Liebe Leserin, lieber Leser,
ich muss zugeben, ich bin vor diesem Sonntag aufgeregt, regelrecht nervös. Das liegt an dem an sich kleinen Bundesland Sachsen-Anhalt. Dort wird ein neuer Landtag gewählt, und so wie es aussieht, wird der sich zu einem großen Teil aus Abgeordneten der AfD zusammensetzen. Doch damit nicht genug: Es besteht die Möglichkeit, dass der rechtsradikale AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund künftig als Ministerpräsident die Regierung von Sachsen-Anhalt übernimmt. Über 40 Prozent jedenfalls, so sagen es die Umfragen voraus, sollen auf das Konto der AfD gehen. Und wenn kleine Parteien wie die Grünen an der Sperrklausel scheitern und die AfD noch mehr als prognostiziert anzieht, dann hat Siegmund die absolute Mehrheit.
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Wir haben darüber viel in den vergangenen Wochen berichtet. Sollte es so kommen, wären die Folgen für das Land, aber auch für Deutschland gravierend. Schließlich will die AfD das Bildungssystem umkrempeln, Mitarbeiter in Behörden und Justiz auswechseln, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen. Und was Siegmund und Co. so über ausländische Arbeitskräfte verlauten lassen, selbst wenn sie als Facharbeiterin, Krankenpfleger und Stationsarzt ihren an der Gesellschaft so wichtigen Dienst tun, macht Sachsen-Anhalt sicher nicht zu einem Magneten für Touristen. Denken wir nur an die Pläne gegen die, wie sie der AfD-Mann Siegmund nennt, „Importärzte“.
Die Mehrheit will auch in Sachsen-Anhalt nicht die AfD-Regierung
Nun kann man leicht sagen, dann sollen sie halt im Harz, in Magdeburg, in Halle oder Quedlinburg unter sich bleiben. Und versauern ohne Arzt oder Ärztin. Dann machen eben die letzten Gaststätten auch noch zu.
Aber halt! Selbst wenn die AfD an diesem Sonntag mehr als 40 Prozent einfährt, hat immer noch der Großteil der Wählerinnen und Wähler eben nicht das Kreuz bei den Rechtsextremen gemacht.

Da stellt sich die Frage: Wie geht es eigentlich den vielen Menschen in Sachsen-Anhalt, die sich alles wünschen, nur keine rechtsextreme Regierung? Und wie wirkt sich die polarisierte Stimmung im Land auf die Gesellschaft aus? Meine Kollegin Antonia Weber stammt aus einem kleinen Dorf im Harz. Sie kennt dort Polizisten, Ärztinnen, Lehrkräfte. Und ihre Eltern leben dort. Alles Leute, die Vielfalt lieben und ihre Freiheit verteidigen möchten. Doch sie fühlen sich bedroht: von der AfD-Flagge im Vorgarten. Von einer Stimmung, die Kritik im Keim ersticken lässt. Und wenn die AfD übernimmt? Gehen sie dann weg aus der Heimat? Bei vielen ist das eine Option.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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„Du weißt nicht mehr, wer welcher Mensch ist. Und damit sind wir bei einem noch größeren Problem: Der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt“, so das Fazit des Essays. Die Folge: Es breitet sich Stille aus. Man weiß nicht mehr, was der andere denkt. Und man hat Angst, das herauszufinden.
Die Streetworkerin aus Gommern hat nun Angst um ihren Job
Hinzu kommt die Sorge vor der Arbeitslosigkeit in einer ohnehin strukturschwachen Region. „Sollte die AfD regieren, ist mein Job einer der ersten, die abgeschafft werden“, sagt etwa die 37-jährige Streetworkerin Ronja Muth aus Gommern. Meine Kollegin Maria Kurth hat die Kleinstadt, die sich bislang mit Erfolg gegen einen AfD-Bürgermeister wehren konnte, besucht. Doch auch in der Anti-AfD-Hochburg wachse die Angst, schreibt sie in ihrer Reportage, denn im Programm der Rechtsaußen-Partei ist kein Platz mehr für Förderung von Benachteiligten, für Sozialarbeit.

