Als der jüdische Einwanderer Josef Garbáty 1906 seine Zigarettenfabrik in Pankow erbauen ließ, legte er den Grundstein für eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Doch die Politik der Nationalsozialisten führte zur Enteignung und zur Flucht der meisten Familienmitglieder. In der DDR-Zeit wurden an den Produktionsbändern der alten Zigarettenfabrik noch Marken wie Club, Cabinet und Karo hergestellt, bis der Betrieb eingestellt wurde und die Fabrik zu einer Industrieruine zu verfallen drohte. Erfahren Sie hier alle wichtigen Infos zu dem ehemaligen Lost Place in Berlin.

Das sind die Fakten zur ehemaligen Zigarettenfabrik Garbáty im Überblick:

  • Adresse: Berliner Straße 123, Hadlichstraße 44, 13187 Berlin-Pankow
  • Geschichte: 1906 nach Plänen des Charlottenburger Architekten Paul Ueberholz errichtet; 1913 und 1930 um Neubauten erweitert; 1938 zwangsverkauft; VEB Garbáty in der DDR-Zeit; nach der Wende ab Mitte der 1990er-Jahre Leerstand
  • Führungen: keine
  • Denkmalnummer: Objekt-Nr. 09085260
  • Status: ehemaliger Lost Place. Bis 2012 wurde das Fabrikgebäude zu einem Wohngebäude mit mehr als 160 Wohneinheiten umgebaut

Wo liegt die ehemalige Zigarettenfabrik Garbáty genau?

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Das Werksgelände der ehemaligen Zigarettenfabrik Garbáty liegt in der Berliner Straße 123 im Berliner Ortsteil Pankow des gleichnamigen Bezirks. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist die ehemalige Zigarettenfabrik am besten vom S- und U-Bahnhof Pankow (S1, S2, S8, S25, S85, U2) zu erreichen oder alternativ von der Haltestelle Pankow Kirche (Tram 50, M1, Bus 155, 250, 255, N50).

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der ehemaligen Zigarettenfabrik Garbáty:

Handgerollt aus Pankow: Die Gründung eines Zigarettenimperiums

Berlin ist um die Jahrhundertwende das Zentrum der deutschen Zigarettenindustrie. Einer, der diese Entwicklung von Anfang an mitgeprägt hat: der Unternehmer Josef Garbáty.

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Der jüdische Einwanderer Garbáty hatte sein Zigarettenunternehmen 1881 an der Schönhauser Allee gegründet. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er in Berlin gemeinsam mit seiner Ehefrau Zigaretten und Tabakprodukte in Heimarbeit hergestellt. Im Jahr 1906 verlegte er den Firmensitz seines erfolgreichen Unternehmens nach Pankow, wo er nach Plänen des Architekten Paul Ueberholz Fabrikgebäude an der Berliner Straße und der Hadlichstraße errichten ließ. Neben der Fabrik entstand die Villa Garbáty, der repräsentative Wohnsitz der Familie.

Der Zigarettenfabrikant Josef Garbáty.
Der Zigarettenfabrikant Josef Garbáty.© Centrum Judaicum | Unbekannt

Zigarettenfabrik Garbáty: Erfolg in Europa und Übersee

Garbáty-Zigaretten waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in aller Munde. In vielen Staaten Europas gründete der Unternehmer noch vor dem Ersten Weltkrieg Niederlassungen und vertrieb seine Tabakwaren auch in den damaligen deutschen Kolonien, in Amerika und Asien. Als Papirossi waren seine Zigaretten auch in Russland geschätzt. Bekanntestes Erfolgsmodell der Garbáty-Produktion war die Marke "Königin von Saba" mit dem Konterfei des jungen Josef Garbáty-Rosenthal auf der Zigarettenschachtel. Die Saba-Lkw, die dutzendweise aus den Werktoren der Berliner Straße rollten und die Einzelhändler der Stadt belieferten, kannte damals jeder Berliner.

Zigarettenfabrik Garbáty: Soziales Engagement für die Arbeiter

Als einer der größten Arbeitgeber Pankows war das Unternehmen aufgrund seiner Sozialpolitik sehr beliebt. Für die rund 1600 Beschäftigten gab es auf dem Werksgelände umfangreiche Sozialräume: neben Pausenräumen und Betriebskantine auch eine Bibliothek, einen Werkschor, einen Sportclub, eigene Bäder, eine Betriebswäscherei und eine Betriebszeitung.

Neun Jahre vor der Einführung einer staatlichen Arbeitslosenversicherung ließ der Unternehmer für die Garbáty-Beschäftigten eine Arbeitslosenfürsorge einrichten. Außerdem wurde für die Belegschaft regelmäßige Feste veranstaltet, wie beispielsweise der beliebte "Alpenball" im Deutschen Hof. Daneben war die Familie Garbáty auch gesellschaftspolitisch engagiert, unterstützte großzügig das Jüdische Waisenhaus an der Berliner Straße 120/121, betätigte sich als Förderer von Kunst und Wissenschaft und unterstützte berlin- und deutschlandweit Sportveranstaltungen.

