Noch sechs Wochen, dann ist es wieder so weit. Dann starten die 74. Berliner Filmfestspiele (15.-25. Februar). Für alle Filmliebhaber bedeutet das wieder Ausnahmezustand. Internationale Stars in der Stadt. Rummel auf dem Roten Teppich am Potsdamer Platz. Die Berlinale ist aber auch das größte Publikumsfestival der Welt. Hier ist man nicht nur Zaungast, hier kann man auch selbst Filme schauen.

Das wird in diesem Jahr allerdings etwas schwieriger. Denn die Noch-Berlinale-Chefs, Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und Programmleiter Carlo Chatrian, wurden für ihr letztes Festival zu rigiden Sparmaßnahmen gezwungen. Das soll nicht die Ticketpreise betreffen, die sollen gleich bleiben. Aber dafür wird es weniger Vorführungen geben, der Andrang entsprechend stärker. Und es wird noch schwieriger, an die begehrten Tickets zu kommen.

Carlo Chatrian wird noch mal beweisen, was mit ihm verloren geht

Und das in einem Jahr, in dem Chatrian, der das Festival im Unfrieden verlässt, wohl noch mal allen zeigen will, was er aufbieten kann und was mit ihm verloren geht. Allzu viel ist noch nicht bekannt. Aber mit Lupita Nyong’o als erster schwarzer Jurypräsidentin und Michael Scorsese als Ehrengast, der den Ehrenbären fürs Lebenswerk erhält, hat er schon mal zwei Coups gesetzt. Zu den ersten Gästen, die bereits bestätigt wurden, zählen Adam Sandler, Amanda Seyfried, Carey Mulligan, Jesse Eisenberg und Stephen Fry.

Der erste Publikumspreis, damals noch in Form eines Zeitungs-Bleisatzes ging am 18. Febraur 1974 an Jaime de Arminan  für seinen Film „Die Liebe des Schülers Juan“.
Der erste Publikumspreis, damals noch in Form eines Zeitungs-Bleisatzes ging am 18. Febraur 1974 an Jaime de Arminan für seinen Film „Die Liebe des Schülers Juan“.© picture alliance / Sammlung Richter | Sammlung Richter/LB

Und der inzwischen beendete Streik der amerikanischen Schauspielergewerkschaft könnte ihm in die Hände spielen. Denn viele Studios haben ihre Star-Produktionen nicht im Herbst, auf den Festivals von Venedig und Toronto, gezeigt, weil sie dort eben keine Stars auf dem roten Teppich präsentieren konnten. Da hat sich einiges angestaut. Es wird also spannend, welche Titel Chatrian in den nächsten Wochen bekannt geben wird.

Wie gut, dass die Berliner Morgenpost da eine feine Alternative bietet zu den raren Einzeltickets, die einem oft vor der Nase weggeschnappt werden. Wie in jedem Jahr dürfen wieder zwölf Leserinnen und Leser unserer Zeitung exklusiv und kostenlos die Berlinale besuchen, um die Beiträge des Wettbewerbs zu sichten und am Ende den Publikumsfavoriten daraus zu küren.

Alles, was man mitbringen muss, ist: viel Zeit. Und etwas Sitzfleisch

Wer zu den zwölf Geschworenen gehören will, braucht eigentlich nur Zeit. Etwas Sitzfleisch. Denn pro Tag müssen zwei bis drei Filme gesichtet werden, und das nicht abends in den Galavorführungen. Wie die Internationale Jury wird auch die Leserjury die ersten Vorstellungen der jeweiligen Filme tagsüber besuchen. Da reicht es also nicht, abends nach der Arbeit mal vorbeizuschauen. Der Tag beginnt in der Regel um neun Uhr mit dem ersten Film, zur Mittagszeit gibt’s den zweiten und einen dritten am Nachmittag. Und das ist nur die Kür.

Wer dann immer noch Lust und Kraft hat, kann auch in die anderen Sektionen des Festivals hineinschauen. Beim Berlinale Special oder beim Kinderfilmfestival, im Panorama, im Forum oder in dem Alternativ-Wettbewerb Encounters. Die Jury-Akkreditierung gewährt auch hier freien Einlass.

