Ein halbes Jahr lang hat die Filmwelt von „Barbenheimer“ gesprochen, dem großen Blockbuster-Duell zwischen „Barbie“ und „Oppenheimer“, das der Film um die Spielzeugpuppe an der Kasse klar gewonnen, beim Golden Globe aber verloren hat. Jetzt zeigt sich, es gibt noch ein anderes, nicht weniger interessantes Schaurennen: „Barbenthings“. Denn „Barbie“ ist beim Golden Globe nicht nur dem „Oppenheimer“-Drama unterlegen, sondern in der Kategorie Komödie auch „Poor Things“.
„Poor Things“ beginnt da, wo „Barbie“ aufhört
Auch in diesem Film, der in Venedig den Goldenen Löwen gewann und am 18. Januar endlich in die deutschen Kinos kommt, geht es um eine weibliche Puppe. Aber keine Kultfigur zum Spielen, sondern eine Kreatur zum Gruseln. Quasi Frankensteins Tochter. Und wiewohl von einem Mann, Yorgos Lanthimos, ersonnen und ersponnen, ist dieser Film die grellere, bösere Satire auf überholte Rollenbilder und eine feministische Befreiungsfantasie. „Poor Things“ fängt da an, wo „Barbie“ aufhört.
Es ist eine gruselige Welt, in die Lanthimos uns da erst in Schwarzweiß, dann in Knallbunt einführt. Beherrscht wird sie von einem klassischen „Mad Scientist“, dem Anatomieprofessor Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe). Der ist eigentlich selbst ein Opfer. Als Kind hat sein Vater an ihm herumexperimentiert, wovon entstellende Narben zeugen. Dennoch führt Baxter die grausamen, vermeintlich wissenschaftlichen Experimente seines Vaters fort.
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In seinem Garten laufen Hühner mit Hundeköpfen und Ziegen mit Entenköpfen herum. Seine gewagteste Schöpfung aber ist seine „Tochter“ Bella (Emma Stone): Baxter hat den toten Körper einer schwangeren Selbstmörderin reanimiert und ihr das Gehirn des ungeborenen Kindes implantiert. Mit dem bewusst blauäugigen Medizinstudenten Max (Ramy Youssef) wird der Kinozuschauer in das bizarre Reich des Professors eingeführt. Und wie diesem Max gehen auch dem Zuschauer Augen und Ohren über, wenn es nach und nach die makabren Geheimnisse des Hauses erfährt. Und erlebt, wie im Körper einer erwachsenen Frau ein Kleinkind brabbelt und unbeholfen durch die Räume stakst.
Welch eine griffige, giftige Metapher auf toxische Männlichkeit, die sich ihr eigenes, untergebenes Frauenideal erschafft. Nicht zufällig nennt die Tochter ihren Erschaffer Godwin verkürzt „God“. Wie ein Gottvater gebärdet sich der Professor. Und doch geht sein gruseliger Menschenversuch nach hinten los. Denn seine Kreatur entwickelt früh einen eigenen und überaus starken Willen. Der artikuliert sich erst im Schmeißen von Porzellan und im wüsten Herumstochern in Papas Leichen. Dann aber, mit Erwachen der Pubertät, in einer unstillbaren Lust auf Sex.
Wie so viele Väter, kann Baxter seine Tochter nicht loslassen. Und will sie mit dem blassen Studenten verheiraten. Erneut eine männliche Fremdbestimmung und Domestizierung. Aber die Geister, die er rief, wird er nicht mehr los. Bella brennt mit einem windigen Anwalt (Mark Ruffalo) durch, verlässt erstmals das abgeschottete Reich ihres Schöpfers. Und lernt die große weite Welt kennen. In der auch alle anderen Männer sie nur besitzen und für sich haben wollen.
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„Poor Things“ ist ein erneuter Geniestreich des Ausnahmeregisseurs Lanthimos. Wobei man sogar eine schräge Parallele ziehen könnte von dem Erschaffer höchst eigenwilliger Filme zu seinem Frankenstein-Professor. Dafoes Baxter jedenfalls predigt kühl-analytisch die Maxime „Empirie statt Emotionen“. Und gilt das nicht auch für die Kinowelten von Lanthimos? Der hat Ende der nuller Jahre die sogenannte „neue griechische Welle“ im Kino mitbegründet, im Englischen noch treffender als „Greek Weird Wave“ bezeichnet.
