Die mit Iran verbündeten Huthi-Milizen greifen saudische Flughäfen und Ölanlagen an. Wie sicher ist das Königreich? Und wie gefährlich wird der Konflikt? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Was ist der Stand der Dinge?
Der Bürgerkrieg im Jemen ist wieder voll entflammt. Es kommt fast täglich zu Attacken und Gegenattacken zwischen der Öl- und Gasgroßmacht Saudi-Arabien und den mit Iran verbündeten Huthi im Jemen. Zuletzt setzte eine Rakete der schiitischen Miliz ein Gebäude in der Zentrale des saudischen Ölkonzerns Aramco im Osten des Landes in Brand. Es war ein Schlag gegen das Herz des zweitgrößten Ölförderers der Welt – eine Vergeltungsaktion.
Zuvor hatte die von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition eine Ölanlage in der von den Huthi kontrollierten jemenitischen Hauptstadt Sanaa getroffen. Die Miliz hat nach saudischen Angaben den internationalen Flughafen von Riad in den vergangenen zwei Wochen 20-mal angegriffen. Dabei seien insgesamt 17 Menschen getötet und mehr als 330 verletzt worden. Es war der schwerste Angriff auf das Königreich seit zehn Jahren und auch der tödlichste in einem Golfstaat seit Beginn des Iran-Krieges.
Die Huthi bekämpfen seit 2014 die politische Führung im Jemen – munitioniert durch die Waffenlieferungen des schiitischen Mullah-Regimes in Teheran. Die jemenitische Regierung wird seit 2015 von Saudi-Arabien und internationalen Partnern unterstützt, die den Einfluss Irans als Regionalmacht im Nahen Osten zurückdrängen wollen. Trotzdem gelang es den Huthi, weite Teile des bettelarmen Jemens zu besetzen. Seit ihrer Blitzoffensive im September haben die Rebellen auch die Kontrolle über die Wasserstraße Bab al-Mandab, die für den Ölhandel durch das Rote Meer wichtig ist.
Wie schützen sich die Menschen in Riad vor den Attacken der Huthi?
Saudi-Arabien verfügt über modernste US-Luftabwehrsysteme wie Patriot oder THAAD. Aber es lassen sich nicht alle Flughäfen, Öl- und Gasanlagen oder Pipelines schützen. Der Wüstenstaat ist flächenmäßig sechsmal größer als Deutschland. Für die Bürger hat das Königreich ein nationales Frühwarnsystem eingerichtet. Bei konkreten Bedrohungen werden Nachrichten per SMS oder über Accounts in den sozialen Medien verschickt. Bei Alarmen fordern die Behörden die Bevölkerung auf, im Inneren von Gebäuden zu bleiben.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Betroffen waren in letzter Zeit vor allem die Hauptstadt Riad, die ölreiche Ostprovinz sowie Regionen nahe der Grenze zum Jemen. Schulen und Universitäten rund um Riad haben angesichts der Angriffe der Huthi auf Online-Unterricht umgestellt.
Wie sicher ist die Region jetzt für Reisende?
Nach den jüngsten Attacken haben Staaten wie die USA, Großbritannien, Kanada und Deutschland ihre Reise- und Sicherheitshinweise verschärft. Internationale Fluggesellschaften haben Flüge nach Riad und in andere Städte zeitweise ausgesetzt oder gestrichen. Touristische Highlights wie die Oase Al-Ula im Nordwesten Saudi-Arabiens, Orte am Roten Meer oder Riad verzeichneten Stornierungen. Der Pilgertourismus nach Mekka und Medina bleibt zwar die stabilste Säule, leidet aber unter den eingeschränkten Flugkapazitäten.
Internationale Großveranstaltungen, Wirtschaftsforen und Messen kämpfen mit Absagen. Beim bis Mitte Oktober dauernden WPC Energy Congress in Riad reisten etliche Top-Manager wegen der Sicherheitslage nicht an. Das Ziel des saudischen Königshauses, bis 2030 rund 150 Millionen Besucher pro Jahr anzulocken, scheint in weiter Ferne.

