Welch eine kühne, ja wahnwitzige Idee war das im Jahr 1982, in Deutschland einen Science-Fiction-Film zu drehen. Wo derartiges Genrekino keine Chance hatte. Das schien wirklich Kamikaze. „Kamikaze 1989“ spielt in einer nahen Zukunft, in der die Bundesrepublik das reichste Land der Erde ist und alle Probleme gelöst sind.

Auch die Wiedervereinigung in eben jenem Schicksalsjahr? Die wird nicht eigens genannt, das war 1982 wirklich noch Science-Fiction. Aber dafür gibt es keine Energieprobleme, keine Umweltverschmutzung, keine Inflation und keine Arbeitslosigkeit mehr. Schön wär’s!

Der erfolgreichste Filmemacher des Landes als kaputter Ermittler

Dafür allerdings wird das Land zentral gesteuert von „dem Konzern“, einem ominösen Staatskomplex, der die Bevölkerung medial mit bizarrem, lautem, billigem, hedonistischem Unterhaltungsfernsehen ruhigstellt. Zumindest das sollte sich teilweise nur zwei Jahre später mit der Einführung des Privatfernsehens in Deutschland erfüllen. Dort aber gibt es eine riesige Konspiration, die heutige virulente Verschwörungstheorien lange vorausahnte.

Und mittendrin: Rainer Werner Fassbinder, der erfolgreichste Filmemacher jener Jahre und doch auch das ewige Enfant Terrible des deutschen Films, in einer Hauptrolle, als Polizeileutnant Jansen, der wegen eines Bombenanschlags in diesen Konzern gerufen wird und einem riesigen Komplott auf die Spur kommt. Ein Mann des Staates, aber völlig kaputt, unrasiert, drogensüchtig, der zudem eher wie ein Zuhälter daherkommt: im Leopardenanzug, mit passendem Bettbezug, Schweißband und sogar Taschentuch. Ein Raubtier im Großstadtdschungel.

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Das war schon ein echt schräger Film, den Wolf Gremm sich da ausgedacht hat, mit vielen irren, auch trashigen Ideen. Ein Zerrbild einer künftigen Republik, eine Parodie auf Weltuntergangsszenarien, die kurz vor dem Orwell-Jahr 1984 stark en vogue waren. Mit dem schrägsten Vogel in der Hauptrolle.

Alle hatten Angst vor Fassbinder. Doch der erwies sich als Lamm

Eine Satire, die dann freilich vom völlig überraschenden, bestürzend frühen Tod Fassbinders mit nur 37 Jahren überschattet wurde. Der Film kam am 16. Juli 1982 in die Kinos, genau fünf Wochen und einen Tag nach dessen Tod.

Nun wird er noch einmal gezeigt in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, die die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat veranstaltet. Und Regina Ziegler, die Produzentin des Films, die vor zwei Monaten ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, wird über den von ihr produzierten Film ihres Mannes Wolf Gremm, der 2015 gestorben ist, sprechen.

Der Polizist mit einer geheimnisvollen Fremden (Petra Jokisch) vor dem Fahrstuhl, der nicht bis ins höchste Stockwerk führt.
Der Polizist mit einer geheimnisvollen Fremden (Petra Jokisch) vor dem Fahrstuhl, der nicht bis ins höchste Stockwerk führt.© picture alliance/United Archives | United Archives / kpa Publicity

Ein wahrlich kühnes Unterfangen. Allein die Hauptbesetzung. Fassbinder stand damals gerade – nach „Berlin Alexanderplatz“, „Lili Marleen“ und „Lola“, die alle in der für ihn typischen, rastlos kurzen Zeit entstanden waren – auf dem Zenit seiner Karriere. Hauptrollen hatte er schon lange nicht mehr gespielt, schon gar nicht in Filmen anderer, lediglich Kurzauftritte in seinen eigenen absolviert.

Als er ihm die Rolle anbot, so erinnerte sich Gremm später, „war alle Welt skeptisch. Würde er überhaupt, berühmt wie er war, so einen Vorschlag akzeptieren.“ Er selbst war durchaus auch skeptisch: „Würde ich mit dieser lebenden Legende, mit diesem Bündel aus Energie und Launen fertig werden?“ Aber die Reaktion war eine ganz andere. Fassbinder gefiel die Idee. „Das spiel ich dir“, meinte er nur.

Fassbinder genoss den Dreh als Urlaub von seinen eigenen Filmen

Auch vor Beginn des Drehs war Gremm von allen Seiten gewarnt worden, Fassbinder würde sich als Regisseur nicht zurückhalten können und sich unentwegt einmischen. Aber auch das erfüllte sich nicht. Fassbinder brachte überraschend viel Geduld auf bei den langen Pausen, wenn neue Szenen eingerichtet und ausgeleuchtet wurden.

„Ich hatte sogar den Eindruck, dass er die Dreharbeiten als eine Art Urlaub von den eigenen Filmen betrachtete“, so Gremm später. „Er genoss es einfach, die Diva zu sein, die Hauptperson, um die sich alles dreht.“ Und: Fassbinder, der in seinen eigenen Filmen kaum Actionelemente verwendete, freute sich „wie ein Kind über Verfolgungsjagden, Schusswechsel und Attacken aus dem Dunkel.“

„Django“-Star Franco Nero (l.) absolvierte hier seinen ersten Auftritt in einem deutschen Film.
„Django“-Star Franco Nero (l.) absolvierte hier seinen ersten Auftritt in einem deutschen Film.© picture alliance/United Archives | United Archives / kpa Publicity

Für Fassbinder war es wichtig, mit Menschen zu arbeiten, die ihm vertraut waren. Deshalb hatte Gremm seinen Kameramann Xaver Schwarzenberger übernommen und seine Regieassistentin, hatte mit Günter Kaufmann und Brigitte Mira auch zwei Fassbinder-Schauspieler an Bord. Gremm wartete aber noch mit einem weiteren Besetzungscoup auf. Franco Nero, der Star aus den „Django“-Filmen, war bis dahin noch nie in einem deutschen Film aufgetreten. Hier nun spielte er in einer Gastrolle eine Art Kontrapart. Fassbinder habe in seiner Gegenwart kaum sprechen können.