Diese Stimmung der Angst: Die ist auch nach Westdeutschland übergeschwappt. Schließlich wächst auch zwischen Köln und Goslar der Anteil der blauen Wähler. Viele AfD-Führungskräfte kommen ohnehin aus dem Westen. Also: Wer weiß schon, was in ein paar Jahren im Ruhrgebiet los ist? Und was ist dann mit den Bundestagswahlen? Sind künftig Verhältnisse wie in den USA möglich? Meine iranischstämmige (deutsche) Freundin, die in Deutschland einen Haufen Steuern zahlt und ein Unternehmen gegründet hat mit vielen wiederum Steuer zahlenden Beschäftigten, sorgt sich jedenfalls um ihre Kinder.
Spaltung der Gesellschaft: Das freut Wladimir Putin
Deswegen ist es mit Schuldzuweisungen, mit „Rumhacken auf den Ossis“, zu einfach, kommentiert unsere Ost-Korrespondentin Doreen Reinhard. Sie nimmt allerdings durchaus eine Spaltung zwischen Ost und West wahr, die in der unschönen Debatte über Finanzhilfen und Abschottung gipfelt. Und diese Spaltung sei das schönste Geschenk an Diktatoren wie Wladimir Putin, der uns gerade in den hybriden Krieg zieht.
Apropos hybrider Krieg: Wir sind tatsächlich sehr verletzlich, das zeigt die Drohnen-Attacke auf den Flughafen Leipzig, die unsere Bundesregierung zunächst „fremden Mächten“ zuschrieb und dann ganz konkret erklärte, dahinter stecke Russland bzw. das System Putin.

Inzwischen schreckt uns eine Serie von Sabotageversuchen auf unser Stromnetz auf. Sind es wieder „fremde Mächte“? Oder Linksextremisten so wie Anfang des Jahres, als ein Teil von Berlin tagelang bei klirrender Kälte ohne Strom war? Oder ist es ein Einzeltäter, der Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen im Visier hat? Wie gefährdet sind unsere Kraftwerke eigentlich? Christian Kerl fasst die Lage zusammen.
Mit Kurbelradio und Wasservorrat gegen Sabotage
Bislang habe ich Mahnungen von Katastrophenschützern beiseitegewischt. Mich geweigert, Batterien und Powerbanks anzuschaffen und mit Wasserflaschen und Konserven meinen ohnehin knappen Raum für Vorräte zu verstopfen. Doch inzwischen bin ich eingeknickt: Ein kleines Radio, das ich mit Kurbel und Batterie betreiben kann, mit dem sich ein Smartphone aufladen lässt und das auch noch eine Taschenlampe eingebaut hat, liegt seitdem in der Schublade für Krimskrams. Außerdem lagern hinter der Tür des Kämmerchens 18 große Wasserflaschen. So schlimm, dass wir Konserven brauchen, wird es schon nicht kommen. Obendrein bräuchte ich dann noch einen Campingkocher mit Gaskartusche.
Alexander Dobrindt ist der „Drachenjäger“
Erstaunt nahm ich in dieser Woche zur Kenntnis, dass Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) beliebter ist als der bayerische Landesvater Markus Söder. Auch innerhalb seiner Partei und der CDU/CSU-Fraktion genießt er Anerkennung. Tritt er im Osten auf, wird er zumindest gnädiger empfangen als Friedrich Merz oder Lars Klingbeil. Und dann soll er ja auch die Wünsche erfüllen, die AfD-Protagonisten ihren Anhängern versprechen, also möglichst viele Geflüchtete abschieben und für Sicherheit sorgen.
Tatsächlich hat Dobrindt in dieser Hinsicht eine ganz vorzeigbare Bilanz. Und so gilt er als das schärfste Schwert im Kampf gegen die AfD. Denn warum sollten die Bürgerinnen und Bürger rechtsextrem wählen, wenn die Konservativen den gewünschten Job übernehmen, so die Logik dahinter. Doch es ist ganz anders, schreibt Christian Unger in seinem scharfsinnigen Porträt über Alexander Dobrindt, den er den „Drachenjäger“ nennt: Je besser Dobrindt den Job im Sinne der AfD mache, desto stärker wachse der Rechtsextremismus.

