Etwas verändert sich. Meine Lust ist immer noch da und ich finde meine Frau und Kollegin genauso attraktiv wie am ersten Tag. Und dennoch spüre ich, dass mein Körper nicht mehr so funktioniert, wie früher. Nennen wir es beim Namen: Ich habe Erektionsprobleme. Es gibt immer wieder Situationen, in denen mir das Angst macht. Beginnen meine Frau und ich unsere Sexualität zu verlieren, weil es bei mir nicht mehr so klappt, wie ich es gewohnt bin?

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Erstmal tief durchatmen. Ich bin vernünftig und gehe zum Arzt. Nach Checks und einem Gespräch mit meiner Urologin steht fest: Ich habe einen „Hormonmangel“, wie die geschätzte Medizinerin sagt. Mir fehlt Testosteron. Ein Gel, täglich aufgetragen, soll helfen das Hormon zu ersetzen. Denn: Mit zunehmendem Alter wird vom Körper immer weniger Testosteron selbst produziert. Gerne wird hier auch von Wechseljahrsbeschwerden des Mannes gesprochen.
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Diese Erkenntnis ist wie ein Befreiungsschlag. Ich atme durch und mache mir bewusst: Nicht ich bin das „Problem“, sondern mein Körper hat „Schuld“. Meine Erektionsprobleme haben nichts damit zu tun, dass ich meine Frau und Kollegin nicht mehr sexy finde. Das erleichtert, macht es aber auch nicht besser. Der Druck bleibt. Das Gefühl, vielleicht nicht mehr zu genügen, macht es sicher nicht einfacher für mich.
Sexualität in der Ehe: „Meiner Frau ist gar nichts aufgefallen“
Dass sich die Libido in meinem Alter nicht mehr so wie in den Zwanzigern verhält, ist klar. Im Gespräch mit meiner geliebten Frau, stelle ich fest, dass Ihr bisher gar nichts aufgefallen ist, was mich nun schon seit Monaten umtreibt. Das erleichtert mich.
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Häufig kommen Paare zu uns und einer von beiden klagt darüber, dass Sexualität und Erotik nicht mehr vorhanden seien – zum Teil seit Jahren nicht mehr. Hier ist immer abzuklären, ob sich dahinter womöglich eine sexuelle Funktionsstörung verbergen könnte, die Therapiebedarf hat, so wie bei mir. Mitunter kann hier sogar eine Sexualtherapie hilfreich sein.
Fehlendes sexuelles Interesse? Drei von sechs Punkten müssen zutreffen
Können körperliche, organische Ursachen ausgeschlossen werden, steckt womöglich eine Störung des sexuellen Interesses oder der Erregung dahinter. Um das eindeutig zu diagnostizieren, müssen mindestens drei der folgenden sechs Symptome über mindestens sechs Monate oder länger bestehen:
- fehlendes/vermindertes Interesse an sexuellen Aktivitäten
- fehlende/verminderte erotische Gedanken oder Fantasien
- keine oder verminderte sexuelle Initiative oder typischerweise Unempfänglichkeit gegenüber Versuchen des Partners
- fehlende/verminderte sexuelle Erregung/Lust während sexueller Aktivitäten
- fehlendes/vermindertes reaktives Interesse bei jeglichen sexuellen Reizen
- fehlende/verminderte genitale Empfindungen bei 75 bis 100 Prozent der sexuellen Begegnungen
Um ein Gefühl für das eigene sexuelle Interesse zu bekommen, habe ich folgenden Tipp:
- Zeichnen Sie für jedes der oben genannten Symptome eine Skala von 1 bis 10 (1=fehlend, 5=vermindert, 10=ausgeprägt) untereinander und tragen sie mit einem Kreuz ein, wo Sie sich selbst sehen/fühlen.
- Verbinden Sie die 6 Kreuze miteinander und betrachten Sie die Kurve.
- Schätzen Sie ein, seit wann sich jedes Kreuz an seiner Stelle befindet.
Sind mindestens drei Kreuze bei fünf oder weniger und dauert dieser Zustand schon mindestens 6 Monate an, empfehlen meine Frau und ich im Rahmen einer Paarsexualtherapie eine Abklärung, ob in diesem Rahmen sexual-therapeutisch oder medizinisch gearbeitet werden kann beziehungsweise sollte.
