Kennen Sie den schon? Kommt ein Pferd in eine Bar. Fragt der Barkeeper: „Warum so ein langes Gesicht?“

Das ist natürlich ein furchtbar schlechter und dazu auch noch despektierlicher Witz (das arme Tier!), aber ich muss ihn an dieser Stelle trotzdem erzählen, weil es hier um ein Kulturgut geht, das bald zu verschwinden droht: Nicht der Witz als solcher, sondern der Mann beziehungsweise die Frau hinter der Bar.

Schuld sind Forscher aus Bielefeld. Auch das noch, möchte man rufen, weil es die Stadt ja in Wahrheit gar nicht gibt, sondern sie nur eine Erfindung der Geheimdienste Mossad, CIA und BND ist, wie jeder halbwegs gebildete Mensch in Deutschland weiß.

An der Uni dieser nicht existenten Stadt jedenfalls gibt es seit einiger Zeit aber ein großartiges Forschungsfeld, von dem ich mich frage, warum es nicht längst nach Berlin geholt wurde: Kneipenkommunikation. Ich behaupte mal, es gibt in unserer Stadt ziemlich viele Menschen, die auf diesem Gebiet durchaus Substanzielles beitragen könnten.

Auf der Suche nach der Stammkneipe

Die Bielefelder haben einen Barkeeper-Roboter namens „James“ entwickelt, der anhand von Mimik und Gestik herausfinden soll, wann einer der Gäste einen Drink ordern möchte – und wann er nur sinnlos am Tresen herumlungert. Denn klar artikulierte Bestellungen sind ja in einer Kneipe wegen der lauten Musik, des lauschigen Lichts und manchmal auch wegen der Nebelwand aus Nikotin selten. Mitunter kommt eine eigentümlich verwaschene Aussprache der promilleseligen Gäste hinzu.

Bislang macht „James“ seine Sache offenbar ziemlich gut, wie einer seiner „Väter“ kürzlich berichtete. Die Herausforderung bei der ganzen Angelegenheit sei, dass der Roboter lernen müsse, das menschliche Verhalten zu begreifen. Eine Bar ist da natürlich ein schwieriges Umfeld, zumal das Verhalten der Gäste ab einer gewissen Uhrzeit nicht mehr so richtig menschlich ist. In Berlin jedenfalls ist das so.

Einerseits würde ich, würde „James“ in Berlin arbeiten, auch mal in seine Bar gehen. Es muss einfach toll sein, einen Gin Tonic zu bestellen und auch einen Gin Tonic zu bekommen und nicht eine Kirschsaftschorle (passierte mir in der Oranienstraße in Kreuzberg).

Oder wenn es einfach mal so läuft wie bei jenen Menschen, die sich nur wortlos an den Tresen setzen und umgehend vom Barkeeper ihr Bier serviert bekommen. Ich habe es bislang noch nie soweit geschafft. Wegen der großen Auswahl habe ich einfach keine Stammkneipe in Berlin.

Rausch und Realitätsverlust als schöpferisches Element

Auf der anderen Seite macht mir der technische Fortschritt ja aber auch ein wenig Angst. Irgendwann werden wir alle angeblich durch Roboter ersetzt, aber an die Speerspitze dieser Bewegung mag ich mich eigentlich nicht stellen.

Schon gar nicht in einer Bar, der ja immer noch der Nimbus großer Literaten und Bohemiens wie Hemingway, Joyce oder Fitzgerald anhängt, die sich gepflegt vollaufen ließen, um danach ihre Weltbestseller zu schreiben. Rausch und Realitätsverlust als schöpferisches Element – da hat ein Roboter irgendwie nichts zu suchen.

Es gibt aber andere Bereiche, in denen ein verständnisvoller Roboter Sinn machen würde. Wer jemals beobachtet hat, wie ortsunkundige Touristen – selbst deutschsprachige – an den drölfhundert Optionen am BVG-Automaten verzweifeln, weiß, was ich meine. Wie schön wäre es, wenn die Maschine nur aufgrund der Körpersprache des Gegenübers erkennt, welches Ticket gewünscht wird.

Verzweiflung erlebe ich manchmal auch beim Einkaufen, wenn ich eigentlich nur einen Liter Milch mitnehmen will, aber mit Saftorangen, Tofupastete und Honigwaffeln wieder aus dem Laden komme. Einem Einkaufsroboter würde das nicht passieren.

Diese Kolumne wird übrigens auch bald von einem Roboter geschrieben. Ich muss ihn dann nur mit ein paar Codewörtern füllen und die Maschine weiß genau, was sie dann schreiben soll. Vielleicht habe ich dann endlich Zeit, mir auch mal eine Stammkneipe zu suchen. Ohne Roboter.

Nina Paulsen / Berliner Morgenpost
Nina Paulsen / Berliner Morgenpost© Reto Klar | Reto Klar

Kolumne "Mein Berlin":

Sie stellen ihre Tasche auf den Sitz, drängeln und pöbeln. In Berlins Bussen und Bahnen sind mitunter seltsame Menschen unterwegs.

Über die Stadt wird ziemlich viel gemeckert. Dabei gibt es in Berlin so viel charmanten Wahnsinn und Weltoffenheit, meint Nina Paulsen.

2017, 2018 oder doch später? Eigentlich egal, wann der BER eröffnet. Mit seinem Wellblech-Charme ist der TXL sowieso unwiderstehlich.

Berlin ist Hauptstadt der Ledigen. Kein Wunder, schaut man sich die absurden Angebote in Online-Partnerbörsen an