Das Jahr 2016 ist jetzt gute sechs Wochen alt. Ich bin immer noch ganz erstaunt, wie voll es in meinem Fitnessstudio ist – normalerweise hält die Welle der „Ich-will-meinen-Winterspeck-loswerden“-Sportler nur bis Ende Januar an.

Ich habe sogar das Gefühl, dass Berlin gerade von einem neuen Trimdich-Wahn heimgesucht wird. Neulich sind mir an einem Tag gleich drei arme Jogger fast vor das Auto gelaufen. Zum Glück habe ich sie dank ihrer makellos neuen Laufjacken mit schicken Reflektorstreifen auf den ersten Blick gesehen.

Und auch das Schwimmbad an der Landsberger Allee ist derzeit scheinbar ausschließlich von Kampfschwimmern bevölkert. Wo sonst Hausfrauen und Omis ihre Runden drehen, wird man nun von gestählten Körpern mit Badekappen und Schwimmbrillen gnadenlos umgemäht, wenn man nicht schnell genug aus dem Weg gepaddelt ist.

Martiallisch und verstörend

Auffällig ist auch, wie sich Studios und Anbieter von Fitnesskursen gerade mit skurrilen Bezeichnungen für ihre Trainings überbieten. Es ist ein bisschen so wie früher, als ich sonnabends mit meiner Mutter auf den Wochenmarkt ging und die Marktschreier ihr Angebot durch die halbe Stadt brüllten. „Bananen, Bananen, Bananen, Bananen, das Kilo für Einemarkundachtzig.“ Und so weiter. Außer der Neonfarben auf den Internetseiten der Sportanbieter brüllt zwar jetzt keiner, aber das ganze kommt ähnlich aufdringlich daher.

Eine kleine Auswahl der aktuell in Berlin angebotenen Kurse: „Fire Drill - get lean mit Micha“, „Jawbreaker“ oder „Gladiator - get strong mit Alex“. Auch im Angebot: „Pound Rock Hard“, ein Kurs namens „Shredded“ oder „Hot Iron 2“.

Ziemlich martialisch klingt das alles – und etwas verstörend, wenn ich ehrlich bin. Da wird der Kiefer gebrochen, der Körper durch Feuer und heiße Eisen gedrillt und zerschreddert. Sport ist ein Kampf um Leben und Tod, so lautet die Botschaft. Sport muss wehtun. Und wehe, irgendjemand hat hier Spaß.

Starke Männer in Unterhemden

Ein bisschen erinnert mich das an die Sport- und Heldenfilme der 80er-Jahre. „Rocky“ zum Beispiel oder das Armdrück-Epos „Over the Top“.

Da ging es um starke Männer in Unterhemden, um glänzenden Schweiß und um einen Kampf, bei dem nichts weniger als Würde, Familienehre und das nackte Überleben auf dem Spiel standen. Vor dem Training wurden 12 rohe Eier mit Hering runtergewürgt. Und nach dem Sieg eine Flasche Scotch geext und eine Zigarre gekaut.

So ähnlich ist das heute auch, nur dass alle nach dem Training einen Eiweißshake mit Himbeeraroma trinken und mit dem Carsharing-Mobil zurück in ihre Eigentumswohnungen fahren. Da wird dann das Fitnessarmband mit dem Smartphone synchronisiert – und wehe, man hat sein Tagesziel an zurückgelegten Schritten und Stufen nicht erfüllt.

Frustrierte Hobbysportler neigen dann ja dazu, zu Edeka zu gehen und sich eine Tiefkühlpizza und einen halben Liter Ben&Jerry’s-Eis mit Karamellkern zu kaufen. Dann sind sie am nächsten Tag natürlich noch frustrierter und rennen zum nächsten martialischen Fitnessstudio-Kurs. Das Drama fängt also immer wieder von vorne an.

Viel Spaß in der Hairforce One

Warum erfindet nicht jemand einen Fitness-Kurs wie „You are wonderful - fühl’ dich einfach nur gut und gib dein Bestes mit Rita“ oder „Wenn du willst, beweg dich und bleib sonst auf deiner Matte liegen mit Karl-Heinz“? Das sind schöne Namen. Und am Ende hätte niemand ein Frusterlebnis.

Apropos Namen und Frust: Toll finde ich ja die Namensfindung von Friseuren. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber hier gibt es offenbar eine Affinität zu oberkreativen Bezeichnungen, vor allem in Berlin. In Kreuzberg etwa gibt es den Salon „Haarspree“, in Schöneberg das „Pony and Clyde“, den „Liebhaarber“ in Mitte und die „Hairforce One“ in Schöneberg. Exotisch geht es bei „Haarwaii“ in Ahrensfelde zu.

Friseure sind lustige Kerlchen. Einfach hairlich sozusagen. Doof ist nur, wenn man nachhair schlimmer aussieht als vorhair.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

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