Ich muss heute etwas beichten: Ich habe in der vergangenen Woche eine touristische Sünde begangen. Einen Fauxpas, über den ich sonst genervt mit den Augen rolle und mich für meine Landsleute schäme, wann immer ich Zeuge dieser Unart werde: eine Pool-Liege mit dem Handtuch zu reservieren.
In meinem Fall handelte es sich nicht um eine Liege und nicht um einen Pool (leider!), sondern um einen Sitz im proppenvollen ICE, der gerade den Berliner Hauptbahnhof verließ. Schon von weitem sah ich, dass dieser einzige Platz noch frei war, also zog ich meine Jacke aus und warf sie über die Reihen hinweg auf den Sitz – an den im Gang stehenden Menschen vorbei, die sich mit ihren riesigen Schrankkoffern im Schneckentempo vorarbeiteten. Ha! Ich empfand eine Mischung aus Triumphgefühl und Scham, als ich mich dann niederließ. Und ich muss sagen: Es tut mir leid.
Aber im Krieg und in der Liebe ist schließlich alles erlaubt – und wenn man ehrlich ist, ist Zugfahren während der Feiertage genau das: eine Schlacht, bei der es wirklich um alles geht.
Das Phänomen der „umgekehrten Wagenreihung“
Schon am Bahnsteig erfasst einen ja das kalte Grauen, wenn man sieht, wie dicht gedrängt die unzähligen Menschen dort stehen. Und was sie alles mit sich herumschleppen. Einen Kontrabass zum Beispiel. Skier. Oder ein leeres Aquarium. Wie soll so viel nur in den heranrollenden Zug hineinpassen? Ich positioniere mich in solchen Situationen immer dort, wo ich den Bistro- oder Speisewagen vermute, weil man dort im Zweifel am ehesten einen Sitzplatz bekommt. Total super ist dann, wenn der Zug völlig überraschend in „umgekehrter Wagenreihung“ zum Stehen kommt, ein Phänomen, das ich nie begreifen werde.
Dann geht am Bahnsteig das große Gerenne los, das als komplettes Gewühl im Zuginneren bis nach Spandau anhält. Froh kann sein, wer es sich in den Abteilvorräumen auf dem Fußboden einigermaßen bequem machen kann. Deutlich unangenehmer ist es vor den Toiletten.
Mein persönliches Highlight erlebte ich bei meiner Heimfahrt aus dem Norden zurück nach Berlin am ersten Weihnachtsfeiertag. Ein Mann hatte auf einen freien Platz neben sich ein rund 1,50 Meter hohes Paket gestellt. Auf die höfliche Nachfrage, ob er seine Fracht vielleicht auf den Boden stellen könne, antwortete er: „Nein. Ich habe für das Paket extra eine Platzreservierung gebucht.“ Da hat sich das Paket bestimmt gefreut. Nächstes Mal reserviere ich einen Sitz für meinen Gummibaum.
Berlin ist vom Pendlerwahnsinn besonders betroffen
Fast zu schön, um wahr zu sein, war die ältere Dame, die im Großraumabteil verkündete, ihre Platzreservierung leider nicht mehr zu finden – zumal sie ihre Brille nicht dabei habe und kaum sehen könne. „Aber ich habe ganz bestimmt eine Reservierung gebucht. Es ist ein Fensterplatz gewesen, so viel weiß ich noch.“ Netterweise machte ihr ein Herr Platz.
Der war aber später einigermaßen verwundert darüber, dass die Dame offenbar problemlos in der Lage war, ohne Brille ein Sudoku in ihrem Rätselheft zu lösen. Ich kann nicht anders, als die Frau für ihre Cleverness zu bewundern.
Berlin ist von dem Pendlerwahnsinn um die Feiertage ja besonders betroffen. Weil hier so viele Zugezogene leben, die wie ich zu ihren Familien in die Heimat fahren. Deshalb ist die Stadt um Weihnachten auch immer komplett leer gefegt. Wer jetzt zurückkommt, darf sich die Züge dann auch noch mit den heranrollenden Silvestergästen teilen.
Lustige Bahn-Ansagen bei Twitter
Gut gefällt mir immer, wenn auch die Bahn in solchen Situationen humorvoll bleibt. Der Twitter-Account @BahnAnsagen sammelt lustige Durchsagen, die man sich gut mal durchlesen kann, wenn man mal wieder stundenlang im Gang stehen muss.
Kostprobe: „Dieser Zug hat aufgrund des normalen Freitagnachmittagswahnsinns derzeit eine Verspätung.“ Gut zu wissen. Oder: „Heute ist zwar nicht Freitag der 13., aber wir haben definitiv kein Glück.“ Passt immer.
Froh bin ich, nicht bei dieser Ansage an Bord gewesen zu sein: „Bitte beachten Sie, dass dies ein Nichtraucherzug ist und zu viel Deo im Abteil den Feueralarm auslösen kann!“

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