Hauptrolle Berlin

Wenn die ganze Welt baden geht : "Fabian"

Im Zoo Palast wird noch mal die Kästner-Verfilmung „Fabian“ gezeigt. Und Produzentin Regina Ziegler erinnert sich an die Dreharbeiten.

Foto: Ziegler Film

Berlin am Ende der Weimarer Repu­blik, das ist ja gerade durch die Serie „Babylon Berlin“ total angesagt. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der der Zoo Palast gemeinsam mit der Berliner Morgenpost an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, wird nun ein Werk wieder aufgeführt, das diese Zeit schon einmal beleuchtet hat: „Fabian“ aus dem Jahr 1980, nach dem Roman von Erich Kästner, der, als er 50 Jahre zuvor erschien, einen Sturm der Entrüstung entfachte – und später von den Nazis öffentlich verbrannt werden sollte.

Nicht mit, aber auch nicht gegen den Strom schwimmen

Dabei sei es „keineswegs ein unmoralisches Buch, sondern ein ausgesprochen moralisches“, wie der Autor später betonte. „Der Roman wollte vor dem Abgrund warnen, dem sich Deutschland und damit Europa näherte. Die große Arbeitslosigkeit“ und „die der wirtschaftlichen folgende seelische Depression, die Sucht sich zu betäuben.“ Das Buch sei „kein Poesie-Album, sondern eine Satire.“

Die „Geschichte eines Moralisten“, so der Untertitel, handelt von der großen Depression, auch schon von dem Ruck nach rechts. Und gleichzeitig vom berühmten Tanz auf dem Vulkan.
Mittendrin Fabian, im Film gespielt von Hans Peter Hallwachs, ein Germanist, der sich als Werbetexter für eine Zigarettenfabrik über Wasser hält. Wasser, eine Metapher, der wir noch häufiger begegnet werden. Film und Buch handeln von den letzten zehn Tagen oder besser Nächten dieses Mannes. Denn um das traurige Los, in das da ein ganzes Land taumelt, nicht am helllichten Tage ertragen zu müssen, stürzt er sich lieber immer wieder ins wilde Nachtleben und -treiben. Und staunt über dessen Verruchtheiten. Die ihn aber doch anziehen wie Motten das Licht.

Fabian ist ein Moralist, der die Gefahren erkannt hat, aber trotzdem immer unfähig zu jedem Widerstand ist. Ein Moralist, der nur immer beobachtet: Wie die Reichen sich amüsieren. Wie die Armen Schlange stehen. Und wie hie und da schon erste Hitler-Bärtchen wie Gesinnungsabzeichen getragen werden. In einer der komischsten Szenen des Films gerät Fabian in einen Schusswechsel zwischen einem Kommunisten und einem Nazi – und chauffiert beide im selben Auto ins Spital.

„Der Gang vor die Hunde“: so sollte das Buch ursprünglich heißen (und so hieß denn auch die rekonstruierte Ur-Fassung, die 2013 erschien). Eine Szene bringt das auf den Punkt: Da balanciert Fabian auf einer Vorgartenmauer, spielerisch, feixend, strauchelend, über dem Abgrund. Ein Bild, das zur Metapher gerinnt. Denn zum Überleben fehlt Fabian der Zynismus seines Saufkumpans, ein Journalist, der den Rechtsruck im Land nicht kommentieren will und lieber Falschmeldungen erfindet. Zum Überleben fehlt ihm auch die Skrupellosigkeit seiner Freundin, die sein Bett mit dem eines Filmproduzenten eintauscht, um Karriere zu machen.

Am Ende verliert Fabian alles, den Job, den besten Freund, die Liebe. Und das Leben. Ein Moralist, der nicht mitschwimmen will, aber auch nicht gegen den Strom zu schwimmen vermag. Am Ende, das darf man getrost verraten, geht er einfach unter. Buchstäblich. Er ertrinkt beim Versuch, einen Jungen aus dem Fluss zu retten. „Er konnte“, so Kästners lakonischer Schlusssatz, „leider nicht schwimmen“.

Regisseur Wolf Gremm hatte Kästners Roman in einer Nacht durchgelesen, und obwohl Kästner sich zeitlebens gegen eine Verfilmung dieses Buchs ausgesprochen hat, tauchten sofort Bilder vor seinem inneren Auge auf. Ein großes, sinnig-sinnliches Sittengemälde. Berlin am Ende der nur vermeintlichen Goldenen Zwanziger, das war auch damals gerade en vogue, nach Filmen wie „Cabaret“ (1972), Ingmar Bergmans „Schlangenei“ (1977), „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ (1978) oder auch der TV-Reihe „Ein Mann will nach oben“ (1978) nach Hans Fallada.

Doch Gremm ging es nicht nur um die Historie, sondern auch um Bezüge zur Gegenwart. Denn mit seiner Realitätsverweigerung wirkte Fabian auch wie ein Phänotyp des Aussteigers, der um 1980 (und gerade in Berlin) mit No-Future-Attitüde zum Massenphänomen wurde. „Jetzt ist ein großes Loch da“, meinte Gremm 1979 bei den Dreharbeiten, „das viele mit Heroin, Sektentum, Aberglaube oder dem Ruf nach einem Führer zu füllen versuchen“.

Gremm hatte gerade mit seiner Frau, der Produzentin Regina Ziegler, einen empfindlichen Flop mit seiner Schiller-Adaption „Tod oder Freiheit“ gelandet. Wagemutig stürzten sie sich gleich ins nächste Risiko. Mit viel Sorgfalt und Detailtreue wurde in den Tempelhofer Studios der Berliner Union-Film aufwendig das Berlin um 1930 wieder aufgebaut, mit vielen Stars und Statisten die diversen Milieus gezeichnet. Das verschlang eine für damalige Verhältnisse enorme Summe. Die Produzentin dürfte zuweilen geschluckt haben, dass ihr Mann sich wie Fabian an der Dekadenz ergötzte, die er als lauter kleine Kabinettstückchen inszenierte. Und Hallwachs, damals ein Star des Schiller Theaters, musste als Fabian wiederholt seine Potenz unter Beweis und seinen Körper zur Schau stellen. Doch es sollte sich auszahlen: „Fabian“ wurde ein großer Erfolg.

Mit der heutigen Ausstattungsopulenz und den digitalen Möglichkeiten eines „Babylon Berlin“ mag „Fabian“ vielleicht nicht mithalten. Um so mehr lohnt der Vergleich, wie auf die Zeit damals zurückgeschaut wurde.

Zoo Palast, 4. Dezember, 20 Uhr in Anwesenheit der Produzentin Regina Ziegler und des Hauptdarstellers Hans Peter Hallwachs