Filmmusical

„Ich war noch niemals in New York“: Aber bitte mit Schmackes

Philipp Stölzl hat das Udo-Jürgens-Musical hin- und mitreißend verfilmt. Mit Stars, die mit Spaß singen und das Tanzbein schwingen.

Da möchte man am liebsten mittanzen: Als Matrose Costa singt Pasquale Aleardi (M.) quasi die Costa-Cordalis-Version von „Griechischer Wein“:

Da möchte man am liebsten mittanzen: Als Matrose Costa singt Pasquale Aleardi (M.) quasi die Costa-Cordalis-Version von „Griechischer Wein“:

Der erste Moment ist noch ein bissschen gewöhnungsbedürftig. Wenn Heike Makatsch als gestresster TV-Star in ihr Studio hechelt und erst mal ihre Crew zusammenstaucht, fangen die plötzlich an, „Vielen Dank für die Blumen“ von Udo Jürgens zu singen. Aber ironisch-enttäuscht, in Moll. Die TV-Dame kriegt dann aber auch gleich ihr Fett weg vom Studio-Chef. Dann knurrt auch sie den Dank an die Blumen. Oder spuckt ihn doch eher wie Knallerbsen aus.

Film-Musicals sind so selten geworden, dass man immer erst mal fast lachen muss, wenn Menschen mitten in einer Szene zu singen beginnen – so ungewohnt ist das. Und wann, bitte schön, gibt es schon mal ein deutsches Filmmusical? Man muss da ziemlich lang zurückdenken.

Erste Bilder: der Trailer zum Film

Deutsches Filmmusical - ein Genre ohne Tradition

Es gab 2008 „Märzmelodie“, die deutsche Antwort auf den französischen Hit „Das Leben ist ein Chanson“, in dem die Schauspieler mitten in der Handlung ihre Gefühle immer wieder dadurch ausdrückten, dass sie bekannte Schlager anrissen. Aber wer hat den Film überhaupt gesehen?

Es gab 2013 auch eine Neuverfilmung von „Im weißen Rössl“, aber das ist ja eine Operette und noch mal ein ganz eigenes Fach. Und der Untertitel damals lautete ja auch wie eine Anti-Haltung, fast drohend: „Wehe du singst!“

Nein, man muss wirklich bis 1988 zurückblicken, als „Linie 1“ ins Kino rollte, die Verfilmung des Bühnenhits vom Grips-Theater. Und davor fällt einem eigentlich auch nur der DDR-Klassiker „Heißer Sommer“ von 1968 ein.

Fazit: Musicals haben es hierzulande schwer. Schon auf der Bühne – das Theater des Westens kann ein Lied davon singen, das Theater am Potsdamer Platz wurde ganz aufgegeben. Erst recht aber im Kino.

Obwohl der deutsche Film zu Beginn des Tonfilms mit der Tonfilmoperette den Ton mit angegeben hat. Aber dieses ur-eigene deutsche Genre ist dann mit all seinen jüdischen Komponisten und Schreibern von den Nazis so gründlich ausgemerzt worden, dass es einfach keine Tradition mehr gibt. Von den eher braven, biederen Schlager- und Revue-Filmen der 50er-Jahre einmal abgesehen.

Aber nun schippert „Ich war noch niemals in New York“ auf die Leinwand. Die Verfilmung des gleichnamigen Bühnenhits mit der Musik von Udo Jürgens. Produziert von Regina Ziegler, die sich schon die Neuverfilmung des „Weißen Rössls“ zugetraut hat. Und auch Udo Jürgens’ Familienchronik „Der Mann mit dem Fagott“ verfilmt hat.

Hommage an Udo Jürgens zu dessen 85. Geburtstag

Nun, nach seinem Tod, hat sie sein Musical adaptiert. Was auch eine Hommage an den 2014 gestorbenen Künstler ist, der dieser Tage 85 Jahre alt geworden wäre. „Merci, Udo!“ heißt es am Ende im Abspann.

Man hätte es sich leicht machen und einfach das Bühnenstück verfilmen können. Das Musical ist ja ein Selbstläufer, und das größte Pfund sind sowieso die Evergreens von Udo Jürgens. Aber stattdessen wird die Geschichte noch mal ganz anders erzählt.

Mit einem Ausrutscher fängt alles an

Da rutscht die Mutter des TV-Stars, Maria (Katharina Thalbach), auf dem Küchenboden aus. Und kann sich danach an nichts mehr erinnern. Nur noch an den Schlager, den sie zuletzt im Küchenradio hörte: „Ich war noch niemals in New York“, gesungen von Jürgens selbst.

Also meint sie, sie müsse jetzt dorthin. Ihre Tochter Lisa Wartberg (Heike Makatsch) hetzt ihr nach, ihren schwulen Visagisten Fred (Michael Ostrowski) im Schlepptau. Aber just als die beiden die verwirrte Mutti auf einem Kreuzschiff nach Übersee aufgespürt haben, legt der Dampfer ab. Und alle drei kommen als blinde Passagiere erst mal in Arrest. Und müssen ihren Aufenthalt fortan mit Putzdiensten an Bord abarbeiten.

