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Die Herren der Spiele – Was ProSieben in Berlin plant

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Jürgen Stüber

Foto: Massimo Rodari

Mehr als 200 Unternehmen in Berlin entwickeln oder vermarkten Computer- und Handyspiele. Jetzt ist mit der Mediengruppe ProSiebenSat.1 ein großer Player dazu gekommen. Die Münchner haben große Pläne.

Die Mediengruppe ProSiebenSat.1 konzentriert nach dem Kauf von Aeria Games ihre Spiele-Sparte in Berlin. Das Unternehmen hat sich auf die Vermarktung erfolgreicher Titel spezialisiert. Die Unternehmenschefs Tung Nguyen-Khac (ProSiebenSat.1-Games) und Pascal Zuta (Aeria) sprechen über die Zukunft der Branche, die Trends auf dem internationalen Spielemarkt und die Strategie des Unternehmens, das demnächst unter der Marke SevenGames firmieren wird.

„ProSieben schafft eine große Community und Aeria macht aus dieser Community einen großen Umsatz“, erläutert Tung Nguyen-Khac die Arbeitsteilung. „Wir bringen das Performance-Marketing und das Fernsehen zusammen“, ergänzt Pascal Zuta. Das Fernsehen ist ein geeigneter Kanal, um Spiele bekannt zu machen. Die Mediengruppe hat in Deutschland einen Marktanteil von 30 Prozent.

Das Unternehmen aus der Zusammenführung der Gaming-Sparte von ProSiebenSat.1 hat seinen Sitz in einem Gewerbehof an der Schlesischen Straße in Kreuzberg, der unmittelbar an die Spree grenzt. Einst residierten Dr. Motte und sein Team in den Räumen mit der gigantischen, über zwei Etagen reichenden Fensterfront und planten dort die Love Parade. „Wir wollen aus Berlin den weltweiten Gaming-Markt bedienen“, sagt Tung Nguyen-Khac. Den 120 Münchner Angestellten sei der Wechsel nach Berlin angeboten worden, sagte ein Unternehmenssprecher.

Aeria entwickelt keine eigenen Spiele, wie zum Beispiel Wooga es macht. Das Unternehmen sucht vor allem in Asien oder auch bei Sony Online Entertainment in den USA erfolgreiche Spiele. „Wir helfen den Entwicklern, ihre Spiele in die besten Märkte zu bringen“, sagt Pascal Zuta. „Wir sind eher Smart Follower als Innovatoren.“

Verkauf von Datenbankeinträgen

Aeria hat sich auf sogenannte Free-to-Play-Spiele spezialisiert. Dabei ist die Basisversion kostenfrei erhältlich. Das Geschäft wird mit virtuellen Gütern gemacht, die Nutzer während des Spiels kaufen, um schnellere Erfolge zu erzielen.

Der Großteil des Umsatzes entfällt auf PC-Spiele. „Mobile macht jetzt 25 Prozent unserer Umsätze aus“, sagt Zuta. Diese Spiele werden lokalisiert und in den verschiedenen Ländern vermarktet. „Unsere hauptsächliche Beschäftigung ist zum einen der Kundendienst und zum anderen die Preisgestaltung der virtuellen Items“, sagt Zuta „Wir verkaufen zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Güter, die praktisch keinen Herstellungswert haben. Wenn ich im Spiel Shaiya eine Milliarde Pferde haben will, dann drücke ich auf einen Knopf und habe sie.“ Verkauft werden praktisch nur Datenbankeinträge.

Eine Spezialität von Aeria ist die Preisbestimmung. „Sie ist komplett von der Nachfrage getrieben“, sagt Zuta. Man nutzt komplizierte ökonomische Modelle, um nachfragebasierte Preisentscheidungen zu treffen – „in jedem Spiel mehrmals am Tag“, wie Zuta sagt. Das Team besteht zum Großteil aus Quereinsteigern. Wichtig sei ein starker analytischer Fokus. Excel-Tabellen sind das Standard-Werkzeug.

Aeria hat alle Plattformen im Blick

PC, Mobile, Facebook oder Browser – die Hypes der Gaming-Branchen lassen die SevenGames-Manager kalt. „Mit den Hype-Cycles schaufelt man sich ein Loch, aus dem man hinterher nicht mehr herauskommt“, sagt Zuta. „Wir sind plattformagnostisch und versuchen, diesen Hypes auszuweichen.“ Die Werkzeuge der Producer und ihre Marketing-Tools lassen sich unabhängig von der Plattform anwenden.

Bei der Plattform-Frage gibt es immer wieder Überraschungen – zum Beispiel beim Launch von Aura Kingdom auf dem PC im Januar. „Es wurde aus dem Stand unser stärkstes Spiel“, sagt Pascal Zuta. Anfangs sei er skeptisch gewesen, ob PC-Spiele weiter wachsen würden. „Für unsere Zukunft sehen wir beide Plattformen.“

Neuer Trend: Rollenspiele auf dem Smartphone

Viel wichtiger als die Konzentration auf eine Plattform ist der Fokus auf eine Zielgruppe. „Die gleichen Leute, die früher am PC Rollenspiele spielten, finden sich jetzt im mobilen Markt wieder bei Sammelkartenspielen wie Immortalis“, sagt Zuta. Immortalis gehört zu den umsatzstärksten Aeria-Spielen in Deutschland. Rollen- und Kartenspiele hätten ähnliche Mechaniken. Diese Zielgruppe hat sich vom PC auf die mobile Plattform bewegt. „Jetzt kommen auch die ersten Rollenspiele auf den Mobilgeräten hinterher“, sagt Zuta. „Die ersten Spiele sind in Asien erfolgreich. Da werden wir dann schnell hinterher gehen, weil wir hoffen, dass unsere Zielgruppe auch dort hin geht.“

Aeria Games wurde 2006 in den USA gegründet und kam 2008 nach Europa. Beim Wechsel nach Europa fiel die Wahl auf Berlin als Standort, weil damals schon abzusehen war, dass man hier junge technik-interessierte Menschen aus aller Herren Länder findet, die gut ausgebildet sind. „Wir holen auch Leute aus lokalen Gaming-Szenen nach Berlin. So können wir lokalisierten Service bieten, der die Kunden sehr gut versteht“, sagt Zuta. „Berlin ist ein zunehmend attraktiver Platz für die Gaming-Industrie geworden mit einem guten Markenfeld und einem großem Talentepool“, sagt Tung Nguyen-Khac. „Wir stellen an allen Ecken ein“, sagt Zuta. Gesucht würden analytisch begabte internationale Menschen.

Berlin-Brandenburg ist führend in der Spielebranche

Berlin und Brandenburg sind Sitz von mehr als 200 Games-Unternehmen. Die Region bietet damit das führende Gamescluster in Deutschland. Die Bedeutung der Branche zeigt der Erfolg der International Games Week Berlin, zu der in diesem Jahr rund 10.000 Besucher kamen. Neben SevenGames gehören GameDuell, Wooga, Kabam, morgen studios, Zeroscale Games, King, Gameforge, GameGenetics, Hitfox, Neutron Games oder Yager zu den erfolgreichen Unternehmen der Branche.

Unter diesen Firmen gehört SevenGames eher zu den Hidden Champions. Mit mehr als 77 Millionen Spielern und einem riesigen Portfolio von 40 PC- und mobilen Spielen zählt das Unternehmen zu den drei wichtigsten Publishern in Europa. „Wir launchen dieses Jahr acht bis zehn mobile Spiele und fünf oder sechs PC-Spiele“, sagt Pascal Zuta. So werde sich das auch im nächsten Jahr verteilen.