Bilderdienst

Baut Facebook eigenes Snapchat und klont Berliner Start-up?

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Jürgen Stüber

Foto: Jürgen Stüber

Die Übernahme von Snapchat ist gescheitert, nun bastelt sich Facebook eben seinen eigenen Dienst: Laut einem Medienbericht soll es künftig eine App geben, bei der Bilder automatisch verschwinden.

Wie schnell das Blatt sich wendet: Jahrelang galt Berlin als Hochburg der Copycats, das heißt der Unternehmen, die Ideen aus dem Silicon Valley klonen. Jetzt ist es anscheinend zum ersten Mal umgekehrt: Im Valley wird ein Projekt aus Berlin kopiert. Angeblich bastelt das soziale Netzwerk Facebook an der Video-App Slingshot (Steinschleuder, Fletsche) und adaptiert dabei die Funktionalität der Berliner Messaging-App Taptalk. Das jedenfalls schreibt die Financial Times und beruft sich dabei auf Kreise, die mit dem Thema vertraut sind. Eine offizielle Bestätigung gibt es nicht.

Wie schon der Name nahe legt, ist Taptalk eine einfach konzipierte Applikation. Die Bestandteile der Produktbezeichnung Tap und Talk stehen für „das Display berühren und sprechen“. Mit nur einen „Tap“ senden Nutzer ihren Freunden bis zu zehn Sekunden lange Video- und Textbotschaften. Für jeden Freund ist auf dem Homescreen der App eine Kachel mit einem kleinen Foto reserviert.

Berührt man das Foto, zeichnet die Smartphone-Kamera ein Video auf und sendet es sofort. Ferner werden die Geodaten des Absenders übermittelt, sofern er diese Funktion freigegeben hat. Die Kontrolle oder Nachbearbeitung einer Aufnahme ist nicht möglich. Der Empfänger kann die Nachricht einmal ansehen, dann wird sie automatisch gelöscht. Weitere Funktionen gibt es nicht. Gründer Onno Faber will damit „Spontan sein und die Kommunikation authentischer machen.“ Taptalk ist im Apple-Appstore fürs iPhone erhältlich.

Taptalk für Botschaften unter Freunden

Taptalk ist Kommunikation zwischen Freunden – von Nutzer zu Nutzer. Die Gründer wollen keine Plattform wie Twitter oder Facebook bauen, auf denen man seine Nachrichten an einen mehr oder weniger großen Kreis von Adressaten sendet. Jedes Video ist einzigartig und hat nur einen einzigen Adressaten. Das soll auch so bleiben, denn nur Unikate haben nach der Philosophie der Taptalk-Gründer Wert.

Taptalk ist eine Weiterentwicklung der vor einem Jahr vom gleichen Team entwickelten Nachrichten-App DingDong, bei der Geolocation stärker im Mittelpunkt stand. Diesen Aspekt haben Faber und sein Team zurückgestuft. Denn es hat sich herausgestellt, dass Nutzer nicht bei jedem Posting ihren Ort preisgeben wollen.

„Großes Kompliment“ für Nerliner Start-up

Das Start-up Taptalk steht erst am Anfang seiner Entwicklung. Das Team, das auf dem Start-up-Campus Factory in Berlin-Mitte arbeitet, ist klein. Die App wurde vor einigen Monaten ohne besondere Marketing-Aktivitäten im App-Store veröffentlicht. Sie ist deshalb außerhalb der Berliner Gründerszene noch weitgehend unbekannt.

Das könnte sich jetzt ändern, nachdem das Facebook-Gerücht kursiert. Die Gründer und ihre Investoren hielten sich am Montag auffallend bedeckt. Onno Faber reagierte nicht auf Anfragen. Sein Seed-Investor, das Berliner Wagniskapitalunternehmen Earlybird, wollte sich nicht öffentlich äußern. Einzige Erklärung von Earlybird-Investor Ciaran O’Leary ist ein Tweet, in dem er die Nachricht als „großes Kompliment“ für das Start-up bezeichnet.

Update (17:40): Später meldete sich Onno Faber per Taptalk: „Hier war heute einiges los“, sagte er. „Ich kann den Bericht über Facebook nicht kommentieren. Das ändert nichts an unseren Plänen. Wir kümmern uns nicht darum“.

Facebook sucht den Snapchat-Klon

Facebook versucht seit längerem erfolglos, auf dem vor allem unter Teenagern beliebten Gebiet des Video-Messaging Fuß zu fassen und in dieser Altersgruppe mehr Nutzer zu gewinnen. Eine Kaufofferte an den Marktführer Snapchat über drei Milliarden US-Dollar verhallte vor einigen Monaten. Die Gründer des Start-ups wollen aus eigener Kraft wachsen und lehnten die Übernahme ab. Und der Versuch von Facebook, den Snapchat-Klon Poke auf den Markt zu bringen, scheiterte bereits vor fast zwei Jahren an der übergroßen Akzeptanz des Originals und wurde wieder eingestellt.

Das Interesse an Videochat nimmt zu. So wurde vergangene Woche bekannt, dass der Internet-Pionier Yahoo den Snapchat-Konkurrenten Blink kaufte. Der bisherige Blink-Dienst wird zwar eingestellt, die Mitarbeiter des Start-ups sollen jedoch an Kommunikations-Anwendungen bei Yahoo arbeiten. Auch immer neue Anbieter drängen ins Geschäft wie etwa die Berliner Anwendung tellM, auf der Nutzer anonym Botschaften teilen können..