Tokio bleibt sauber
Ein Thema, das viele Menschen beschäftigt, vor allem wenn sie in den Metropolen leben, ist die Sauberkeit in den Wohnvierteln. Berlin gilt als besonders dreckig, vor allem in den Touristen-Hochburgen. Nun, wenige Wochen vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus, haben die Parteien das Thema für sich entdeckt.
In Tokio sind die Probleme ähnlich: Dort leben noch wesentlich mehr Menschen auf engstem Raum zusammen, obendrein ist die Metropole ein absoluter Touristen-Hotspot. Vor allem in den Partyvierteln bleiben da die Hinterlassenschaften liegen, die eine durchgefeierte Nacht so mit sich bringt. Im angenehmsten Fall sind das Bierdosen.
Trotzdem ist Tokio am nächsten Morgen schnell wieder sauber. Unser Korrespondent Felix Lill erzählt, wie das möglich ist. Ich kann schon mal verraten: Das hat viel mit Gemeinsinn zu tun. Nicht nur meckern, sondern machen, kommt mir da in den Sinn.
Und Brüssel versumpft in Chaos und Gewalt
Und noch ein Blick ins Ausland, diesmal nach Brüssel. Wie in Berlin blüht auch dort in einigen Vierteln die Gentrifizierung. Das bedeutet: Unter die Nachbarschaft mit Obdachlosen, Drogenkonsumenten, verfallenen Immobilien und Straßengangs mischen sich hippe Großstädter, die in luxuriösen Penthouses wohnen, sich in teuren Restaurants treffen und in ausgewählten Boutiquen einkaufen.

Positiv ausgedrückt: Es geht dort ziemlich turbulent zu. Allerdings auch gefährlich, denn es toben Bandenkriege, Schießereien, ein offener Drogenhandel. Für die kleinen Kinder der Mittelschichteltern keine schöne Umgebung zum Aufwachsen. Tatsächlich ist es so schlimm, dass der belgische Innenminister von einer nationalen Notlage spricht. Unser Brüssel-Korrespondent Thorsten Knuf berichtet hier aus der inoffiziellen Hauptstadt Europas.
Collien Fernandes im Interview: „Redet“, rät sie von Gewalt betroffenen Frauen
Was mich noch bewegt hat? Tatsächlich ein Interview mit Collien Fernandes. Die Moderatorin und Schauspielerin ist seit Wochen in den Schlagzeilen, weil sie ihren Ex-Mann Christian Ulmen bezichtigt, sie jahrelang digital und körperlich missbraucht, bedroht und geschlagen zu haben. Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung, er weist die Vorwürfe zurück.

Fernandes allerdings sucht seitdem als Aktivistin gegen Missbrauch und häusliche Gewalt die Öffentlichkeit, sie geht auf Demos, positioniert sich in den sozialen Medien. Und sie präsentiert den Film „That’s Why The Lady Is A Champ“ – die wahre Geschichte der amerikanischen Profiboxerin Christy Martin, die sich aus den Fängen ihres gewalttätig-manipulativen Mannes befreite. Der Film habe sie schon getriggert, sagt Fernandes im Interview. Der nach außen so nette Ehemann, die Umwelt, die nicht so recht glauben will, dass er zu Hause ein Gewalttäter ist. Trotzdem, sagt Fernandes, auch wenn Angehörige und Freunde zunächst unterstellten, die Vorwürfe seien eine Lüge: Reden helfe als erster Schritt.
Ich werde nun ein paar Stunden abschalten, irgendwas lesen, Netflix streamen, bevor der Wahlsonntag mich einholt. Ich hoffe, Sie haben etwas Schönes vor. Es grüßt Sie herzlich
Ihre Birgitta Stauber