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Sexualität: Neben Testosteron spielt auch dieses Hormon eine wichtige Rolle
Unsere Erfahrung zeigt, sexuelle Funktionsstörungen der Erregung oder der Lust sind häufig ein Symptom für belastende Lebens- oder Arbeitssituationen und/oder eine belastete Paarbeziehung. Wenn Menschen einzeln oder als Paar zu uns kommen, sind sie im Regelfall mit einem oder mehreren Problemen belastet – und das stärker als es für sie gut ist. Sie beschreiben ihre Lebensumstände als so herausfordernd, dass mindestens von einem der beiden Partner maximaler Stress empfunden wird. Dieser Zustand geht einher mit einem hohen bis sehr hohen Cortisolspiegel.
Passend dazu: Stress: Was Sie gegen zu viel Cortisol im Körper tun können
Cortisol ist ein wesentliches Hormon im Steuerwerk unserer psychischen und körperlichen Verfassung. Es ist eine Art „Aktivitätshormon“. Ein zu hoher Cortisolspiegel jedoch, setzt eine Menge an hormonellen Reaktionen frei, die entscheidenden Einfluss auf unsere Sexualität haben: So wird zum Beispiel die Fähigkeit, locker und entspannt zu sein, stark eingeschränkt.
Mit Ausnahme reinen „Adrenalinsexes“ benötigt Sexualität eben genau das: Entspannung und Lockerheit. Sind unsere Hormone im Ungleichgewicht, können wir kaum noch entspannt mit schwierigen Situationen umgehen und sind schnell gereizt – etwa dann, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert und unser Adrenalinspiegel steigt.
Diese Auswirkungen hat Stress auf unser Sexualleben
In der Folge sind wir weniger lustvoll. Unsere Sexualität leidet, da unter anderem der Testosteronspiegel bei beiden Geschlechtern gesenkt wird. Wir bekommen allerlei physiologische Reaktionen: Wir sind verspannt, da der Muskeltonus gesteigert wird, der Blutdruck steigt an, die Schilddrüsenfunktion verändert sich.
Wir bekommen Heißhungerattacken und können uns kaum noch von Handy und Fernseher lösen und wir entwickeln ein Suchtverhalten. Bei vielen Menschen entstehen bei anhaltendem Stress depressive Verstimmungen oder sie werden aggressiv.
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Wenn dieser Zustand zu lange anhält, dann verbraucht der Körper so viel Cortisol, dass die Nachproduktion über die genetische Steuerung nicht mehr funktioniert. Der Körper kann also nicht mehr genug Cortisol produzieren und wir rutschen ins Burnout. Die positive Funktion von Cortisol, uns zu aktivieren, versiegt. Wir sind erledigt.
Ein weiterer, leider negativer, Effekt: Die für die Paarbindung so wichtigen Hormone, Serotonin, Dopamin und Oxytocin werden nicht mehr in ausreichender Menge von Körper ausgeschüttet. Das Gefühl von Verbundenheit schwindet. Und dann wundern sich Paare über mangelndes sexuelles Verlangen.
Hier berichten Betroffene, wie es ihnen damit geht, dass sie keinen Sex mehr in der Beziehung haben.
Paartherapeut über Sex und Bindung: „Evolution hat es nicht gut mit uns gemeint“
Erschwerend hinzu kommt, auch das wissen wir aus unserer sexualtherapeutischen Arbeit, dass Männer und Frauen Sexualität unterschiedlich wahrnehmen. Pauschal und etwas vereinfacht ausgedrückt können wir sagen: Männer benötigen Sexualität, um Nähe und Bindung zu spüren und Frauen benötigen Bindung sowie das Gefühl von Nähe, um Sexualität in der Partnerschaft erleben zu können. Hier hat es „Mutter Evolution“ nicht gut mit uns gemeint.
Wenn einer von beiden dann auch noch gestresst ist und eine hohe Belastung empfindet, ist es für uns vollkommen klar, dass in dieser Situation Sexualität nicht oder nur noch kaum vorkommt. Eine unserer Fragen lautet dann, ob und wie sich die Paarsexualität im Urlaub verändert. Fast ausnahmslos lautet die Antwort: Nach ein paar Tagen findet das Paar wieder zueinander.
Normal ist, dass es in einer Paarbeziehung, mit und ohne Kinder und trotz Alltag, Sexualität stattfindet. Wobei sich immer die Frage stellt: Was ist normal? Die Antwort ist einfach: Alles, was länger als sechs Monate nicht vorkommt, ist nicht definitiv nicht normal. Daher wünschen meine Frau und ich Ihnen in an dieser Stelle auch viel Nähe sowie Paar- und Kuschelzeit. Und vor allem – mehr Küssen. Bei uns läuft das zum Glück nun alles wieder deutlich entspannter – dem Testosterongel sei Dank.











