Er war Reporter des amerikanischen „Wall Street Journal“ und Korrespondent in Moskau. Als Evan Gershkovich über die russische Rüstungsindustrie und die paramilitärische Wagner-Gruppe recherchierte, geriet er ins Visier des Regimes von Wladimir Putin. Bei einer Reise nach Jekaterinburg stellte der russische Geheimdienst Gershkovich eine Falle. Fast 500 Tage saß der Reporter in russischer Haft, das Regime nannte ihn einen „Spion“. Bei einem Gefangenentausch mit den USA, Deutschland und Russland kam er 2024 frei. Nun erscheint sein Buch über diese Zeit, es heißt: „Dieses verfluchte wunderschöne Land“. Ein Gespräch über den Alltag in der Zelle, Schuldgefühle nach der Freilassung – und die Chancen auf ein schnelles Ende des Krieges in der Ukraine.

Herr Gershkovich, welche Regeln mussten Sie lernen, um im russischen Gefängnis nicht kaputtzugehen?

Evan Gershkovich: Der russische Staat ist sehr kalkulierbar, wie er seine Gegner behandelt. Also konnte ich schnell erkennen, dass mich die Wärter sehr anders behandelten als die anderen Inhaftierten. Meine Matratze war dicker, wir hatten einen Fernseher in der Zelle, es gab eine Toilette und nicht nur ein Loch im Boden. Im Geheimdienst-Gefängnis gab es eine Bibliothek mit 9000 Büchern, sogar die Biografie von Michelle Obama stand dort. Und der US-Botschafter besuchte mich einmal im Monat. Mir war schnell klar: Der russische Staat schützt mich hinter Gittern – weil ich noch nützlich sein würde als Faustpfand …

255097_569_255097_cover.jpg
Ukraine-Krieg: Zweifel an Russlands Siegesmeldung zu Kostjantyniwka
Im Krisenmodus
 

… Ihnen war schnell klar, dass Sie mit russischen Gefangenen in den USA ausgetauscht werden sollten.

Ja, Russland hielt mich nicht wirklich für einen Spion. Ich war für die Führung eine „Ware“, und das hat mich vor Folter und Gewalt bewahrt, vor einer Zelle mit Ratten. All das erleben andere politische Inhaftierte in Russland. Irgendwann machte ich Scherze mit den Wärtern, es war fast kollegial, weil allen die Situation gewahr war.

Und trotzdem wussten Sie anfangs nicht: Werde ich nun 20 Jahre hinter Gittern leben, oder komme ich nächste Woche frei?

In der ersten Woche in Haft war ich in einem emotionalen Ausnahmezustand. Ich war allein in der Zelle, ohne Kontakt zu meinen Anwälten oder der Botschaft, ohne Briefe von Freunden. Du versuchst die ganze Zeit, nicht den Verstand zu verlieren. Nach zwei oder drei Wochen wurde mir klar, dass mein neues Leben erst mal hier ist, in Haft. Trotzdem dachte ich nicht mehr, dass ich zwanzig Jahre in Haft verbringen werde. Das Schwierige war vielmehr, dass mich die Ungeduld nicht verrückt macht. Manchmal hörte ich auf dem Gefängnisflur Schritte oder ein Telefonat, und jedes Mal dachte ich: Jetzt kommen sie, jetzt holen sie dich raus. Diese falsche Hoffnung zehrte an meinen Kräften. Irgendwann war es einfacher für mich zu sagen: Okay, diese Zelle ist jetzt mein Zuhause.

Auch interessant

Wie war Ihr Alltag?

Wir wurden um sechs Uhr morgens geweckt, mein Zellennachbar und ich putzten unseren Raum. Dann hatte ich Zeit zu lesen. Ich schrieb Tagebuch, und ich übertrug die Notizen ins Russische und schickte sie meinen Anwälten, falls russische Wärter meine Unterlagen zerstören würden. Eine Stunde hatten wir Hofgang, es war aber nicht mehr als eine Zelle auf dem Dach der Haftanstalt. Am Abend spielten wir Backgammon, schauten einen Film.

Sie beschreiben sehr ausführlich, wie Sie durch einen Gefangenenaustausch freikamen. Sie kamen frei, auch weil der Tiergarten-Mörder, Wadim Krassikow, nach Russland übergeben wurde – ein russischer Geheimdienstagent, der einen Exil-Georgier in Berlin am helllichten Tag erschossen hatte. Wie fühlt sich das für Sie an?

Ich fühlte mich schuldig, gerade wenn ich an die Familie des Getöteten dachte. Mir halfen Gespräche mit der US-Regierung, aber auch mit dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz. Scholz sagte mir, dass das moralisch Richtige bei der Entscheidung den moralischen Schaden überwiegt. Der Bruder des Ermordeten sprach in einem Interview auch davon, dass er sich freue, dass ich nun als Journalist wieder meine Arbeit machen könne. Das half mir auch, mit meiner Schuld umzugehen.

