Eine Arbeitskollegin postete kürzlich auf Facebook, dass sie gerade im Fitnessstudio gewesen war. „Guter Start ins neue Jahr!“, schrieb sie dazu, was mich ziemlich beschämte, weil ich zur gleichen Zeit mit Butterkeksen auf dem Sofa herumlag.

Mir fiel auf, dass ich zum ersten Mal wirklich gar keinen guten Vorsatz fürs neue Jahr gefasst hatte. Mehr Sport, gesünderes Essen, eine bessere Work-Life-Balance? Nix da. Aber gut: Wenn man ehrlich ist, enden die meisten Vorsätze ohnehin spätestens Ende Januar dort, wo ich bereits am Anfang war: unter der Decke auf der Couch. Also kann man es auch gleich lassen – und einfach realistisch sein.

Nur einen Tag später habe ich diese Meinung dann allerdings grundlegend revidiert. Und nachträglich einen Vorsatz für 2016 und am besten auch gleich 2017 gefasst: „Gehe! Niemals! Kurz! Nach! Den! Feiertagen! Zu! Ikea! Niemals!“ Und das kam so.

Die gesamte Menschheit in einem Möbelhaus

Wir brauchen einen neuen Kleiderschrank. „Ach komm, lass uns doch zu Ikea fahren und mal ein bisschen gucken“, sagte ich. „Ihr Weihnachtsgeld haben die Leute doch schon im Dezember ausgegeben, das ist jetzt alles super entspannt.“ Also fuhren auch wir super entspannt die Landsberger Allee hoch in Richtung Lichtenberg, wo es ja seit ein paar Jahren auch eine Filiale des schwedischen Möbelhauses gibt. Super praktisch ist das, weil man als Pankower nicht mehr bis nach Spandau oder Tempelhof fahren muss.

Nicht so super: Der Rückstau der Autos, die auf den Ikea-Parkplatz abbiegen wollten, war gute Hundert Meter lang. Offenbar wollten nicht nur wir an diesem Tag „mal ein bisschen gucken“, sondern der gesamte Rest der Menschheit auch.

Mehr als ein „Öhm“ brachte ich nicht heraus, als wir uns der Auffahrt näherten, zumal die elektronische Anzeige der freien Parkplätze so gnadenlos abwärts zählte, wie der Countdown zu Silvester: 5,4,3,2,1 – BESETZT. Drei Runden gurkten wir schließlich umher, bis wir uns wartend vor einen kleinen Polo stellten, der von einem Mann und einer Frau mit einem großen Sofa beladen wurde. Nach nur 37 Minuten Wartezeit war der Parkplatz unserer.

Ikea ist ein Spielzeugladen für Erwachsene

Man muss sagen:Ikea macht seine Sache schon ziemlich gut. Anders ist es nicht zu erklären, dass Menschen, die eigentlich nur ein paar Duftkerzen und Servietten kaufen wollten, am Ende den ganzen Kofferraum voller Pakete haben. Oder spontan eine Robbe mieten müssen, um den Krempel samt Zimmerpalme nach Hause zu schaffen.

Ikea ist ein Spielzeugladen für Erwachsene, denen egal ist, dass alle anderen exakt das gleich Spielzeug haben. Die gern mit Billy zusammenwohnen und mit seinen Freunden Malm, Pax und Expedit.

Drinnen sah es dann aus, als gäbe es was umsonst. Oder als habe dieser Ikea nur an diesem einzigen Tag im Jahr geöffnet – als einzige Filiale im ganzen Land. Im proppenvollen Foyer gleich hinter der Drehtür wickelte ein Vater angesichts überfüllter Waschräume in dem dort aufgebauten Musteresszimmer auf einem Musterstuhl sein Kind. Oben arbeitete sich der Besucherstrom nur im Schneckentempo voran – eine Polonaise des Wahnsinns mit gelben Tragetaschen aus Polypropylen.

Pingpong mit Bratpfannen

In der Couchlandschaft war jedes zweite Sofa mit erschöpften Menschen besetzt. In der Bettenabteilung nahmen sich die Kunden besonders lange Zeit, um auf den Matratzen Probe zu liegen. Bei den Esszimmern vertrieben sich Kinder die Zeit, indem sie mit Bratpfannen aus der Küchenabteilung und einem Plastikball (ich tippe als Quelle auf einen Grabbelkorb in der Dekoecke hinter den Bilderrahmen) Pingpong spielten.

Als wir irgendwann bei den Kleiderschränken ankamen, geschah das ohne unser Nervenkostüm – das war irgendwo zwischen Micke, Ingolf und Ingatorp hängen geblieben. Wir fuhren also ohne Schrank nach Hause. Und auch ohne obligatorischen Hotdog, weil die Schlange der völlig ausgehungerten Menschen einfach viel zu lang war.

Ich glaube, bei mir wird es jetzt auch Zeit für ein Update bei Facebook. „I survived Ikea!“ Da werden die anderen aber gucken.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

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