Die exaltierte Lisa stößt dabei immer wieder auf Axel Staudach (Moritz Bleibtreu), einen spießigen Herrn, der mit seinem kleinen Sohn (Marlon Schramm) die Asche seiner verstorbenen Frau in New York ausstreuen will. Die beiden sind sich gleich herzlich abgetan.

Gleich drei Pärchen in Liebesnöten

Otto (Uwe Ochsenknecht), ein Eintänzer und Gigolo, der davon lebt, auf dem Schiff ältere Damen zu bezirzen, erkennt in Maria seine Jugendliebe wieder. Und Fred verliebt sich Hals über Kopf in den Matrosen Costa (Pasquale Aleardi). Das sind gleich drei Pärchen, die aufeinanderprallen, sich verlieben – und dann wieder zu verlieren drohen.

Regisseur Philipp Stölzl hat erst gar nicht versucht, das in „Traumschiff“- Manier mit realen exotischen Bildern zu untermalen. Im Gegenteil. Seine Musical-Welt ist Künstlichkeit pur, reiner Kulissenzauber, wie auf der Bühne, komplett im Studio gedreht. Diese Künstlichkeit wird sogar noch unterstrichen und überhöht. Mit knallbunten, Bildern, bonbonfarben bis zur Klebrigkeit.

Ein Jürgens-Hit gibt die Dramaturgie vor

Jürgens’ Schlager-Schlachtruf „Aber bitte mit Sahne“ wird dabei geradezu zum Programm erhoben. Mit hübschen Sahnehauberl, vom Stepptanz im Putzwasser bis zum Mini-Wasserballett im Pool. Und wenn’s mal ganz kitschig und gefühlsduselig werden soll, versinkt nicht nur die Sonne glutrot im Meer, dann springen auch gleich noch ein paar Delphine raus. Nicht nur Sahne, Schmackes!

Als Komplizen stehen Stölzl dabei bis in kleinste Rollen große und augenzwinkernd besetzte Stars zur Seite. Die sind erste Sahne, wie sie mit Lust singen und tanzen.

Moritz Bleibtreu ist nicht eben bekannt dafür und müht sich doch redlich, auch als Komiker war er lange nicht mehr zu sehen. Eine große Entdeckung als Sänger aber sind Uwe Ochsenknecht und Pasquale Aleardi. Und dann sind da natürlich noch die sattsam bekannten Jürgens-Lieder, die sowieso Ohrwürmer sind.

Bei Bleibtreus „Merci“ wird dabei jeder ein Tränchen verdrücken. Bei Aleardis „Griechischer Wein“, quasi die Costa-Cordalis-Version des Hits, will jeder mittanzen. Und wenn Thalbach und Ochsenknecht „Immer wieder geht die Sonne auf“ performen, geht die einem wirklich auf.

Auch der letzte Verächter summt heimlich mit

Dabei werden Jürgens’ Schlager und Chansons gern gegen den Strich gebürstet und nicht selten noch in der Performance ironisch gebrochen. Kaum zu glauben, dass Philipp Stölzl mal mit einem Musikvideo zu Rammstein berühmt wurde. Jetzt segelt er in Schlagerseligkeit ohne jede Berührungsangst. Und auch der letzte Jürgens-Verächter wird sich im Kinodunkel dabei ertappen, dass er irgendwann heimlich mitsummt.

Aber bei allem Kitsch, Bombast und Tralala: Dass die Protagonisten alle erst durch die Zeit an Bord dazu gezwungen werden, darüber nachzudenken, wie sehr sie in ihrem bisherigen Leben gefangen sind und am wirklichen Leben vorbeileben, das ist ein Subtext, den man in einem solch leichten Unterhaltungsmetier nicht unbedingt erwarten würde.

Der Unterhaltungsfilm des Jahres

Das ganz große Meisterwerk ist der Film zwar nicht geworden. Dafür ist er doch etwas zu lange geraten. Und im Gegensatz zum Bühnenstück kommt der Film wirklich in New York an, ein Fremdkörper, der nicht ganz in den entrückten Kulissenzauber auf See passt und zum nicht enden wollenden Epilog gerät. Es fehlt am Ende auch das ganz große Sing- und Tanzfinale.

Aber sei’s drum. „Ich war noch niemals in New York“ ist dennoch der Gute-Laune-Film des Jahres. Man wünschte sich, dass er weitere hiesige Produzenten ermutigt, sich auf dem weiten, unbestellten Feld des Filmmusicals auszuprobieren. Auch an Stars, die sich gern die Gefühle aus der Brust singen und den Wolf tanzen, scheint es nicht zu fehlen.