Zigarettenfabrik Garbáty: "Arisierung" in der NS-Zeit

Anfang der 1930er-Jahre verschärfte sich der Konkurrenzkampf in der Tabakindustrie, und Eugen Garbáty, der zusammen mit seinem Bruder Moritz die Geschäftsleitung seit 1929 übernommen hatte, verkaufte seinen Anteil an den Reemtsma-Konzern in Hamburg. Bis 1938 blieb Moritz Garbáty alleiniger Leiter der Fabrik in Pankow, aber mit der schrittweisen Entrechtung durch die NS-Rassenpolitik wurde das Leben für die Familienangehörigen in Berlin untragbar. Es folgten Enteignung und Flucht.

1938 wurde die drei Jahre zuvor in eine Kommanditgesellschaft umgewandelte Zigarettenfabrik Garbáty K.G. zwangsverkauft, und die Familie emigrierte nach Amerika. Allein der betagte Josef Garbáty blieb in Berlin zurück und lebte bis zu seinem Tod im Juni 1939 in der Villa Garbáty.

Zigarettenfabrik Garbáty: Kriegsschäden und Wiederaufbau in der DDR

Ein Punk lehnt im Jahr 1990 an einer Werbung für die auch in Berlin produzierten Cabinet-Zigaretten.
Ein Punk lehnt im Jahr 1990 an einer Werbung für die auch in Berlin produzierten Cabinet-Zigaretten.© picture-alliance / dpa | ADN Zentralbild | Unbekannt

Die Fabrikgebäude in Pankow hatten den Zweiten Weltkrieg zwar relativ unversehrt überstanden, wurden aber im Mai 1945 geplündert und brannten weitgehend aus. Die sowjetische Militäradministration sorgten dafür, dass die Zigarettenfabrik bald wieder ihren Betrieb aufnehmen konnte, und die Produktion der berühmten Zigarettenmarke Saba ging auch in der DDR an Ort und Stelle weiter.

Während der deutschen Teilung blieb die Produktion in der Zigarettenfabrik als Volkseigener Betrieb erhalten. Der VEB Garbáty wurde 1960 mit der VEB Josetti zur Berliner Zigarettenfabrik (Bezifa) zusammengeschlossen. Bis zur Wiedervereinigung stellten die Belegschaft die in Ostberlin beliebten Marken Club, Cabinet und Karo her.

Zigaretten der Marke Karo.
Zigaretten der Marke Karo.© picture alliance/dpa | Frank Hammerschmidt | Unbekannt

Zigarettenfabrik Garbáty: Lost Place nach der Wende

Nach der Wiedervereinigung ruhte ab Oktober 1990 die Produktion in Pankow. Ein Jahr später wurden die Tabakschneidemaschinen und die Immobilien verkauft. 1995 scheiterte ein letzter Versuch der Lübecker Zigarettenfabrik GmbH, Zigaretten in Pankow herzustellen, und das Werk schloss endgültig.

Zigarettenfabrik Garbaty
Werktor der Berliner Zigarettenfabrik im Bezirk Pankow im Jahr 1995.© picture-alliance/ ZB | Bernd Settnik | picture-alliance/ ZB | Bernd Settnik

Es folgte jahrelanger Leerstand und Verfall der stolzen Industriebauten. Scheiben waren eingeschlagen, von den Wänden bröckelte der Putz und die verblendeten Fassaden des neoklassizistischen Eingangsbaus sowie die Rückseite des Hauptgebäudes mit ihren Dekorationselementen des Jugendstils wurden großflächig mit Graffiti versehen.

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Vandalismus und Verfall bestimmten das Bild im Inneren. Die einstige Vorzeigefabrik in Pankow verkam zu einer modernen Ruine mit zerschlagenen Fliesen, von der Decke hängenden Kabeln und eingestürzten Wänden. Zwischenzeitlich wurde der Ort noch durch die Diskothek Compressor belebt, die Teile des verfallenen Gemäuers als Veranstaltungsort und Tanzfläche nutzte.

Sanierung der Zigarettenfabrik: 160 Wohnungen entstanden

Bis 2010 blieb das Gelände ungenutzt. Dann begann die aufwendige Sanierung rund um den fast quadratischen Innenhof, der 1913 mit dem Erweiterungsbau der Fabrik zur Berliner Straße hin entstanden war. 2012 waren die Sanierung und der Umbau zu einem Ensemble moderner Loft-Wohnungen in dem Denkmal abgeschlossen und mit neuen Bewohnern zog wieder Leben in die ehemalige Fabrikanlage, die heute als Wohnraum und Gewerbefläche genutzt wird.