Es gibt keine starke Oppositionspartei, es gibt keine unabhängige Justiz, keine freien Medien, das Regime verhaftet und ermordet seine Gegner – ist Russland zu einer Diktatur geworden?

Ja, mittlerweile ist es eine Diktatur. Vor etwa zehn Jahren galt in der russischen Führung noch die Devise: Wir wollen nicht so dastehen wie Iran oder Nordkorea. Im Gegenteil: Lange Zeit suchte Wladimir Putin die Nähe zu den westlichen Staaten. Doch als Alexej Nawalny …

Auch interessant

… bis zu seinem Tod im Haftlager die bekannteste Oppositionsfigur in Russland …

… als Nawalny 2021 nach Russland zurückkehrte, wurde er sofort verhaftet, noch am Flughafen. Seine Organisationen wurden als „Extremisten“ gebrandmarkt. Im Jahr darauf folgte die volle Invasion der russischen Armee in die Ukraine. Mittlerweile beliefern Nordkorea und Iran das russische Militär mit Waffen und Drohnen. Und immer wieder inhaftiert das Regime nun auch ausländische Journalisten, wie zuletzt einen Reporter aus Japan. Putin macht mit all dem klar: Das Spielespielen ist vorbei.

Wie lange kann Putin diesen Angriffskrieg in der Ukraine noch durchhalten?

Es sieht so aus, als plane die Führung im Kreml mit mehreren weiteren Kriegsjahren. Die Wirtschaft schwächelt, aber sie bricht nicht ein. Im aktuellen Haushalt kürzt die Regierung Investitionen im Gesundheitssektor und in die Bildung, damit mehr Geld ins Militär fließen kann. Russland bekommt zudem Drohnen aus dem Iran, militärische Unterstützung aus China. Wer hat die besseren Nachschubwege – darum geht es in dem Krieg zwischen der Ukraine und Russland nun.

Der Apparat hinter Putin gilt als mächtig, korrupt und wenig berechenbar. Wer regiert Russland – Putin oder der Geheimdienst?

Innerhalb der russischen Elite gibt es eine Menge Personen, die sich wünschten, es gäbe diesen Krieg in der Ukraine nicht mehr. Sie lehnen den Angriffskrieg nicht unbedingt moralisch ab. Aber sie sorgen sich um die geschlossenen Grenzen mit Europa und dem Westen. Es geht um ökonomische Verluste. Doch diese Wirtschaftselite traut sich nicht, den Mund aufzumachen. Denn sie müssen fürchten, dass im nächsten Moment ihr Unternehmen durch Putin und den Geheimdienst beschlagnahmt wird. Genauso im Kreml, dort sitzen viele Beamte, die einfach ihren Job machen – und Angst haben, ihn zu verlieren. Wenn es einen Coup gegen Putin geben wird, dann wird der Putsch überraschend kommen. Davon werden wir nichts im Vorfeld erfahren. Nur sieht es von außen nicht danach aus.

Auch interessant

Evan Gershkovich, Journalist
„Innerhalb der russischen Elite gibt es eine Menge Personen, die sich wünschten, es gäbe diesen Krieg in der Ukraine nicht mehr“: Evan Gershkovich arbeitete viele Jahre als Korrespondent in Russland.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Wie kann dieser grausame Krieg enden?

Dieser Krieg endet für die Ukraine nur dann gut, wenn das Land gegen Putins Armee auf dem Schlachtfeld Siege einfährt. Die ukrainische Führung braucht Verhandlungsmasse. Doch bisher scheiterten die Gegenoffensiven im Osten und Süden des Landes. Wenn der Westen aufhört, die Ukraine mit Waffen zu beliefern, endet der Krieg auch – allerdings mit der Eroberung durch Russland.

Ist die Ukraine nur eine Etappe in Putins Eroberungskrieg?

Wladimir Putin ist von der Ukraine besessen. Er stellt ja auch historisch in Abrede, dass die Ukraine eine eigenständige Nation ist. Er sieht das Land in seinem Machtsektor – und will den Einfluss der EU auf die Ukraine zurückdrängen. Das bedeutet nicht, dass Putin auch Berlin angreift. Und dennoch nimmt Russland auch Deutschland ins Visier, etwa mit dem Angriff mit Sprengstoff-Drohnen auf den Flughafen in Leipzig. Putins Ziel ist ein schwaches Europa, eine gespaltene EU.

Sie beschreiben ganz am Ende Ihres Buches, wie Sie im Gefangenen-Flieger Richtung Ankara unterwegs sind. Sie fliegen über Sotschi, die Stadt am Schwarzen Meer, und schreiben, dass dieser Moment vielleicht Ihr letzter Blick auf Russland gewesen sein wird. Denken Sie heute noch immer so?

Putin ist 74. Er kann gut und gerne noch zehn Jahre regieren. Dann bin ich Mitte 40. Doch selbst wenn Putin entmachtet ist, wird Russland nicht unmittelbar ein demokratisches Land mit unabhängigen Gerichten und freier Presse. Zu viel hat das Regime schon zerstört.