Nero empfand ihn als „den schüchternsten Menschen, den ich je erlebt habe“. Doch Fassbinder war so beeindruckt, dass er Nero für seinen übernächsten (und letzten) Film „Querelle“ in einer Hauptrolle besetzte. Auch sonst große Namen: „Kamikaze 1989“ basierte auf dem Kriminalroman „Mord im 31. Stock“ des schwedischen Bestsellerautors Per Walhöö. Die Filmmusik kam von Tangerine Dream, den Pionieren der elektronischen Musik. Und die Szenen- und Kostümbildner tobten sich aus in futuristischer und verspielt-ironischer Ausstattung.

Ein Berlin-Film – trotz Panoramablick auf Düsseldorf

Aber „Kamikaze 1989“ – ein Berlin-Film? Wer die erste Sequenz sieht, wird sofort den Kopf schütteln. Weil da ein Hubschrauber auf den „Konzern“ zufliegt. Und weder dieses Hochhaus noch die Stadt drumherum auch nur im entferntesten nach Berlin aussieht. Das war das Problem der Produktion: Es musste ein Gebäude mit den im Titel geforderten 31 Stockwerken gefunden werden. Selbst der Steglitzer Kreisel, erst zwei Jahre zuvor eingeweiht, kam nur auf 30. Und war zu schlicht für ein Gebäude, das als imposanter Medienkonzern mit möglichst martialischen Dimensionen dienen konnte. Hierfür wich man nach Düsseldorf aus. Aber dort wurde nur drei Tage gedreht. Der Konzern war ein Amalgam der dortigen Deutschen Rentenversicherung (außen) und des Berliner ICC (innen).

Alles andere kam in Berlin den Kasten. Und musste hier in den Kasten kommen. Nur diese Stadt, das war schon neun Jahre vor dem Hauptstadtbeschluss 1991 klar, kam als Mittelpunkt eines zentralistisch geführten Staates in Frage. Das Stubenrauchkrankenhaus diente als „Polizei-Disko“, das Ullsteinhaus als Polizeipräsidium, eine Autoverfolgungsjagd gab es auf der A 100, einen Schusswechsel im ICC Parkhaus, als futuristische Kulissen dienten das ICC, der S-Bahnhof Messe Nord und „die Schlange“, die Autobahnüberbauung in der Schlangenbader Straße. Während Fassbinder seine Monumentalserie „Berlin Alexanderplatz“ größtenteils in den Münchner Bavaria-Studios gedreht hatte, war er für „Kamikaze 1989“ tatsächlich on location.

Regisseur Wolf Gremm und seine Frau, Filmproduzentin Regina Ziegler, im Jahr der Dreharbeiten.
Regisseur Wolf Gremm und seine Frau, Filmproduzentin Regina Ziegler, im Jahr der Dreharbeiten.© picture alliance / Eva von Maydell | Eva von Maydell

Fassbinder und Gremm verstanden sich, allen Prognosen zum Trotz, prächtig. Sie planten gleich zwei weitere Filme mit ihrem Polizeileutnant Jansen. Gremm durfte auch eine kleine Rolle in „Querelle“ spielen, vor allem aber führte er die Kamera in der Begleitdoku „Der Bauer von Babylon – Rainer Werner Fassbinder dreht Querelle“. Dazu führten er und Produzent Dieter Schidor ein langes Interview mit Fassbinder, am 9. Juni 1982, bei dem dieser so stark erschöpft wirkte, dass seine Mutter die Szene später nicht für den Film freigab.

Fassbinder ließ Gremm an dem Abend auch in seiner Münchner Wohnung übernachten, während er dort bis tief in die Nacht an der Endfassung von „Querelle“ arbeitete. Gremm schlief nebenan und bekam nicht mit, wie Fassbinder an einer toxischen Mischung aus Kokain und Schlaftabletten starb. Erst seine Cutterin Juliane Lorenz, die spät aus dem Schneideraum kam, fand ihn bereits tot auf. Ein Schock, den Gremm auch damit verarbeitete, dass er aus seinem Material zu „Kamikaze“ und „Querelle“ eine kleine Hommage formte: „Rainer Werner Fassbinder – Letzte Arbeiten“.

„Kamikaze 1989“ kam einen Monat nach Fassbinders Tod ins Kino

Bis Gremms „Kamikaze 1989“ fertiggestellt war, hatte Fassbinder bereits zwei neue Filme, „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ und „Querelle“, abgedreht. Das sagt alles über dessen Arbeitsgier, aber auch über seinen Raubbau an sich selbst aus. Und was als gallige Parodie gedacht war und als Beginn einer möglichen Reihe, wurde ungewollt zum letzten großen Auftritt Fassbinders vor der Kamera. Und stand beim Filmstart entsprechend im Vordergrund.

Über diese Tragik sind viele andere Fein- und auch Grobheiten dieses Films in den Hintergrund gerückt. Sie könnten jetzt, mit dem gebührenden Abstand, beim Wiedersehen oder auch einer Erstbeschau im Zoo Palast, in restaurierter Fassung, entdeckt werden.

Zoo Palast, 4. Juni, 20 Uhr in Anwesenheit der Filmproduzentin Regina Ziegler.