Ganz grunsätzliche Fragen: Wer wir sind, wozu wir gemacht werden
Mit seltsam anderen, aufregend eigenwilligen und höchst experimentellen Filmen wie „Dogtooth“ und „Alpen“ wurde er ein Geheimtipp auf Festivals. Bis er dann Großproduktionen mit internationalen Stars drehen durfte, die nicht weniger verstören und das Publikum zugleich schockieren und fesseln: „The Lobster“, „The Killing of A Sacred Deer“ und zuletzt der für zehn Oscars nominierte „The Favourite“, in dem Emma Stone ebenfalls die Hauptrolle spielte.
Lanthimos bricht mit dem klassischen Erzählkino. Mit großem Stilwillen und formaler Strenge erschafft er sich stattdessen surreale eigene Welten, hochartifiziell und superkünstlich, wie man das sonst nur von Federico Fellini oder heutzutage Wes Anderson kennt. Man kann sich gar nicht sattsehen an den überladenen, verfremdeten Dekors, an den verspielten Details, an all den Obskuritäten und Skurrilitäten, die aus seltsam verzerrten Perspektiven, von ganz unten oder mit Fischaugenoptik, eingefangen werden.

Es sind Gegenwelten, der unseren nicht unähnlich und doch ganz anderen Regeln folgend. Und dahinein werden Figuren geschubst, Fremdkörper, die sich behaupten müssen. Es sind, da sind wir wieder beim Frankenstein-Vergleich, kühle, sezierende Versuchsanordnungen, mit denen Lanthimos immer wieder gängige Rollenbilder, Gesellschaftsnormen, Machtverhältnisse und Abhängigkeiten aufbricht. Und ganz grundsätzliche Fragen stellt: Die, wer wie sind – und wozu wir gemacht werden.
Dabei bedient er sich mal an der griechischen Mythologie, („Sacred Deer“), mal an britischer Adelshistorie („The Favourite“) oder jetzt am Gothik-Horror. „Poor Things“ bürstet das altbekannte Frankensteinmotiv gegen den Strich. Nicht die Kreatur ist hier das Monster. Im Gegenteil. Es sind die echten Menschen, die sich als Unmenschen erweisen. Das künstliche Wesen aber zeigt fast als einziges ein menschliches Herz.

Mit seinem achten Film weiß Lanthimos noch einmal zu überraschen. Weil dies seine erste Komödie ist. Auch wenn einem bei dem pechschwarzen, oft makabren Humor das Lachen oft im Halse stecken bleibt. Aber allein die Bodyperformance, die Emma Stone hier hinlegt als 32-Järhige mit der Grobmotorik eines Kleinkindes, ist hinreißend. Und Mark Ruffalo war nie so gut wie hier als windig-verlogener Dandy.
Weibliche Selbstermächtigung und postfeministische Fantasie
Auf ihrer Odyssee durch die Männerwelt wird Bella wieder und wieder zum Sexual-Objekt degradiert. Landet sogar in einem Pariser Bordell. Und ist doch nicht das ewige Opfer männlicher Gelüste. Sondern weiß den Spieß umzudrehen. Und mit naiver Unschuld die Männer gefügig und abhängig zu machen. Da gerät nicht nur das Patriarchat, sondern auch gleich noch der Kapitalismus ins Wanken. Wenn Bella das Geld ihres Entführers für wohltätige Zwecke verschenkt. Oder im Bordell sozialistische Ideen verbreitet.
Am Ende sind nicht die wissenschaftlichen Versuchskaninchen die titelgebenden „Poor Things“, sondern die Männer – wenn sie sich nicht mit den Frauen verbünden. Eine weibliche Selbstermächtigung und postfeministische Fantasie, die ihresgleichen sucht. Dass sie ausgerechnet von Männern stammt – dem Romanautor Alasdair Gray, dem Drehbuchautor Tony McNamarra und Regisseur Lanthimos -, ist eine Pointe für sich.
Filmsatire GB/USA 2023, 144 min., von Yorgos Lanthimos, mit Emma Stone, Mark Ruffalo, Willem Dafoe, Ramy Youssef, Hanna Schygulla



