Seit einigen Tagen gibt es ein sehr beliebtes und oft geteiltes Video im Internet. Es zeigt einen Berliner Busfahrer bei der Arbeit. Für sich genommen ist das noch kein Grund für überbordende Begeisterungsstürme (er fährt immerhin nicht S-Bahn). Aber in diesem Fall ist es dennoch etwas Besonderes.
Denn der Busfahrer lebt und arbeitet in Wien, die Liebe zog ihn dorthin, und nun erfreut er die Fahrgäste in seiner neuen Heimat mit viel Herz und noch mehr Berliner Schnauze, vor allem bei den Lautsprecherdurchsagen in seinem Bus – nach dem Motto: „So liebe Fahrjäste, halten Se sich alle jut fest.“ Die Wiener lieben ihn dafür. Und die Berliner noch viel mehr, seitdem sie von dem netten Mann wissen.
Ich glaube, so etwas ist Balsam für die mitunter ziemlich geschundene Berliner Seele: Ein normaler Mensch ist einfach mit seiner Fröhlichkeit und seinem Charme ein Botschafter für die Hauptstadt geworden. Wie schön! Denn sonst sind es ja vor allem Schreckensnachrichten, die die Welt jenseits der Stadtgrenzen von Berlin erreichen.
Immer wieder hört man, was Berlin nicht auf die Reihe bekommt
Der BER zum Beispiel: die größte Peinlichkeit der Stadt, für die sogar extra eine neue Vokabel erfunden wurde. Das „Terminband“. Das „Eröffnungsdatum“ war den Verantwortlichen des geplanten Hauptstadtflughafens wohl einfach zu schnöde und zu konkret.
Und dann der öffentliche Nahverkehr: Selbst meine Freunde aus Hamburg, wo um 22 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden und keine Bahn mehr fährt (jawohl!), machen Witze darüber.
Die Bürgerämter: So heillos überfüllt, dass man sich am besten schon mit Mitte 30 einem Termin besorgt, damit die Nachfahren im Jahr 2075 eine Chance haben, rechtzeitig die Sterbeurkunde für die Formalitäten zu bekommen. Die Straßen: Voller Schlaglöcher. Die Radwege und die Bürgersteige auch. Und dann das Chaos am Lageso: Eigentlich eine noch größere Peinlichkeit als der BER und vor allem eine Schande, die es so gar nicht geben dürfte.
Ja, das sind so die Nachrichten, mit denen Berlin in letzter Zeit auf nationaler und internationaler Bühne glänzt. Schön ist das nicht – und irgendwie mag man manchmal gar nicht mehr hören, was unsere Stadt wieder mal alles gerade nicht auf die Reihe bekommt.
Mein Einruck ist, dass selbst die Großevents nicht viel daran ändern. Ein Feuerwerk über dem Brandenburger Tor, die Begrüßung der Fußball-Weltmeister in einer freudentaumelnden Menschenmenge, die wunderbare Lichtgrenze zum 25. Jahrestag des Mauerfalls – alles große Bilder und große Gefühle. Aber irgendwann sind die Lichter eben auch wieder aus.
Ähnlich schön war die Geschichte von Knut und Thomas Dörflein

Und jetzt: einfach ein ganz normaler Mensch. Ein netter Busfahrer. Und alle freuen sich. Ähnlich schön war ja auch die innige Freundschaft zwischen Eisbärchen Knut und seinem Pfleger Thomas Dörflein, der das Tier in liebevoller Handarbeit aufzog und ihm nur kurz nach dessen Tod in den Himmel folgte. Was für eine Geschichte.
Und das ist doch eigentlich das Tolle in Berlin – neben der Verheißung von Wahnsinn, Weltoffenheit und Abenteuer, die so viele hierher zieht: Dass es so viele Menschen hier gibt, die den Alltag mit ihrem Charme und ihrer Fröhlichkeit ein bisschen schöner machen. Zum Beispiel die nette Frau an der Kasse beim Kaiser’s in meinem Kiez, die immer ein Lächeln für ihre Kunden übrig hat, obwohl sie bereits seit Stunden Lebensmittel über den Scanner zieht.
Die Studentin, die in der Tram für die Omi aufsteht. Die Nachbarn, die bei mir um die Ecke wohnen, und auf einer kleinen Grünfläche neben dem Gehweg Sonnenblumen gepflanzt haben, die im Sommer schon fast meterhoch in den Himmel ragen.
Es sind Menschen, die allen Klischees von der großen, grauen Stadt, die nichts auf die Reihe kriegt, trotzen. Weil sie jeden Tag mit einem Lächeln für ein kleines Wunder sorgen können und man sich daran erinnert: Es ist ja nicht alles schlecht in Berlin. Auch wenn manchmal ziemlich viel gemeckert wird.

Kolumne "Mein Berlin":
Zu Ikea kurz nach den Feiertagen? Eine ziemlich doofe Idee. Malm, Pax und Expedit können einen wirklich fertig machen.
Die Bahnen von und nach Berlin sind brechend voll – auch wieder vor Silvester. Wer einen Sitzplatz ergattert, kann glücklich sein
2017, 2018 oder doch später? Eigentlich egal, wann der BER eröffnet. Mit seinem Wellblech-Charme ist der TXL sowieso unwiderstehlich.
Berlin ist Hauptstadt der Ledigen. Kein Wunder, schaut man sich die absurden Angebote in Online-Partnerbörsen an.





