Film

Kabale und Hiebe: der Film „The Favourite“

Gefährliche Liebschaften: Das für zehn Oscars nominierte Drama „The Favourite“ wartet gleich mit drei starken Schauspielerinnen auf.

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Es ist nicht das Zeitalter für Frauen. Das sehen wir gleich zu Beginn, wenn die verarmte Adlige in einer Kutsche von einem lüsternen Herrn drangsaliert wird. Und weil sie sich verweigert, beim Ausstieg einen derartigen Fußtritt verpasst bekommt, dass sie in einer Dreckpfütze landet. Welch ein Bild: Derart derangiert und verdreckt kommt Abigail Masham (Emma Stone) Anfang des 18. Jahrhunderts an den Hof der Königin. Die junge Frau hat alles verloren, die Ehre, die Sicherheit. Ihr Vater hat sie beim Wettspiel verhökert. Geblieben ist nur der trotzige Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Ist es doch ein Zeitalter für Frauen? Sarah Churchill (Rachel Weisz), die Duchess of Marlborough, hat es am Hof von Königin Anne (Olivia Colman) bis ganz nach oben gebracht. Während die launische, von Gicht und Verdauungsproblemen geplagte Majestät tagelang nur in ihren Gemächern jammert, lenkt eigentlich die Herzogin die Geschicke der Nation. Sie schenkt der Queen Zärtlichkeiten – und unterhält einen teuren Krieg gegen Frankreich.

Wann gibt es das, ein Film mit drei starken Frauen?

Dabei muss sie sich aber immerzu gegen männliche Hofschranzen behaupten. Jetzt noch für ihre gefallene Cousine zu sorgen, passt ihr gar nicht. Aber weil die Königin Gefallen an Abigail findet, wird sie zur Kammerzofe ernannt. Ein rasanter Aufstieg, an dem das Mädchen so viel Gefallen findet, dass Sarah sie bald wieder loswerden will. So beginnt ein Spiel von Ränken und Intrigen, bei dem am Ende keiner ungeschoren davonkommt.

Durch die aktuellen Debatten um Gender und Equality und angefeuert durch die MeToo- und Time’s-up-Bewegungen wird die Rolle der Frau neu hinterfragt. Auch im Kino. Im Historienfilm werden weibliche Protagonisten gern als von Männern unterdrückte Wesen gezeigt, die ins Korsett geschnürt werden. Wie gerade in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ zu studieren ist, der vergangene Woche ins Kino kam. Da überrascht nun „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“, dieses gänzlich gegen den Strich gebürstete Drama des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos. Die Frauen zeigen hier durchaus Stärke und Machtwillen. Und auch wenn ihnen stets Männer in die Quere kommen, wissen sie die zu manipulieren und für ihre Zwecke zu nutzen. Im Weg stehen sich die verwegenen Ladys eigentlich nur gegenseitig. Eine vertrackte Dreiecksgeschichte.

Es trifft sich gut, dass „The Favourite“ just in dieser Woche ins Kino kommt, da er am Montag zehn Oscar-Nominierungen erhalten hat und als einer von zwei großen Favoriten ins Rennen um den Filmpreis geht. Das ist außergewöhnlich genug. Denn wie oft, bitte schön, kommt das schon vor, dass ein Film gleich mit drei Hauptdarstellerinnen aufwartet und alle Herren bloß Nebenrollen bekleiden? Und wie oft, dass gleich alle drei Schauspielerinnen dafür nominiert werden?

Königin Anne (1665–1714), Enkelin von Maria Stuart und überhaupt die letzte Stuart auf dem Thron, ist von allen englischen Monarchen vielleicht die unbekannteste Figur. Dabei vereinigten sich zu ihrer Zeit England und Schottland zu Großbritannien, festigte sich das Kabinettsystem. Und entschied sich im Spanischen Erbfolgekrieg der Kampf um die Vormachtstellung in Europa.

Aber Letzteres, zeigt uns der Film, sind die Ränke von Sarah. Während Anne, die trotz 17 Schwangerschaften kinderlose Königin, unter Depressionen, Haut- und Gelenkproblemen und jähen Gemütsschwankungen leidet. Dass Sarah Churchill, eine Vorfahrin Winston Churchills, ihre engste Beraterin war, ist verbürgt, auch dass beide erotische Bande knüpften, wird seit Jahrhunderten kolportiert. Bis in ihren letzten Jahren Abigail Masham Annes Favoritin wurde.

Yorgos Lanthimos hat noch nie einen Historienfilm gedreht. Der Regisseur steht für ganz eigenwillige, sperrige, verstörende Dramen wie „The Lobster“ oder „The Killing of A Sacred Deer“, die von seltsamen Parallelwelten handeln und doch ganz viel über uns und unseren Umgang miteinander erzählen. „The Favourite“ ist in gewisser Weise sein zugänglichstes Werk. Er schert sich nicht um Etikette oder historisch korrekte Bilder, legt die Geschichte vielmehr wieder als sehr modernes Drama und Spiegel unserer Zeit an. Dabei verkehrt er die Genrekonventionen. Es sind die Herren, die hier gepudert und mit überkandidelten Perücken aufwarten, während die Frauen oft ohne Schminke, fast pur auftreten.

In Emma Stone hat Lanthimos eine Abigail gefunden, die bewusst modern und in den alten Röcken fremd wirken soll. In Rachel Weisz findet sie eine ebenbürtige Gegnerin. Die Offenbarung aber ist Olivia Colman, die mit Königinnendarstellungen schon erfahren ist und Clare Foy in der Serie „The Crown“ als Elizabeth II. beerbt hat. Ihre mal schwache, mal lächerliche, dann wieder auftrumpfende Queen Anne hat ihr zu Recht schon einige Preise eingebracht.

Auch darstellerisch sind diese gefährlichen Liebschaften ein wahres Fest. Wobei die Sympathien ständig schwanken. Während Susan anfangs die eiskalt berechnende Intrigantin ist und Abigail die Sympathieträgerin, wandelt sich das Kräfteverhältnis bald.

Man kann sich herrlich unterhalten bei diesem so entrückt scheinenden Intrigantenstadl. Und doch muss man sich fragen – in Zeiten des Brexits, wo uns die Briten wieder sehr fremd sind, aber auch bei all den Potentaten à la Trump und Putin –, ob sich in der Politik so viel geändert hat oder ob große Entscheidungen heute nicht auch aus bloßen Launen heraus getroffen werden.