Was bedeuten die Angriffe für Saudi-Arabiens Strategie einer Abkehr von Öl und Gas?
Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman – kurz MBS genannt – will sein Land auf die Zeit nach Öl und Gas vorbereiten. Die angepeilte Diversifizierung der Wirtschaft hat er in seiner „Vision 2030“ niedergelegt. Sektoren wie Tourismus, Technologie, erneuerbare Energien, Bergbau und Logistik sollen gefördert werden. Der Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) hat den Auftrag, im In- und Ausland in Zukunftstechnologien und Unternehmen zu investieren. Um Kapital aus aller Welt anzuziehen, will MBS Saudi-Arabien als internationalen Top-Standort für Wirtschaft, Sport und Kultur aufbauen. Dazu gehören auch die Ausrichtung der Weltausstellung (Expo) im Jahr 2030 sowie der Fußball-Weltmeisterschaft 2034.
Die Attacken der Huthi gefährden diese Pläne. Zwar soll die Wirtschafts- und Finanzkonferenz „Future Investment Initiative“ vom 26. bis zum 29. Oktober in Riad stattfinden. Der globale Investorengipfel, der gelegentlich als „Davos in der Wüste“ bezeichnet wird, zieht traditionell Spitzenpolitiker, Milliardäre und Firmenchefs an. Es ist aber unklar, wie viele Wirtschaftsbosse kommen.
„Der saudische Kronprinz ist auf ausländische Investitionen, Tourismus und internationales Vertrauen angewiesen. Alle drei Faktoren sind durch die Angriffe der Huthi und den anhaltenden Krieg zwischen den USA und Iran bedroht“, sagte der in Katar ansässige Nahost-Analyst Luciano Zaccara unserer Redaktion. „Das bedeutet nicht, dass die ‚Vision 2030‘ scheitern wird. Aber die Umsetzung könnte aufgrund sinkender Staatseinnahmen und steigender Militärausgaben teurer, langsamer und schwieriger werden.“
Sind weitere Huthi-Attacken zu befürchten?
Die Huthi haben bereits weitere Angriffe auf saudische Flughäfen und Ölanlagen angedroht. UN-Experten schätzen ihre Stärke auf etwa 350.000 Kämpfer. Im Zuge des Gaza-Kriegs ab 2023 und mit dem Iran-Krieg gewannen die Huthi, die Israel und die USA als Todfeinde betrachten, immer mehr an Einfluss. US-Präsident Donald Trump verurteilte zwar die jüngsten Attacken. „Die Huthi benehmen sich äußerst schlecht“, schrieb er auf seiner Plattform Truth Social. Aber eine Bitte von MBS, militärisch im Jemen zu intervenieren, lehnte er ab. Der Präsident dürfte kurz vor den Zwischenwahlen zum Kongress kaum Interesse an neuen Attacken im Jemen haben – zumal auch sein Iran-Krieg bei vielen US-Bürgern unpopulär ist.
Mit dem ungelösten Konflikt zwischen Riad und den Huthi hat die globale Weltwirtschaft eine zweite Front. Auf der einen Seite nimmt die Schiitenmiliz die Anlagen des Ölgiganten Saudi-Arabien sowie die wichtige Handelsroute durch das Rote Meer ins Visier. Auf der anderen Seite blockiert Iran die Straße von Hormus. Beide Krisenherde treiben die weltweiten Ölpreise nach oben.
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„Ich rechne mit einer weiteren Eskalation, bevor es zu einem ernsthaften diplomatischen Durchbruch kommt. Saudi-Arabien kann es sich nicht leisten, verwundbar zu wirken, während die Huthi glauben, dass ihnen ihre Angriffe in Verbindung mit den Entwicklungen in der Straße von Hormus mehr Verhandlungsmacht verschaffen“, betont der Nahost-Experte Zaccara. „Allerdings kann nach dem, was wir derzeit auf dem Schlachtfeld beobachten, keine der beiden Seiten ohne Weiteres einen entscheidenden militärischen Sieg erringen.“