Im Jahr 2000 ging der Leserpreis, damals in Form eines Victory-Zeichens, an „Magnolia“. Regisseur Paul Thomas Anderson hatte dafür kurz zuvor schon den Goldenen Bär gewonnen.
Im Jahr 2000 ging der Leserpreis, damals in Form eines Victory-Zeichens, an „Magnolia“. Regisseur Paul Thomas Anderson hatte dafür kurz zuvor schon den Goldenen Bär gewonnen.© Shamrockmedia / Norbert Kesten

Die Morgenpost kann in diesem Jahr sogar ein besonderes Jubiläum feiern. Der Publikumsfavorit wurde vor genau 50 Jahren das erste Mal verliehen. Es war eine Zeit, als das Festival sich immer mehr Richtung Kunstkino bewegte und Publikumsfilme fast anrüchig waren. Da war der vom Festival gemeinsam mit unserer Zeitung ausgehandelte Leserpreis eine Art Korrektiv, der ein Gegengewicht darstellte. Inzwichen aber bekommen Filme wie „Magnolia“ (2000), „Nader und Simin“ (2011), „Seefeuer“ (2016) oder „Körper und Seele“ (2017) wieder ganz selbstverständlich sowohl den Goldenen Bären als auch den Leserpreis der Morgenpost. Der erste Gewinner war 1974 der spanische Film „El amor del capitano Juan“ von Jaime de Armiñán.

Die älteste Publikumsjury der Berlinale feiert 50.

Der Preis ging seither an Filme wie Truffauts „Taschengeld“ (1976) oder Ozons „8 Frauen“, Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ (1979), Wolfs „Solo Sunny“ (1980) oder Petzolds „Barbara“ (2012), aber auch an US-Produktionen wie „Rain Man“ von Barry Levinson (1989), „Dead man Walking“ von Tim Robbins (1996) oder „Boyhood“ von Richard Linklater. Corona-bedingt gab es in den Jahren 2021 und 2022 keine Leserjury. Die erste gab es dann wieder im Vorjahr, in dem wieder eine spanische Produktion gewann: „20.000 Arten von Bienen“ von Estibaliz Urresola Solaguren.

Werden Sie also eine(r)der zwölf Geschworenen. Und so wird’s‘ gemacht: Wenn Sie mitmachen wollen, brauchen Sie nur eine kleine Bewerbung schreiben. Bitte geben Sie dabei unbedingt Ihren Namen, Ihr Alter, Adresse, Beruf und Ihre persönlichen Kinofavoriten an – sowie eine Mobilnummer, unter der Sie auch während des Festivals zu erreichen sind. Dem müssen Sie noch ein Passfoto beilegen. Bitte ein Original, keine Kopie, denn sollten Sie in die Jury aufgenommen werden, wird dieses Bild den Festivalausweis zieren. Und ab geht die Post an folgende Adresse:

Berliner Morgenpost, Kulturredaktion, Stichwort: Leserjury, Friedrichstr. 70, 10117 Berlin

Alternativ können Sie sich natürlich aucch online bewerben. In diesem Fall schicken Sie bitte eine Mail an

leserjury@morgenpost.de

und hängen Sie bitte ein Foto im jpg-Format an. Einsendeschluss ist der 27. Januar. Die Gewinner werden dann wie immer unter Ausschluss des Rechtsweges ermittelt und am Sonnabend vor Festivalstart, also am 10. Februar, erstmals am Vormittag zusammentreffen. Auch diesen Termin muss man sich also unbedingt freihalten.

Die Berlinale nicht allein erleben, sondern andere Filmliebhaber kennenlernen, das macht auch viel Spaß: Die Leserjury vom Vorjahr.
Die Berlinale nicht allein erleben, sondern andere Filmliebhaber kennenlernen, das macht auch viel Spaß: Die Leserjury vom Vorjahr.© Funke Foto Service | Reto Klar

Die Leserjury der Berliner Morgenpost ist die mit Abstand älteste Publikumsjury der Berlinale. Und die einzige in der Hauptsektion. Erst in den nuller Jahren kamen auch andere Publikumspreise in den Sektionen Forum und Panorama hinzu. Bis dahin war der Preis der Morgenpost auch der Publikumspreis des Festivals ganz allgemein. Und der Preis hat Strahlkraft, bis ins Ausland. Regisseur Hans Petter Moland etwa wusste nicht, ob man über seine schwarzhumorige Komödie „Ein Mann von Welt“ auch außerhalb von Norwegen lachen würden. Doch dann gewann er den Publikumspreis – und fand noch am selben Tag viele ausländischen Verleiher.

Die kommende Berlinale wird nun also eine besondere. Nicht nur wegen der letzten Ausgabe der Noch-Chefs. Sondern auch wegen des 50-jährigen Jubiläums. Also: Machen Sie mit! Werden Sie Teil der Leserjury. Und entscheiden Sie mit, welcher Film in diesem Jahr der Publikumsfavorit im Wettbewerb wird. Wir drücken die Daumen!