Neulich hat eine Freundin von mir Geburtstag gefeiert. Sie hat seit ein paar Monaten ein Baby, deshalb haben wir uns nicht die Nacht in irgendeiner Kneipe um die Ohren geschlagen, sondern ganz brav einen Sonntagsbrunch gemacht. Noch mehr Gäste brachten ihren Nachwuchs mit, was einen Kumpel von mir ein wenig wehmütig machte: „Mehr Kinder als Bierflaschen hier“, sagte er, während er missmutig seine Kürbissuppe löffelte. Tja, so ist das wohl, wenn man langsam erwachsen wird.
Was auch auffällig war: Es waren nur ganz wenig Singles auf der Geburtstagsfeier. Fast alle sind mittlerweile irgendwie verbandelt, mit sanierter Dreizimmerwohnung in Prenzlauer Berg, Mitte oder Neukölln. Eigentlich komisch, denn offiziell ist Berlin sogar Hauptstadt der Singles – und die Stadt der vielen Möglichkeiten.
Die jüngste Statistik gibt so auch an, dass 41 Prozent der Menschen hier ledig sind. Bundesweit liegt dieser Anteil bei nur 29 Prozent – so niedrig war er in Berlin seit 1996 nicht. Wie kommt das bloß? Laufen hier nur hässliche Menschen rum? Besteht die Mehrheit der Berliner im heiratsfähigen Alter aus beziehungsgestörten Sozialphobikern? Oder ist es tatsächlich so, dass sich keiner festlegen will in der Hoffnung, dass doch noch was besseres um die Ecke kommt?
Ein putzender Prof. Dr. Sportwissenschaftler
Auf der Suche nach Antworten habe mich für Sie auf dem Berliner Singlemarkt umgesehen. Das ist nicht schwer, der hat sich ja komplett ins Netz verlagert, seit kein Mensch mehr auf „Fisch sucht Fahrrad“-Parties geht. Außerdem verliebt sich laut einschlägiger Werbung ja alle elf Minuten ein Single über Parship, wobei ich mich frage, warum dann überhaupt noch Singles übrig sind.
Ins Auge stach mir in einer Internetbörse als erstes ein „Prof. Dr. Sportwissenschaftler“. Aha, dieser Mann glänzt also mit Beruf und Titeln, denkt man da, doch weit gefehlt. Nein, es geht um einen „sehr attraktiven Mann“ der zur Entspannung auch noch Bilder malt.
Sicher dürfte sich seine Partnerin in spe aber „seiner vollen Unterstützung bei der Haushaltsbewältigung sein“. Da lässt die ambitionierte Singlefrau doch gleich den Putzlappen fallen, um sich Prof. Dr. Sportwissenschaftler an den Hals zu werfen.
„Mr. Wonderful“ wiederum weist auf seine Kinder aus erster Ehe hin, die aber „in einem Eliteinternat am Bodensee bestens versorgt sind.“ Sprich: Es mangelt nicht an Geld und genügend Zeit zum Shoppen ohne Blagen. „Produktionsleiter, 47 Jahre“ schreibt: „Die Nationalität meiner Partnerin spielt für mich nur eine sekundäre Rolle, jedoch sollte sie schon aus meinem Kulturkreis kommen.“ Das ist ja überaus tolerant.
Eine App für Fans von Richard David Precht
Am besten gefallen hat mir ein Herr, der von sich selbst in der dritten Person und in der Vergangenheit spricht: „Als Jugendlicher hat er mal ganz gut Gitarre gespielt.“ Und ich habe als Jugendliche mal einen Vorlesewettbewerb fast gewonnen. Nur, falls es jemanden interessiert.
Angesichts dieses Angebots kann ich sehr gut verstehen, wenn so mancher lieber Single bleibt. Die Dating-App Tinder ist ja auch wieder völlig durch, zumal es dabei nicht wirklich um Beziehungen geht. Aber auch hier kann man viel falsch machen. Zum Beispiel bei der Foto-Auswahl : „Eine nachdenkliche Pose sagt ,er benutzt dich nur’, ein verschwommenes Gesicht mit Hut und Sonnenbrille sagt ,Ich bin unsicher und verstecke mein Gesicht vor dir’“, heißt es in einem Ratgeber-Artikel im Netz. Dass für manche Hut und Sonnenbrille genau das richtige sein könnte, hat der Verfasser wohl nicht auf der Pfanne.
Die App „Willow“ wiederum funktioniert ganz ohne Fotos. Hier können sich Singles tiefschürfende Fragen über das Leben im Allgemeinen und ihr eigenes Leben im Besonderen stellen. Das ist dann aber eher was für Fans von Richard David Precht.
Apropos Precht. „Immer mehr ist immer weniger“, heißt eines seiner Bücher. In Sachen Partnerbörsen stimmt das wohl. „Alle elf Minuten verliert ein Single den Verstand“ – das wäre mal ein Slogan, den ich wirklich glauben würde.

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