte Wasser – und in ein Haifischbecken
Sie kam zu ihrem Job wie die Jungfrau zum Kinde. Oder doch auf Umwegen. Und über die Liebe. Der Tag, der ihr Leben veränderte, war der 9. April 1973. Da stürmte der Filmemacher Wolf Gremm in ihr Büro. Regina Ziegler war damals Produktionsassistentin beim SFB, Gremm aber überzeugte sie, dass sie dort nur Mädchen für alles sei und als Frau keine große Karriere machen würde. Und überredete sie, selber Filme zu produzieren. Und auch gleich einen vorschlug: einen Stoff, den er selbst inszenieren wollte.
Ziegler war damals schon verheiratet, hatte eine Tochter, Tanja, und ihren festen Job. Und Gremm, das war ein Mann mit üblem Ruf, wegen seiner Frauengeschichten. Aber bei diversen Sendungen hatten sie bestens zusammengearbeitet und harmonierten auch sonst. Zieglers Bedenken, dass das mit ihnen nicht gehe wegen ihrer Ehe, wischte er weg: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ So zog sie aus, zog ihre Tochter erst mal allein groß. Und schmiss auch ihren Job.
Auch interessant
„Ich dachte, ich wäre tot“, hieß Gremms Film, mit dem sie ins kalte Wasser sprang. Und der Titel war eigentlich Programm. Weil es damals noch keine Filmförderung gab und auch kein Fernsehsender Interesse zeigte. Doch trotzig entschied sich die Debütantin: „Dann machen wir’s halt alleine.“ Das Paar pumpte alle an, Zieglers Mutter, Gremms Eltern. Der ganze Film entstand nur auf Pump. Aber dann kam der Bundesfilmpreis, kamen weitere Preise und eine Produktionsprämie. Und 1973 gründete die Neuproduzentin ihre eigene Produktionsfirma: Ziegler Film. Da war sie gerade mal 29.
Nicht wenige hätten die Powerfrau gern scheitern sehen
Die Firma steht für Filme wie die Kästner-Adaption „Fabian“, „Rosa Luxemburg“ mit Barbara Sukowa, „Kamikaze 1989“, der letzte Film mit Rainer Werner Fassbinder, aber auch internationale Produktionen wie „Korczak“ von Andrzej Wajda oder das Udo-Jürgens-Musical „Ich war noch niemals in New York“. Früh hat Regina Ziegler auch fürs Fernsehen produziert, auch um sich riskante Kinoprojekte leisten zu können. Viel Degeto-Unterhaltungsware, aber auch hier Prestige-Produktionen wie das Drama um Willy Brandt und die Guillaume-Affäre, „Im Schatten der Macht“, oder Serien wie „Weissensee“, an die anfangs keiner glaubte, und „Die Wölfe“, die einen Emmy erhielt.

Anfangs gab es nicht wenige, die die Power-Frau nicht ernst genommen haben und sie gerne hätten scheitern sehen. „Dafür brauchte ich ein Ego“, so O-Ton Ziegler, „das sehr viel größer war als das meiner Kollegen mit dem Y-Chromosom.“ Angst vor Männern hatte sie nie, das hat sie stets bekundet. Und dass sie an einem 8. März geboren wurde, der damals schon als Frauentag gefeiert wurde, war für sie ein gutes Omen. „Natürlich war das ein Haifischbecken“, gestand sie mir einmal in einem unserer vielen Interviews: „Aber ich habe mich nie als Haifisch gesehen. Ich war mehr so eine Art Meerjungfrau.“
Regina Ziegler: „Man muss auffallen, muss sich selbst inszenieren“
Und gegen die Zigarren schmauchenden Herren Kollegen setzte sie schon mal die Waffen einer Frau ein. Kam zu Konferenzen stets mit hohen Stilettos angestöckelt und trug sie, „wenn’s der Sache diente“. Auch gern mal tiefen Ausschnitt. Mit ihrem flammend roten Haar, schrillen Hutkreationen und knallroten und -pinken Kostümen war sie weithin sichtbar und ein beliebtes Motiv für Fotografen auf jedem roten Teppich. „Man muss auffallen, muss seine Produkte und sich selbst inszenieren“, bekannte sie. Der Look sei aber gar nicht ihre Idee gewesen, sondern die ihres Mannes, der sie dabei immer kritisch beriet: „Ich war Wolfs Gesamtkunstwerk“.

