Pawlos, ein Junge aus Weilburg, wird seit Dienstag, den 25. März 2025, vermisst. Polizei und Rettungskräfte sind mit einem Großaufgebot im Einsatz, um den Sechsjährigen zu finden. Bislang ohne Erfolg. Die besondere Herausforderung an der Suchaktion: Pawlos ist laut Polizei „autistisch veranlagt“ und befindet sich möglicherweise in einer hilflosen Lage.

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Sein Fall erinnert an den vermissten Arian aus Niedersachsen, der am Ende nur noch tot gefunden werden konnte. Auch Arian hatte eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) – landläufig schlicht Autismus genannt. Das ließ auch bei ihm von Tag die Hoffnung schwinden, das Kind noch lebend zu finden.
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Privatdozent Dr. Tomasz Antoni Jarczok ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie an der KJF Klinik Josefinum in Augsburg, das sich unter anderem auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus spezialisiert hat. Im Gespräch erklärt er unter anderem, wie Autismus das Weglaufen von Kindern begünstigt.
Was bedeutet Pawlos Autismus-Spektrum-Störung (ASS) mit Blick auf sein Verhalten?
Tomasz Jarczok: Grundsätzlich sind Menschen mit ASS eine sehr heterogene Personengruppe. Das heißt, es gibt jetzt nicht sozusagen den einen Autismus. Kinder mit dieser Diagnose unterscheiden sich also sehr stark untereinander, gerade in ihren Verhaltensweisen. Das Risiko, dass sie verloren gehen oder weglaufen, ist bei ihnen aber definitiv erhöht.
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Weglaufen und Verlorengehen bei Kindern mit Autismus wahrscheinlicher
Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2019 geht davon aus, dass pro Jahr mehr als ein Viertel der Kinder im Schulalter mit ASS oder einer anderen Entwicklungsstörung verloren gehen.
Jarczok: Diese Zahl erscheint mir sehr hoch. Allerdings hängt es natürlich auch davon ab, wie man „verloren gehen“ definiert, ob sie etwa nur für kürzere Zeit aus dem Sichtfeld geraten und die Eltern nach ihnen suchen müssen, sie aber zügig wieder finden. Bei Arian damals hatte das Weglaufen ja eine ganz andere Dimension, aber auch bei Pawlos. Solche Fälle sind definitiv seltener, aber wahrscheinlicher als bei Kindern ohne Autismus.

Warum?
Jarczok: Junge Menschen mit ASS haben eine besondere Wahrnehmung. Ihr Autismus geht oft einher mit einem Festhalten an bestimmten Ideen und dem unbändigen Drang, diese dann auch in die Tat umsetzen zu wollen. Hinzu kommen teils unvorhersehbare, sehr impulsive Reaktionen auf Situationen, die auch Eltern nicht erahnen können. Das kann auch das Weglaufen von zu Hause sein.
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Solche Impulshandlungen oder Wutausbrüche können dann im Extremfall durchaus dazu führen, dass ein Kind im Affekt weit wegrennt und verloren geht. Wieder andere wandern auch im Alltag gerne umher und haben den Drang für sich sein zu wollen. Erschwerend hinzu kommt vermutlich, dass autistische Kinder Gefahrensituationen oft schlechter erkennen können als andere Gleichaltrige.
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Autismus macht Suche nach Pawlos besonders schwer – genau wie bei Arian
Warum gestaltet sich auch die Suche nach Kindern mit Autismus, so wie auch im Fall Pawlos und Arian, oft schwerer?
Jarczok: Das kann diverse Gründe haben. Jetzt im Fall von Pawlos hängt das beispielsweise auch ein bisschen davon ab, was die eigentliche Motivation für den Jungen war, zu verschwinden, genau wie damals bei Arian, der sich vom Elternhaus zu entfernten. Zudem ist offen, ob er am Ende eher verloren gegangen ist oder ob er sich aktiv versteckt hat. Was man aber sagen kann ist, dass Kinder mit Autismus im Vergleich zu Gleichaltrigen weniger Alltagskompetenz haben und schlechter eigenständig zurechtkommen.

Wenn ein Kind verloren geht, schafft es es daher nicht so leicht, sich Hilfe zu suchen oder gar zurückzufinden, obwohl es das vielleicht wollte. Gerade in extremen Stresssituationen können zudem vielleicht nicht alle Fähigkeiten abgerufen werden, die das Kind normalerweise hätte. Gleichzeitig realisieren autistische Kinder aber oft auch gar nicht, dass sie sich überhaupt in einer Notsituation befinden.
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Von Arian wissen wir aus Medienberichten, dass er nicht gesprochen hat. Das deutet darauf hin, dass eine Kontaktaufnahme für ihn durchaus schwer gewesen sein dürfte.
Jarczok: Definitiv. Bei einer möglichen Nonverbalität liegt meist auch eine ausgeprägtere Form des Autismus vor. Gerade Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen verhalten sich im Kontakt mit anderen Menschen eher ungewöhnlich oder ziehen rückzügig und können sich so auch mit Blick auf Rettungskräfte nicht adäquat verhalten. Auf der anderen Seite sind sie im Kontakt mit Fremden manchmal sehr vertrauensselig und sind dadurch gleichzeitig gefährdeter für Übergriffe.
Gefahren im Alltag: Autistische Kinder verletzten sich häufiger
Bei Pawlos geht die Polizei bislang nicht von einem Gewaltverbrechen aus. Im Fall Arian vermuteten die Einsatzkräfte damals, dass es beim Weglaufen zu einem Unfall gekommen sein könnte.
Jarczok: Auch das wäre plausibel. Kinder mit Autismus haben eine erhöhte Unfallgefahr. Das ist ein Teil dieser Schwierigkeit, Gefahrensituationen adäquat einzuschätzen und das eigene Verhalten zu steuern. Selbst im Alltag kommt es dadurch bei ihnen häufiger zu Verletzungen. Auch hier gibt es ein statistisch erhöhtes Risiko im Vergleich zu normal entwickelten Kindern.
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Leben Eltern mit autistischen Kindern generell auch mit der ständigen Sorge, ihr Kind könnte verloren gehen.
Jarczok: Auch wenn es ein erhöhtes Risiko gibt, ist das definitiv nicht der Fall. Meist gibt es dafür schon im Vorfeld Anzeichen und bestimmte Muster im Verhalten der Kinder. Dann ist hier natürlich besondere Vorsicht geboten. Bei den meisten Patientinnen und Patienten, die wir hier bei uns in der Klinik sehen, passiert sowas aber nicht. Aber auch unabhängig davon ist der Umgang und das Leben mit autistischen Kindern eine große Herausforderung für die Eltern und das Umfeld.













