Seinen letzten großen Auftritt hatte Wolf Gremm in dem Film einer anderen. In Annekatrin Hendels Dokumentarfilm „Fassbinder“, die zum 70. Geburtstag des legendären Filmemachers erschien, erinnerte sich Gremm, wie er kurz vor dessen Tod das letzte Interview mit Fassbinder machte. Und wie er die Todesnacht in dessen Wohnung miterlebte. Nun ist Wolf Gremm drei Monate später selbst gestorben. Er erlag am gestrigen Dienstag im Alter von 73 Jahren seinem langen Krebsleiden.
„Ich dachte, ich wär tot“ hieß 1973 sein erster Film, sein letzter, erst in diesem Jahr fertiggestellt, „Ich liebe das Leben trotzdem“. Ein „Selfie“-Film, wie er ihn selber bezeichnete, eine Art filmisches Krebstagebuch, in dem Wolf Gremm sich selbst seiner Smartphone-Kamera auslieferte und schonungslos von Anfang an alle Tiefen, Schmerzen und Zusammenbrüche seiner Krankheit chronisch festhielt. Das war seine Art, mit der Krankheit umzugehen. Der Film wurde im Januar erstmals in kleinem Kreis im Charlottenburger Filmkunst 66 vorgeführt. Das Kino, in dem 1973 auch schon sein erster Film Premiere feierte. Das Kino, das seine Frau und er vor vier Jahren gekauft hat.
Letzter Auftritt auf der Berlinale
Gremms Krankheit war 2011 festgestellt worden. Man hatte ihm damals höchstens noch acht Monate gegeben, seinen 70. Geburtstag feierte er im sicheren Bewusstsein, dass es sein letzter sein würde. Seine Frau, die Erfolgsproduzentin Regina Ziegler, mit der er seit 1977 verheiratet war, hatte daraufhin überlegt, ihre Arbeit aufzugeben und ihre Firma Ziegler Film ganz an ihre Tochter Tanja Ziegler abzugeben. Gremm lehnte das ab. Seine Frau reiste aber mit ihm zu Spezialisten nach New York, besorgte ihm ein Serum aus Heilpilzen von thailändischen Mönchen, ließ einen Swimming Pool im Garten anbauen.
Im Februar, zur Berlinale, erschienen sie noch einmal gemeinsam beim Empfang der Degeto, für die sie beide viele Filme realisiert haben. Er sah besser aus, man begann schon zu hoffen. Gremm wusste da aber schon, dass seine Knochenkrebserkrankung unheilbar war. „Ich muss jetzt nicht darauf hoffen, dass ich gesund werde“, sagte er. „Das wird nicht passieren.“
Ein bekennender Optimist
Seinen letzten Film verstand er dennoch als ein Dokument des Mutmachens. Um zu zeigen, dass man keinen Tag ohne Freude, ohne Hoffnung, ohne Lachen verbringen muss. Was im Rückblick fast Gänsehaut bereitet: Schon sein Debüt handelte einst von einer 17-Jährigen, die sich das Leben nehmen möchte, aber gerettet, zum Leben überzeugt wird. Immer war Gremm ein bekennender, schonungsloser Optimist.
Der Regisseur, 1942 in Freiburg geboren, hatte mitten in den Studentenunruhen als einer der Ersten an der neuen Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert. Ab 1970 war er freier Mitarbeiter beim Sender Freies Berlin, bevor er sich 1973 an seinen ersten Film machte. Von Anfang an war seine Laufbahn dabei mit Regina Ziegler verbunden. Er war es, der sie, damals gerade 29, überredete, seinen Film zu produzieren. Zu einer Zeit, als Filmproduktion noch ganz klar eine Männerdomäne war. Die meisten seiner Filme wurden denn auch von ihrer Firma produziert. Dass die Gattin an seiner Seite am Ende bekannter war als er, war für ihn nie ein Problem.
Der König der Happy Ends
Gremm selbst hat über 50 Filme gedreht, darunter Achtungserfolge wie „Tod oder Freiheit“, die Kästner-Verfilmung „Fabian“ und „Kamikaze 1982“, ein visionärer Science-Fiction-Film mit Fassbinder in seiner letzten Hauptrolle. Fassbinder war ein enger Freund und Weggefährte, der Filmemacher hatte eine Zeit lang im Souterrain von Gremm und Ziegler gewohnt. Gremm hat ihn wie einen Bruder geliebt.Nach dessen Tod hörte Gremm auf, fürs Kino zu arbeiten. Weil ihm nicht nur der Freund fehlte, sondern auch die Inspiration.
Stattdessen verlegte er sich aufs Fernsehen und drehte Wohlfühlfilme wie „Nancy & Frank - Eine Manhattan Love Story“ oder zuletzt „Das Mädchen aus dem Regenwald“, meist mit Christine Neubauer in der Hauptrolle. Kitsch- und Wohlfühlfilme, für die er nicht selten auch Kritik einstecken musste oder als „König der Happy Ends“ belächelt wurde. Er wollte einfach immer, das alles gut endet.
Wie ernst es ihm mit diesem Positiven Denken war, zeigt sich nun aber in seinem letzten Film, der wie ein Vermächtnis wirkt. Der RBB wird den Film zum Gedenken an Wolf Gremm morgen Abend um 22.15 Uhr ausstrahlen.





