Ausgerechnet Viktor Orbán? Der Mann, den die Ungarn im April nach 16 Jahren aus dem Amt des Ministerpräsidenten abgewählt haben, soll offenbar zum obersten Diplomaten der Welt aufsteigen: UN‑Generalsekretär. Dahinter steht nach Recherchen des „Wall Street Journal“ die Regierung Donald Trumps. Washington sondiert demnach sogar eine gemeinsame Kandidatur mit Russland und China. Für Europa wäre das mehr als eine Provokation.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Auf seiner Meinungsseite berichtete das Blatt am Sonntagabend unter Berufung auf Quellen aus drei Ländern, amerikanische Regierungsvertreter hätten Orbán selbst auf die Idee gebracht. Der Ungar sei interessiert, habe sich aber nicht entschieden. Eine Bekanntgabe könnte erst nach den US-Kongresswahlen am 3. November erfolgen. Orbán selbst lehnte eine Stellungnahme ab. 

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Russland, China und die USA: Dreierpakt für einen Despoten?

Im Juli besuchte er das Weiße Haus und das US‑Außenministerium. Der Anlass blieb unbekannt. Die Brisanz liegt in der möglichen Allianz. Ein Beamter des US-Außenministeriums erklärt, aus früheren Gesprächen mit Moskau und Peking leite Washington die Erwartung ab, dass beide Großmächte Orbán unterstützen würden. Bei der Kandidatensuche sei von „jemandem wie Orbán“ die Rede gewesen – mit Zustimmung aus beiden Ländern. Doch eine öffentliche Zusage aus Moskau oder Peking existiert bisher nicht. Ein fertiger Dreierpakt ist keineswegs bewiesen.

Für Trumps konservative Gefolgsleute wäre Orbán laut einem US-Beamten ein „Traumkandidat“. Der Ex-Regierungschef bekämpfte Zuwanderung und liberale Organisationen, schwächte unabhängige Medien und rechtsstaatliche Institutionen. Er blockierte Ukraine-Hilfen, pflegte seine Freundschaft mit Wladimir Putin und umwarb China. Kritiker fürchten nun einen UN-Chef, der autoritären Herrschern mehr verpflichtet sein könnte als der Charta der Weltorganisation.

Die Nachfolge des Portugiesen António Guterres, dessen Amtszeit am 31. Dezember endet, ist längst angelaufen. UN-Staaten schlagen Kandidaten vor, diese legen Programme offen und beantworten Fragen der Mitgliedsländer. Im Rennen sind unter anderem die Costa-Ricanerin Rebeca Grynspan, der Argentinier Rafael Grossi, Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, und die gerade nominierte Diplomatin Lana Nusseibeh aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Nusseibeh soll am Dienstag angehört werden, am Mittwoch ist eine weitere Probewahl geplant. Orbán steht nicht auf der offiziellen Kandidatenliste. Ihn müsste erst ein Staat nominieren – Ungarns neue Regierung dürfte kaum begeistert sein.

UN-Vetomächte können es verhindern

Das entscheidende Nadelöhr ist der Sicherheitsrat. Neun seiner 15 Mitglieder müssen zustimmen. Zugleich darf keine der fünf Vetomächte – USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien – mit Nein stimmen; eine Enthaltung wäre zulässig. Erst danach ernennt die UN-Vollversammlung den Kandidaten, grundsätzlich mit einfacher Mehrheit der abgegebenen Stimmen.

Nach Darstellung des „Wall Street Journal“ rechnet ein US-Beamter derzeit mit acht Stimmen für Orbán, zehn weitere Länder seien empfänglich. Doch selbst zehn Ja-Stimmen nützten nichts, falls Paris oder London ein Veto einlegen. Frankreich und Großbritannien haben zu Orbáns möglicher Bewerbung bislang keine öffentliche Position bezogen. Das Blatt hält es für denkbar, dass beide vor einer Blockade des gemeinsamen Kandidaten der übrigen drei Großmächte zurückschrecken.

Was sagen Paris und London?

Politisch sprechen gewichtige Gründe gegen Orbán. London fordert ausdrücklich Eignung, Menschenrechtsschutz und ermutigt zur Nominierung von Frauen. Frankreich pocht auf einen Konsens im Sicherheitsrat. Orbáns Nähe zum Kreml und sein jahrelanger Kampf gegen die EU würden beide Regierungen in Erklärungsnot bringen. Ob daraus ein Veto folgen würde, ist offen.

Was derzeit wie eine politische Absurdität klingt, könnte durch ein Bündnis von Trump, Putin und Xi Jinping zur ernsthaften Kandidatur werden. Der Sturz Orbáns in Ungarn wäre dann nur das Vorspiel zu seiner internationalen Wiederauferstehung gewesen. Ein abgewählter Nationalist als oberster Vermittler der Weltgemeinschaft?