Sieht eigentlich ganz alltäglich aus. Ein Arzt trifft sich mit einem Jungen in seinem Krankenhaus. Es könnte sein Sohn sein, aber warum gibt er ihn dann vor Kollegen als Freund der Tochter aus? Hat der Familienvater etwa einen Sohn aus einer geheimen unehelichen Beziehung? Oder, schlimmer noch, hat er selbst was mit dem Minderjährigen? Nichts ist, wie es scheint in dem Film „The Killing of a Sacred Deer“.

Die Auflösung ist erst mal banal. Der Junge, Martin (Barry Keoghan), ist der Sohn eines Patienten, der Dr. Steven Murphy (Colin Farrell) bei einer Operation gestorben ist. Jetzt kümmert er sich, wohl aus Mitleid, vielleicht auch aus schlechtem Gewissen, ein wenig um ihn. Aber Martin möchte deutlich mehr Zuwendung. Immer wieder drängt er sich dem Arzt auf, was dem zunehmend peinlich ist. Lädt ihn sogar zu sich nach Hause ein. Und will ihn mit seiner Mutter (Alicia Silverstone) verkuppeln. Als Murphy jeden Kontakt abbrechen will, steht Martin ungerührt vor seinem Wohnhaus. Und macht sich auch an seine Tochter ran.

Erst versagen die Beine, dann bluten die Augen

Und dann geschieht etwas Alarmierendes. Murphys kleiner Sohn klagt über taube Beine. Ärztliche Untersuchungen ergeben nichts, aber immer wieder fällt er um, kann bald nicht mehr gehen und will auch nicht mehr essen. Wieder steht Martin vor Murphy. Und warnt, als nächstes würden die Augen bluten, dann würde der Bub sterben. So werde es jedem aus Murphys Familie ergehen, erst seiner Tochter, dann seiner Frau (Nicole Kidman). Wenn Murphy nicht Martins Vater wird.

Der Fremde in meiner Familie: Dieser Plot speist ein ganzes Subgenre an Psychothrillern. Von „Der Feind in meinem Bett“ bis „Die Hand an der Wiege“: Immer wieder geht es um gestörte Menschen, die sich das Vertrauen einer gutgläubigen Familie erschleichen und diese dann mit Lust zerstören wollen. Vor allem im US-Kino, wo dies als Grundangriff auf die ur-amerikanische Zelle („My home is my Castle“) angesehen und entsprechend rabiat bekämpft wird.

Der Doktor und der ihn stalkende Martin  (Barry Keoghan)
Der Doktor und der ihn stalkende Martin (Barry Keoghan) © Alamode | Alamode

Nun hat sich der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos diesem Plot angenommen. Aber auf ganz andere und umso verstörendere Weise. Lanthimos ist mit „Attenberg“ bekannt geworden und spätestens mit „The Lobster“, ebenfalls mit Colin Farrell, im internationalen Kino angekommen. „Lobster“ war ein nicht weniger irritierendes Werk, in der in einer nicht ganz fernen Zukunft Singles 45 Tage Zeit haben, um sich einen neuen Partner zu suchen, ansonsten werden sie in ein Tier verwandelt. Immerhin eins ihrer Wahl.

In „The Killing of a Sacred Deer“ scheint der junge Martin über übernatürliche Kräfte zu verfügen. Denn wirklich versagen bald auch der Tochter die Beine. Und die Gattin, die schließlich doch mal eingeweiht werden muss, reagiert, wie Nicole Kidman in all ihren guten Rollen agiert: hochneurotisch. Die scheinbare Familienidylle, die es sonst im Genre zu verteidigen gilt, sie erweist sich hier als höchst brüchig. Und schließlich muss, der Titel deutet es an, ein Opfer gebracht werden. Nur welches, bleibt bis zuletzt offen.

Martin macht sich auch an die Tochter des Arztes heran
Martin macht sich auch an die Tochter des Arztes heran © Alamode | Alamode

Lanthimos erweist sich hier als souveräner Autorenfilmer, der nicht üblichen Genrekonventionen mit billigen Schockelementen folgt. Es passiert lange recht wenig, es dauert, bis der Film zu sich findet – und der Zuschauer zu ihm. „The Killing“ lebt vor allem von seiner bedrückenden Atmosphäre, der Stille, der Leere, dem Unausgesprochenen zwischen den Figuren. Und sirrende Geigendissonanzen evozieren von Anfang an eine unbestimmbare, aber allgegegenwärtige Bedrohung.

Das Kammerspiel lebt vor allem von seinen Schauspielern und den Kokons, in die sie ihre Figuren gesponnen haben. Gänsehaut stellt sich hier auf andere Art ein. Vor allem der Schluss ist beklemmend böse. Das Grauen drängt hier nicht, wie üblich, von außen in eine Familie. Die Familie, so wird bald klar, ist selbst ein Grauen.