Drama Griechenland 2015 114 min., von Yorgos Lanthimos , mit Colin Farrell, Rachel Weisz, Jessica Barden
Yorgos Lanthinos sollte hier nicht nur deshalb am Anfang stehen, weil man die Chance, endlich einmal das Initital „Y“ zu verwenden, nicht ungenutzt lassen kann. Der griechische Regisseur, geboren 1973 in Athen, hat sich in den letzten Jahren mit sehr merkwürdigen, schönen Filmen einen Namen gemacht.
„Dogtooth“ (2009) handelte von surrealen Erziehungsexperimenten, der zwei Jahre später entstandene „Alpen“ von einem ungewöhnlichen Geschäftsmodell zum Umgang mit dem Tod geliebter Menschen. Lamanthinos’ Filme sind nicht nur auf höchst eigenwillige, markante Weise inszeniert; sie handeln auch immer von den letzten Fragen, die uns alle beschäftigen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wieviel Zeit bleibt uns noch?
Der erste komplett in englischer Sprache gedrehte Film „Lobster“ setzt diese Tradition in derselben Handschrift fort – diesmal mit namhaften Schauspielern wie Colin Farrell, Rachel Weisz, Léa Seydoux und John C. Reilly. Sein Inhalt klingt komplett absurd, ist aber eigentlich das Gegenteil davon. Er spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der es Menschen verboten ist, Single zu sein. Wer seinen Partner verliert, wird in ein Hotel gebracht. Dort hat er 45 Tage Zeit, um einen neuen Partner zu finden. Wenn ihm das nicht gelingt, wird er in ein Tier seiner Wahl verwandelt. Colin Farrell spielt in der Hauptrolle einen Mann namens David, der von seiner Frau verlassen wird und deshalb ins Hotel einziehen muss.
Die Hotelgäste bekommen wie in einer marxistischen Kaderschmiede eingetrichtert, warum das Leben zu zweit sinnvoll ist – weil man einander helfen kann, weil es vor Gewalt Dritter schützt, solche Dinge. Wer heimlich im Hotelzimmer masturbiert, wird öffentlich gefoltert, indem seine Hand in den Röstschlitz eines Toasters geschoben wird. Und in ihrer Freizeit gehen die Hotel-Insassen auf die Jagd: Denn draußen in den Wäldern hat sich eine Gruppe überzeugter Einzelgänger gefunden, die vom Dogma der Zweisamkeit nichts wissen will und es in ihr Gegenteil verkehrt hat: Wer in der Rebellengruppe einen Flirt wagt, muss damit rechnen, dass ihm die Lippen zerschnitten werden. David schließt sich der Gruppe an – und verliebt sich.
Man findet als Zuschauer sehr schnell Anschluss an diese Geschichte, folgt ihrer eigenwilligen Logik. Und das liegt natürlich daran, dass es sich hier überhaupt nicht um eine absurde Geschichte handelt – sondern um den gelungenen Fall einer Dystopie. Der französische Autor Michel Houllebecq beschrieb schon Ende der 90er-Jahre in seinem Roman „Ausweitung der Kampfzone“ eine Gesellschaft, in der öffentliche Werturteile und Ideale in Privatbereich diffundieren und ihn damit aufzulösen beginnen. Nichts anderes tut dieser Film: Er denkt etwas weiter, das wir alle kennen.
Allenthalben wird uns die Lebensform der Partnerschaft als heiliges Ideal verkauft. Der Status des Singles gilt bestenfalls aus vorübergehend und meistens als defizitär. Was wäre nun, mit Kant gefragt, wenn dieses Ideal Gegenstand einer allgemeinen Gesetzgebung würde? Dieser Film führt es vor. Es ist nicht immer lustig.
Auch wenn „The Lobster“ (David möchte sich gern in einen Hummer verwandeln lassen, falls er scheitert), immer wieder durch komische Momente glänzen kann, bleibt er seinem Wesen nach doch ein sehr trauriger Film, der von Verlorenen unter Verlorenen handelt.
Dazu trägt auch die eigenwillig emotionslose Sprechweise bei, die Lamanthinos seinen Darstellern auferlegt. Selten hat man Schauspieler so wenig schauspielern gesehen. Aber das ist, zumindest in den ersten zwei Dritteln des Films, wirkungsvoll genug. „The Lobster“ ist einer der sonderbarsten, besten Liebesfilme der letzten Zeit.
Felix Müller