Das Auftreten war das eine, das Gespür das andere. „Man muss schon eine Nase haben wie das Schwein, das Trüffel sucht“, meinte sie. Als Beispiel nannte sie gern Udo Jürgens Roman „Der Mann mit dem Fagott“. Als sie das Buch las, wusste sie sofort, dass sie es verfilmen wollte. Musste den Schlagersänger aber erst überzeugen. Und sich dabei, einmal mehr, gegen lauter laute Männerkonkurrenz durchsetzen.
Als Studentin trug sie die Berliner Morgenpost aus
Das Einzige, was Regina Ziegler etwas bedauerte, war, dass sie keine Ur-Berlinerin war. Sie sollte eigentlich in Berlin zur Welt kommen, aber ihre Mutter war während der Bombennächte 1944 hochschwanger nach Quedlinburg geflüchtet. Als Studentin kam Regina Ziegeler dann 1964 doch in die Stadt, die ihre hätte sein sollen und es dann auch geworden ist. Da hat sie, mit 19, 20 Jahren erst mal im KaDeWe gejobbt, die Berliner Morgenpost ausgetragen oder sich als Vertreterin für Hormonpillen durchgeschlagen, um über die Runden zu kommen. Ihr Jurastudium schmiss sie allerdings nach nur einem Semester. Um beim SFB anzufangen. Wo sie dann die Liebe ihres Lebens traf, ihren Wolf, den sie 1977 ehelichte und mit dem sie bis zu seinem Tod 2015 verheiratet war.

Eine Frau, die ins kalte Wasser sprang und bald schon mit allen Wassern gewaschen war. Und sich durchzusetzen wusste. Auch mit ihrer tiefen, männlichen, Respekt einflößenden Stimme. „Geht nicht, gibt’s nicht“, Gremms Spruch wurde zu ihrem Motto – und vor neun Jahren schließlich auch zum Titel ihrer Memoiren. Danach ist sie immer verfahren. Auch wenn sie dadurch oft „Minus-Millionärin“ war, wie sie oft sagte, und für ihre Projekte regelmäßig ihr Vermögen riskierte. Für die Heinrich-Mann-Verfilmung „Henri 4“ nahm sie sogar eine Hypothek aufs eigene Haus auf. Dass der Film floppte und bei der Kritik durchfiel, war wohl ihre schmerzlichste Niederlage. Aber Regina Ziegler wäre nicht Regina Ziegler gewesen, wenn sie sich davon hätte beeindrucken lassen.
Mit ihr verliert Berlin noch mehr an Strahlkraft
Nur einmal hat sie sich kurz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Als Wolf Gremm krebskrank wurde, hat sie ihn gepflegt. Sein Tod hat sie sichtlich mitgenommen, aber danach warf sie sich umso mehr in den Beruf. „Was soll ich denn sonst machen?“, fragte sie entgeistert: „Zu Hause sitzen und aus dem Fenster gucken?“ Und sie machte weiter. Unbeirrt. Auch wenn Tochter Tanja schon im Jahr 2000 mit ins Unternehmen eingestiegen und seit 2006 die Mehrheit der Anteile besaß.

Donnerstag
Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Regina Ziegler wird fehlen. Mit ihrem Mut. Ihrer Beharrlichkeit. Und ihrer Kampfeslust. Sie nahm nie ein Blatt vor den Mund. Auch nicht, als sie im April vergangenen Jahres in der Morgenpost-Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ im Zoo Palast zu Gast war, und, schon sichtlich angeschlagen, klagte: „Berlin leuchtet einfach nicht mehr.“ Mit ihr verliert die Stadt noch ein wenig mehr Strahlkraft.






